Porträt-Aufnahme der Autorin Hanya Yanagihara. (Quelle: Jenny Westerhoff)
Bild: Jenny Westerhoff

Interview | Autorin Hanya Yanagihara - "Die Frage unseres Lebens ist die nach gemeinsamen Werten"

Hanya Yanagihara hat am Freitag in Berlin aus ihrem Roman "Das Volk der Bäume" gelesen. Im Interview spricht die Autorin über die wahre Geschichte eines mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Wissenschaftlers, der des Kindesmissbrauchs überführt wird.

Hanya Yanagihara ist 2017 mit ihrem Roman "Ein wenig Leben" berühmt geworden. Nun ist ihr Erstling "Das Volk der Bäume" auf Deutsch übersetzt worden. Darin erzählt die US-amerikanische Autorin die Geschichte des Mediziners Norton Perina. Der entdeckt in den 1950er Jahren auf einer mikronesischen Insel ein Volk, das zuvor keinen Kontakt mit der Außenwelt hatte. Perina beobachtet die Lebensweise dieses Volkes und stößt auf etwas Unglaubliches: Manche Mitglieder des Stammes sind biologisch unsterblich. Diese Entdeckung bringt dem Arzt den Medizin-Nobelpreis ein.

Später scheint Perinas Lebensleistung jedoch entwertet. Es stellt sich heraus, dass er sich an jungen Mitgliedern des Stammes, die unter seiner Obhut standen, sexuell vergangen hat. Yanagiharas Buch basiert auf einer wahren Geschichte: der des Nobelpreisträgers Daniel Carleton Gajdusek, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde.

Am Freitag hat Yanagihara ihren Roman im Großen Sendesaal des rbb vorgestellt – in ihrer einzigen Lesung in Deutschland. 

rbb: Frau Yanagihara, gab es aus dem Umfeld des Wissenschaftlers Gajdusek, auf dessen Geschichte ihr Roman beruht, Reaktionen auf ihr Buch?

Hanya Yanagihara: Mein Onkel, Rick Yanagihara, der tropische Krankheiten erforscht, war ein Kollege von Gajdusek am National Institute for Health in Washington. Was man über Gajdusek sagen muss: Er hat Generationen von großartigen Wissenschaftlern ausgebildet, von denen einige auf meinen Lesereisen zu mir gekommen sind und mir bestätigten, dass ich ein ziemlich realistisches Portrait von ihm zeichne. Was ich immer an Wissenschaftlern in der Forschung bewundert habe, ist, dass sie an einer Person, an einer Sache, viele Aspekte gleichzeitig wahrnehmen können.

Sie haben in einem Interview gesagt, sie wollten mit Ihrem Roman auch eine Geschichte Hawaiis erzählen. Von dort stammt ihre Familie. Was war ihnen dabei wichtig?

Wenn man sich Hawaii anschaut, was dort geschah, der erste Kontakt mit den Ländern des Westens, die von dort eingeschleppten Krankheiten, die Christianisierung, die Zerstörung der einheimischen Kultur und ihrer Traditionen: Das hat sich überall auf der Welt zugetragen. Und trägt sich eben auch im Buch zu – auf dieser mikronesischen Insel, auf der Norton Perina das Mittel entdeckt, das den Körper unsterblich macht.

Mir ging es allerdings in keiner Weise darum, das Leben vor der Kolonialisierung zu romantisieren. Über "Edle Wilde" schreiben, die dort gelebt haben. Denn es war kein edles Leben. Und nicht alles vor der Kolonialisierung war gut. Die Realität ist eben immer sehr komplex.

Sie haben einmal gesagt, Kolonialismus und die Tatsache, dass das, was als moralisch richtig gilt, von Kultur zu Kultur anders ist, haben sie ein Leben lang beschäftigt. Warum?

Das ist doch eine Erfahrung, die jeder Mensch macht, der zwischen Kulturen aufgewachsen ist. Und das sind viele, wenn man nicht nur nationale Kulturen zugrunde legt. Es reicht ja oft auch, von einer ländlich geprägten in eine städtische Kultur zu wechseln. Auch dann erlebt man ja diesen moralischen Relativismus. Es reicht ja schon, Freunde zu haben, die Dinge vollkommen anders betrachten. Es gehört zu den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft, dass man mehr und mehr mit Menschen zu tun hat, die völlig anders denken als man selbst.

Menschen, die sogar Dinge, die man für selbstverständlich, unhinterfragbar gehalten hat, ganz anders sehen. Das macht uns unsicher, treibt uns in die Defensive. Die Frage ist doch: Gibt es absolute Werte, Tabus, die alle Menschen teilen? Vielleicht gibt es eines: den Mord. Aber vielleicht nicht einmal das. Es gibt in den unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Motive, unterschiedliche Rechtfertigungen für Mord.

Und damit wird die Frage beängstigend. Wenn es nichts gibt, was alle Menschen teilen, in Form eines gemeinsamen Wertesystems oder einer moralischen Struktur, wie verhalten wir uns dann zueinander? Ich denke, das ist die Frage unseres Lebens.

In ihrem Buch geht es auch um Unsterblichkeit, um die Verantwortung von Wissenschaftlern und um sexuellen Missbrauch. Sie setzen die Lesenden einer ganzen Fülle von existentiellen Themen, starken Gefühlen und harten Bildern aus. In welchem Zustand sollen wir nach der Lektüre zurückbleiben?

Eine Erfahrung, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, und die sich auf alle Künste übertragen lässt, ist: Ich möchte zu einer Reaktion provoziert werden. Nicht um der bloßen Provokation willen. Ein Kunstwerk sollte Ideen enthalten, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Man muss das Kunstwerk nicht mögen. Wenn es irgendetwas infrage stellt, dessen man sich vorher sicher war, dann erfüllt es schon seine Aufgabe.

Das größte Kompliment für mich wäre, wenn ein Leser sagt: Er weiß nicht, was er von dem Buch halten soll. Wenn das Buch eine Verunsicherung auslöst. Denn das ist das Gefühl, aus dem heraus ich schreibe. Und wenn sich diese Verunsicherung überträgt, dann hat das Buch bewirkt, was ich wollte.

Aus ihrem Buch lesen sie in Deutschland nur in Berlin. Die Stadt scheint ihnen zu gefallen.

Ich liebe Berlin, aber ich bin bisher immer nur im Winter dagewesen. Dieses herrliche, sommerliche Berlin, von dem mir alle vorschwärmen, habe ich noch nie erlebt. Jemand hat  mir von einem Nudisten-Bad erzählt. Das würde mich auch interessieren, aber dafür ist es wohl auch die falsche Jahreszeit.

Was mir aber beim letzten Mal aufgefallen ist: Dafür, dass Berlin eine internationale Stadt ist, hat es sich doch einige fast schon provinzielle Züge bewahrt. Die Geschäfte sind sonntags geschlossen, so etwas findet man in den großen Städten weltweit nicht mehr.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sendung: Radioeins, 08.03.2019, 20 Uhr

Das Interview führte Thomas Böhm , Radioeins.

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