Third Generation Next Generation.
Audio: Inforadio | 11.03.2019 | Susanne Bruha | Bild: Ute Langkafel/Maxim Gorki Theater

Theaterkritik | "Third Generation - Next Generation" - "Let me introduce you to the Schweigefuchs"

Yael Ronen lässt am Berliner Maxim Gorki Theater ihren Schaubühnen-Hit "Dritte Generation" wiederauferstehen. Die deutsch-israelisch-palästinensische Gruppentherapie wirkt nicht mehr ganz so frisch - bis Dimitrij Schaads Stunde schlägt. Von Fabian Wallmeier

Zehn Stühle stehen auf der Vorbühne in einem angedeuteten Halbrund, dahinter der Eiserne Vorhang - sonst nichts. Yael Ronens "Third Generation - Next Generation" am Maxim Gorki Theater sieht genauso aus wie "Dritte Generation" vor zehn Jahren an der Schaubühne und ist auch sonst nicht sehr viel weiter gekommen.

In beiden Stücken treffen deutsche, israelische und palästinensische Schauspieler der dritten Generation aufeinander - Enkel der Nazis, der Holocaust-Überlebenden und der Opfer der sogenannten Nakba, der Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus dem heutigen Staat Israel. Sie spielen fiktionalisierte Versionen von sich selbst. In Monologen, Dialogen und Schreigefechten umkreisen sie den Nahost-Konflikt nicht nur, sondern nehmen ihn aus ganz persönlicher Warte ins Visier, ohne jede Schonung und mit sehr viel tiefschwarzem Humor.

Ayelet Robinson, Abak Safaei-Rad, Lamis Ammar, Knut Berger,, Yusuf Sweid, Orit Nahmias, Michael Moshonov in THIRD GENERATION NEXT GENERATION von Yael Ronen (Quelle: MAIFOTO/Langkafel)
Bild: MAIFOTO/Langkafel

Als "Dritte Generation" vor zehn Jahren an der Schaubühne herauskam, gab es Proteste. Ronen verharmlose den Holocaust, warf ihr der Gemeindeälteste der Jüdischen Gemeinde vor. Die Wogen glätteten sich zwar schnell und das Stück wurde ein großer Erfolg, doch dass Yael Ronens Theater einmal so umstritten war, ist heute kaum noch vorstellbar. Längst hat sich ihre Mischung aus Doku-Theater und Comedy, aus multinationaler Gruppentherapie und Screwball-Komödie in Berlin etabliert. Am Gorki ist sie seit 2013 Hausregisseurin, zweimal war sie zum Theatertreffen eingeladen.

Bormann entschuldigt sich um Kopf und Kragen

Wie 2009 gibt Niels Bormann auch in "Third Generation - Next Generation" mit großem komischem Geschick den Conférencier, einen gutmeinenden Linken, der jede sich bietende Gelegenheit, mal kurz den Mund zu halten, verpasst. In bester Absicht redet er sich fremdschaminduzierend um Kopf und Kragen, und vor allem entschuldigt er sich permanent: für den Holocaust, für seine Kollegen, für den NSU. Letzteres ist neu, denn der NSU war vor zehn Jahren noch unbekannt.

Ansonsten ist im Vergleich zum Schaubühnen-Abend erst mal sehr wenig neu. Die Konfliktlinien sind mehr oder weniger dieselben geblieben, viele der Schauspielerinnen und Schauspieler sind dieselben, und einige der Szenen sind dieselben. Doch dieses Mal entfaltet die Ronensche Mischung nicht mehr ihre volle Wirkung, die Abfolge zu vieler unverbundener Einzelszenen ist nicht mehr erfrischend, sondern wirkt ziemlich schnell altbacken und fahrig. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass Ronen in der Zwischenzeit viel konzentriertere, schmerzhaftere, klüger gebaute Stücke herausgebracht hat. Vor allem die beiden zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen sind dieser "Dritte Generation"-Neuauflage klar überlegen: "Common Ground", in dem ausgehend von einer Bosnien-Reise der Balkan-Konflikt greifbar wird, und mit "The Situation" ein weiteres Stück über den Nahost-Konflikt.

"Auschwitz like wowwowwow!"

So dümpelt der Abend ein bisschen vor sich hin, nach anfänglicher Wiedersehensfreude wirkt er zunehmend redundant. Alte Szenen werden wiederholt. Einige davon sind immer noch schmerzhaft gut, vor allem die, in der israelische Teenies von ihrer Tour durch die KZ-Gedenkstätten plappern ("Auschwitz like wowwowwow!"). Ähnliche neue Szenen kommen hinzu, aber mehr als unterhaltsam sind sie nicht. Auch die meisten der Schauspielerinnen und Schauspieler, die neu dabei sind, können der Konstellation des Stücks nichts aufregend Neues abgewinnen. Oscar Olivos Auftritt als schmieriger amerikanischer Mediator etwa kommt allzu platt daher. Die offenen Anspielungen auf Donald Trump sind billige Lacher, die von ihm propagierte Zwei-Staaten-übereinander-Lösung ein müdes Witzchen.

Das Unbehagen kommt spät... aber es kommt

Doch dann kommt Dimitrij Schaad. Sein Monolog ist die den gesellschaftlichen Gegebenheiten von heute angepasste Version einer "Irgendwann ist auch mal gut"-Rede im Schaubühnen-Stück. Die meiste Zeit hat Schaad links gesessen und nichts gesagt, dabei ein zunehmend unbeteiligtes und schließlich genervtes Gesicht gezogen. Doch nun bricht es aus ihm heraus. "Let me introduce you to the Schweigefuchs", keift er, spricht von Regeln im deutschen Theater, dass man zu schweigen habe, wenn ein anderer spricht.

Was er da spricht, löst endlich das Unwohlsein aus, das der Abend bislang nur angekitzelt hat. Erst noch unterdrückt-gelangweilt, dann immer stechender bringt er mit alle anderen gegen sich auf, beschimpft sie als "überemotionale Sackgassenbewohner" - und ruft schließlich sogar das Ende der "Multikulti-Möse Dimitrij Schaad" aus. Kalt und ätzend gibt Schaad einen rechtspopulistischen Zündler, der unverhohlen die erste Strophe des Deutschland-Lieds zitiert und in seiner sich heranschleichenden Art umso wirksamer ist. Da ist der Abend wieder so gut, wie Ronens Arbeiten es in ihren besten Momenten sind.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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Antwort auf [Frank Caststadt] vom 11.03.2019 um 18:42
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1 Kommentar

  1. 1.

    Nun, wer Englisch als seine Muttersprache hat, könnte den Abend gut überstehen. Ich war enttäuscht. Außer Geschrei brachte der Abend nichts.
    Schade, dass es auch hier nicht damit getan ist, dass man, wenn man die 1.Strophe unserer Nationalhymne (Deutschlandlied) sind, natürlich ein "rechtspopulistischen Züngler" ist. Zumal das Absingen dieser Strophe nicht verboten ist.

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