Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach liest am 15.3.2018 in Köln auf der Lit.Cologne ©imago/Horst Galuschka/verlag luchterhand
Audio: Kulturradio | 02.03.2019 | Bild: imago/Horst Galuschka/verlag luchterhand

Interview | Ferdinand von Schirach - "'Kaffee und Zigaretten' ist kein Ernährungsberater"

Das neue Buch "Kaffee und Zigaretten" von Ferdinand von Schirach wird von seinem Verlag als das bisher persönlichste Werk des Autors angekündigt. Dabei war das anfangs gar nicht geplant, sagt der Schirach im Interview mit dem rbb.

rbb: Es gibt einen Epsodenfilm von Jim Jarmusch: "Coffee and Cigarettes". Haben Sie an den gedacht bei Ihrem Titel? 

Ferdinand von Schirach: Komischwerweise nicht. Aber ich erinnere mich gerne daran und ich mag diesen Episondenfilm gerne. Das ist ein toller Film. Tatsächlich ist auch "Kaffee und Zigaretten" kein Ernährungsberater, sondern es ist das, was beim Schreiben tatsächlich hilft - und zwar das einzige: Kaffee und Zigaretten. So schlimm ist es. 

Das Buch beinhaltet auch eine elegante Verteidigung des Rauchens und des großen Rauchers Helmut Schmidt. Warum finden Sie eine so unvernünftige Sache wie das Rauchen verteidigungswert?

Ach, man muss ja nicht immer mit allem so vernünftig sein, dann wird das Leben wahnsinnig langweilig. Und bei Schmidt war - auch wenn man ja alles mögliche Gute und Schlechte sagen kann - das Rauchen immer etwas Unbestechliches. Ich mag das gerne, wenn man ein paar Sachen macht, die unvernünftig sind und die nicht dem Mainstream und dem Common Sense entsprechen, weil sonst das Leben auch ein bisschen langweilig wird. 

Eifern Sie Helmut Schmidt nach, indem sie auch an Orten rauchen, wo es nicht erlaubt ist?

Nein. Ich bin ein unfassbar bürgerlicher Mensch und ich traue mich all solche Sachen nicht. Ich würde es manchmal gerne und ich glaube, ich habe jetzt auch mit dem Berliner Ensemble, wo das Buch gelesen wird, eine Absprache, dass ich auf der Bühne rauchen darf, was für mich das Allergrößte ist! Und Kaffee trinken. 

Sie schreiben in dem Raucher-Text auch, dass einige der Utensilien, die für Sie zum Rauchen dazugehören, ein Schutz seien gegen die Hässlichkeit und Brutalität der Welt. Nehmen Sie die Welt dann oft so als hässlich und brutal wahr?

Ja und als zu schnell und zu kompliziert! Bei meinem Flug nach München habe ich mal durchgezählt: Vom Betreten des Flughafens hier in Berlin bis zum Verlassen des Flughafens in München haben sie etwa 46 Verbote.

Dauernd wird Ihnen irgendetwas verboten, was sie nicht tun dürfen. Wie sie sitzen müssen, dass Sie irgendwelche Tischchen hochklappen müssen, was eigentlich, wenn das Flugzeug landet, nicht mehr so wichtig ist. Das ist schon alles sehr anstrengend.

Ihr Verlag kündigt ihr Buch als ihr bisher persönlichstes Werk an. Warum hatten Sie jetzt das Bedürfnis danach, autobiografische Texte zu veröffentlichen?

Das ist mein zehntes Buch. Ich dachte, ich müsste so etwas jetzt mal schreiben. Das ist einfach ein neuer Schritt. Die erste Geschichte führt in meine Kindheit. Ich glaube, es ist so persönlich geworden, weil die 46 Geschichten ohne die erste persönliche Geschichte nicht zu verstehen sind. Es hätte nicht funktioniert, wenn man so abstrakt schreibt und weit entfernt. Insofern ist die Ankündigung des Verlags richtig. Es ist mein persönlichstes Buch.

In der ersten Geschichte geht es um einen Jungen, der mit zehn Jahren in ein Internat im Schwarzwald gebracht wird. Das ist für ihn eine schmerzhafte Erfahrung und er denkt am Anfang noch, das ist so eine Art Tapferkeit und er wird gleich wieder erlöst. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie selbst sind auch mit zehn Jahren in das Jesuiten-Kolleg Sankt Blasien im Schwarzwald gekommen. Sie haben dort auch Abitur gemacht. Wie hat Sie diese lange Zeit dort geprägt?

Ja, das war merkwürdig. Ich kam aus einer ganz geschlossenen Welt. Man lebte so für sich. Das war auf dem Land und in den Häusern meiner Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und das bestand aus Jagd und Langeweile und es passierte einfach nie irgendetwas. Diese Langsamkeit und diese Ruhe und diese Weite und Stille, die ist dann so in meinem Erwachsenenleben vollkommen verloren gegangen.

