"Der letzte Gast" von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij, Regie: Árpád Schilling (Quelle: JR Berliner Ensemble)
JR Berliner Ensemble
Audio: Inforadio, 16.03.2019, Barbara Behrendt | Bild: JR Berliner Ensemble

Theaterkritik | "Der letzte Gast" im BE - Mehr Windmaschine!

Der Ungar Árpád Schilling lässt am Berliner Ensemble einen mysteriösen Fremden das Leben einer ehemaligen Opernsängerin durcheinanderbringen. Doch leider will er mit "Der letzte Gast" zu viel - es ist kaum mehr als ein heilloses Durcheinander. Von Fabian Wallmeier

Es stürmt auf der Bühne des Berliner Ensembles. Bis in den Zuschauerraum hinein bläst die Windmaschine. Oben zerzausen die Frisuren, laufen die Darsteller ziellos über die Drehbühne und räumen wahllos Möbel und Kram von A nach B. Zweimal passiert das an diesem Abend - es sind seine besten, weil freiesten und unmittelbarsten Momente.

"Der letzte Gast" erzählt von der ehemaligen Opernsängerin Klara (Corinna Kirchhoff), die mit der Hilfe ihres späteren Mannes Helmut (Wolfgang Michael) aus Ost-Deutschland in den Westen kam und dort ihre Karriere begann. Helmut, der einmal ein berühmter Philologe war, ist mittlerweile schwer dement. Klara pflegt ihn, mehr aus Verpflichtung als aus Zuneigung, in einem zerfallenden Haus auf dem Lande. In ihrer Gegenwart kann Helmut nur noch rezitieren, röcheln, gurgeln - und diabolisch lachen, wenn er sich einnässt, was Klara mit vorgeschobener, nervös flirrender Fürsorglichkeit quittiert.

Eines Tages lädt Klara einen wildfremden Taxifahrer (Nico Holonics) spontan zu sich ein, vorgeblich zum Laubfegen, eigentlich aber noch mehr zum Teetrinken und weil sie von ihm eigentümlich angezogen ist. Blau wird der Mann nur genannt. Er kommt aus dem Ausland - aus welchem Land, weiß niemand so genau - nicht Klara und auch nicht seine Freunde Arnold (Sascha Nathan) und Sabine (Inka Friedrich), die er am nächsten Tag mitbringt, um Klaras Haus zu renovieren - noch so eine spontane Eingebung von ihr, die nicht belohnt wird: Von ernsthaften Renovierungsarbeiten kann keine Rede sein - Arnold und Sabine sind damit ausgelastet, sich derb zu streiten, Blau bleibt dabei meist am Rand, um in den entscheidenden Momenten zur Stelle zu sein.

"Er hat einen merkwürdigen Blick"

Nico Holonics spielt diesen Blau auf seine typische Art: ausgestellt linkisch, doch hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit lauert die Bedrohung. Verkniffen steht er da, nestelt im Gespräch mit beiden Händen an seiner Hose herum, senkt die Augen unter seinem verwuschelten Schopf zu Boden und antwortet nur zögerlich und knapp.

Jutta (Judith Engel), Klaras Freundin und vor allem Helmuts deutlich zu vertraute Sekretärin, erschrickt, als sie Blau zum ersten Mal sieht,. "Er hat einen merkwürdigen Blick", sagt sie. "Ich weiß nicht. So wild." Auch Klaras dominante Tochter Berta (Bettina Hoppe) ist argwöhnisch. Zu Recht oder zu Unrecht? Schilling zeigt zwar auch die bedrohliche Seite der Figur: den Verführer, der die Frauen magisch anzuziehen scheint und benutzt, ohne dass sie es bemerken. Doch eindeutig beantwortet Schilling die Frage nicht, er lässt Blau letztlich ein Rätsel bleiben.

Ein Überfluss an Motiven

Das ist gut so, doch neben der Offenheit dieser Figur hat Schilling noch zu viele weitere Offenheiten im Gepäck: Er entscheidet sich nie richtig dafür, ob er den zusammen mit Éva Zabezsinszkij geschriebenen Text nun eigentlich ernst nehmen oder komplett als Farce inszenieren will. Insgesamt hat er sich offenkundig zu viel vorgenommen. Die sieben Figuren passen mit all ihren nach und nach zum Vorschein kommenden Gelüsten und Geheimnissen nicht in die eindreiviertel Stunden des Abends. Dazu kommt ein Überfluss an Motiven, die Schilling nicht zu bändigen weiß: Unter anderem geht es um Ost und West, um Rassismus und die Faszination des Fremden, Standesdünkel und Familiendramen. Schilling lässt das alles lange nebeneinander her laufen, im Rahmen einer halbwegs realistischen Erzählung, die vieles anstupst, ohne je richtig in Fahrt zu kommen.

Im letzten Drittel kippt der Abend und wird noch einmal deutlich interessanter, zumindest für einige Minuten. Da brechen die Figuren aus sich heraus, in einer irrwitzigen Traumszene, in deren Mittelpunkt eine Hochzeit steht. Doch am Ende ist der Traum vorbei, die triste Wirklichkeit mit all ihren losen Enden ist wiederhergestellt.

Wer ist denn nun "der letzte Gast"?

Möglicherweise schlägt sich im Gast-Motiv des Stücks zunächst einmal die Biographie des Co-Autors und Regisseurs nieder: Árpád Schilling hat dem Ungarn von Viktor Orbán dem Rücken kehren müssen, er lebt als Dissident in Frankreich. "Der letzte Gast" könnte hier aber auch vieles und viele andere sein: Die unausmerzbaren Rassismen, die im Menschen lauern. Klara, die ihre Ehe nie richtig wollte, die zwischen Ost und West nie angekommen ist und ihrer Karriere hinterhertrauert. Berta, die droht, bei Klara einzuziehen, wenn Helmut endlich im Pflegeheim ist. Helmut, von dessen Geisteskraft nur noch Reste durchschimmern. Oder natürlich der mysteriöse Blau, der offenbar niemals irgendwo ankommen darf.

Interpretationsansätze gibt es viele - am Ende zu viele, als dass im Stück noch eine einigermaßen stringente Linie erkennbar wäre. Vielleicht hätte Schilling einfach noch ein paar Mal die Windmaschine anschmeißen sollen. Das hätte den Abend zwar nicht in den Theaterolymp fliegen lassen, aber ganz gut illustriert, was er im Kern ist: ein zwar sicher nicht reiz-, aber doch heilloses Durcheinander. Ein klares Ziel ist nicht erkennbar - aber immerhin weht es so schön von der Bühne herunter.

Sendung: Inforadio, 16.03.2019, 8:55 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren