Szenenbild des Stücks "Posauenen aus Havanna" am Gorki-Theater (Bild: Ute Langkafel)
Audio: Radioeins | 22.03.2019 | Cora Knoblauch | Bild: Ute Langkafel

Theaterkritik | Granma. Posaunen aus Havanna - Zwiegespräch mit den revolutionären Großeltern

60 Jahre nach der kubanischen Revolution reist ein Berliner Theaterkollektiv nach Kuba, um Enkel der Revolutionäre zu suchen. Entstanden ist das dokumentarische Stück "Granma. Posaunen aus Havanna", das jetzt im Gorki-Theater Premiere feierte. Von Cora Knoblauch

Eine Mikro-Brigade steht auf der großen Bühne des Maxim Gorki Theaters. Mikro-Brigade heißt: Einer hat Ahnung und leitet die übrigen Laien an. Genauso haben Kubaner in den 1960er Jahren ihre Mietskasernen hochgezogen, lernt das Publikum. Die Bewohner haben sich ihre Häuser selbst gebaut. Damit sind die Zuschauer direkt mittendrin in einer Art Proseminar "Kubanische Geschichte". Die Mikro-Brigade im Gorki muss allerdings nicht lernen ein Dach zu decken, sondern Posaune zu spielen.

Szenenbild des Stücks "Posauenen aus Havanna" am Gorki-T
"So entsteht eine wirklich gerechte Gesellschaft" | Bild: Ute Langkafel

Eher dem Vaterland treu als der Ehefrau

Daniel, Christian, Milagro und Diana, sind die vier Hauptprotagonisten des Abends. Sie erzählen von ihren Großvätern und Großmüttern. Der eine war enger Vertrauter Fidel Castros und später Minister, der andere ein Berufsmusiker, der zur Unterstützung kubanischer Soldaten bis auf die Golanhöhen reiste. Ein weiterer Opa kam als Soldat mit der kubanischen Armee bis nach Angola. Die Großmütter wiederum blieben in der Regel zuhause.

Auch das lernt man an diesem Abend: Die meisten Kubaner wachsen bis heute bei ihren Großmüttern auf. "Liebe deine Heimat mehr als alles andere", sagt eine alte Dame per Videobotschaft zu ihrer Enkeltochter. Der Großvater nahm das durchaus wörtlich: Treue hielt er eher dem Vaterland als Ehefrau.

Dialog mit den Großeltern

Die noch lebenden Großeltern werden in Form von Videos auf die Bühne geschaltet. Schnell wird in diesen Zwiegesprächen mit den Enkeln klar: Die Großelterngeneration lebte und lebt bis zum letzten Atemzug die Revolution. "Mein Opa ist für die Sache bis nach Angola gereist", sagt etwa die Musikerin Diana. Sie selber reise eigentlich nur aus Karrieregründen.

In diesen Momenten schrammt der Abend haarscharf am "Früher war alles besser" vorbei. Milagro zeigt das Lebensmittelmarkenheft ihrer Oma. Lebensmittel waren knapp, aber hungern musste niemand, sagt sie. Diese vielen Obdachlosen in Berlin, die Zeitungen verkaufen, die niemand lesen mag – die wünsche sie ihrem Land nicht.

Da es ein Abend des Theaterkollektivs Rimini Protokoll ist, darf auch die Interaktion mit dem Publikum nicht fehlen. Bei jedem größeren Ereignis in der post-revolutionären kubanischen Geschichte, gibt es einen Baseball-Schlagabtausch mit dem Publikum. Flugblätter werden verteilt und auch mal direkte Fragen ans Publikum gestellt.

Gleichheit und Rassismus

Interessant sind die Widersprüche, die durch die Biografien deutlich werden. Während der Opa von Christian gegen die Apartheit in Südafrika kämpft und von der gesellschaftlichen Gleichheit in seiner Heimat schwärmt, erinnert sich Milagro an die Qualen, wenn ihre Oma ihr die Haare glättete und berichtet vom alltäglichen Rassismus gegen Afrokubaner. Erst nach dem Tod ihrer Oma habe sie ihre Haare so gelassen wie sie sind, gesteht sie.

Und so entstehen die stärksten Momente des Abends im Dialog zwischen Enkeln und Großeltern. Diese Mischung aus einem Hadern mit den Alten und tiefer Bewunderung für sie, die unbeantworteten Fragen und der Wunsch nach einem letzten Gespräch sind universell und berührend.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    „Diese Mischung aus einem Hadern mit den Alten und tiefer Bewunderung für sie,...“

    Was für ein Glück, dass es das sozialistische Kuba mit seinen immer noch revolutionären Alten gibt. Sonst hätte das Gorki-Theater keinen Stoff für den Spielplan. In Deutschland gibt es ja hinsichtlich der Alten nichts zu bewundern. Deshalb geht es den Kubanern auch in sozialistischer Gleichheit schlecht und den Deutschen in der Mehrheit noch gut. Aber die deutschen Sozialisten, angeführt von Merkel, tun ja alles dafür, Gleichheit in Armut herzustellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Schauspieler Vidina Popov, Maryam Abu Khaled, Kendar Hmeidan und Elena Schmidt (l-r) spielen bei der Fotoprobe des Theaterstückes "Herzstück". Quelle: dpa/Annette Riedl
dpa/Annette Riedl

Saisoneröffnung - Container-Love im Maxim-Gorki Theater

Mit Heiner Müllers "Herzstück" eröffnet das Maxim-Gorki Theater nicht nur die neue Spielsaison, sondern auch einen neuen, temporären Spielort: den "Container". Zum Saisonauftakt hat es 200 Zuschauer in den neuen Raum gezogen. Von Cora Knoblauch