Ins Internat kam ich, als ich glaube ich noch neun Jahre alt war. Dort war es genau das Gleiche. Das war Jesuiten-Internat, das von einer Klostermauer umgeben war. Das ist ein ganz gutes Bild. So war es eigentlich auch. Man lebte dort sehr für sich und ich begann sehr früh zu lesen und man beschäftigt sich, wenn es so langweilig ist, mit irgendetwas.

Das war so anders als heute. Heute hat man dauernd Beschäftigung, aber als Kinder hatten wir nicht sehr viel. Es gab ja keine Handys und insofern war das schon für mich gut, auf diesem Internat zu sein. Es gab viele Dinge, die mir später auffielen, die nicht so gut dort waren. Aber erst einmal ist es so, dass sich Kinder an alles gewöhnen und auch nicht urteilen, ob das gut oder schlecht ist.

Dieser erste Text ist auch ein sehr melancholischer. Und man findet in einem der späteren Texte in dem Buch einen Satz, der geht so: "Bei unserer Geburt wird ein Pfeil auf uns abgeschossen, der uns im Moment unseres Todes erreicht." Und dieser Gedanke, dass das Leben pfeilschnell an uns vorüber schießt, dass wir nur einen kurzen Moment auf Erden haben, dem bin ich immer wieder begegnet in ihrem Buch. Warum haben Sie diesen Gedanken so stark eingearbeitet?

Weil es mir entspricht. Dieses Bild. Ich weiß nicht mehr, wer mir das gesagt hat mit dem Pfeil, der auf einen abgeschossen wird. Ich erinnere mich sehr genau, dass ich mich früher öfters umgedreht, und geschaut habe, ob wirklich ein Pfeil auf mich abgeschossen wurde. Man dreht sich als Kind ganz schnell um, weil man denkt, hinter einem ist die Welt gar nicht mehr da - und dann denkt man, sie setzt sich wieder zusammen. Für mich war - oder ist - das Gefühl, dass die Zeit begrenzt ist, noch immer sehr stark. Als ob wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind, wie ein anderer Schriftsteller mal gesagt hat.

Aber das ist nicht besonders eingearbeitet, sondern das ist tatsächlich mein Wesen.

Es hat aber auch Momente des Glücks in Ihrem Buch gegeben - nicht nur, wenn es ums Rauchen geht. Einen Moment des Glücks beschreiben Sie zum Beispiel, wenn der Schauspieler Ralph Fiennes in dem Film "A Bigger Splash" tanzt zu einem Song von Mick Jagger. Was macht Sie an dieser Szene glücklich?

Sie müssen diese Szene sehen, sie ist einfach wunderbar, eine der großen Filmszenen! Ich glaube, sie ist durch Zufall entstanden. Die Kamera ist verwackelt, er schaut manchmal direkt hinein. Alles Sachen, die man nicht macht beim Film. Und er tanzt so einen Pool entlang auf "Emotional Rescue". Das ist eine ganz, ganz große Szene. Sie müssen gar nicht den ganzen Film anschauen. Wenn es mir ganz schlecht geht, schaue ich mir manchmal diese Szene auf Youtube an. So seltsam das klingt, man ist mit diesen Szenen und mit dieser Musik mit dem Rest der Menschen verbunden.

Und das ist vielleicht der Punkt, an dem man glücklich werden kann. Wenn man merkt, dass man nicht alleine ist mit seinen ganzen Kompliziertheiten und dem ganzen Quatsch, den man im Kopf hat, sondern dass man immer noch ein Teil der Menschen ist.

Ich habe ja vor einigen Jahren ein Buch mit Alexander Kluge gemacht und da haben wir ganz lange über dieses Thema gesprochen. Was den Menschen ausmacht, ist, das er ein Mensch ist und dass die Menschen zusammengehören. Im Alltäglichen begreift man das nicht so, weil man das Gegenüber in der U-Bahn unangenehm findet oder im Restaurant den Kellner oder irgendetwas. Aber Musik vermittelt oft, dass das glücklich machen kann.

Vorhin haben Sie gesagt, Sie hatten das Gefühl, dieses zehnte Buch jetzt schreiben zu müssen. Ist das dann jetzt auch ein Buch, das Türen aufmacht für künftige Bücher, die vielleicht auch mehr mit ihrem unmittelbaren Erleben zu tun haben?

Ja das ist so. Schauen wir mal wie es funktioniert. Aber das ist ein bisschen die Idee.

Ich habe jetzt andere Sachen, die ich danach machen möchte. Ich möchte erstmal sehen, ob die Leser das überhaupt mögen oder sagen: "Oh Gott, das ist ja so uninteressant!"

Sendung: Kulturradio, 26.02.2019, 15 Uhr

Das Interview führte Frank Meyer, zu lesen ist hier eine redigierte und gekürzte Fassung. Das gesamte Interview hören Sie, wenn Sie auf den "Play-Button" im Titelbild des Beitrags klicken.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren