Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), mit den Sesamstraßen-Figuren Ernie und Bert (Quelle: imago/Ralf Müller)
Video: zibb | 19.03.2019 | Corinna Meyer / Britta Elm | Bild: imago/Ralf Müller

Deutscher Hörfilmpreis - Ernie und Bert erobern die Herzen des Hörfilm-Publikums

Rund 1,4 Millionen Blinde und Sehbehinderte in Deutschland erleben Film und Fernsehen mit Hilfe von Hörfilmen. Die besten unter ihnen wurden am Dienstagabend zum 17. Mal in Berlin prämiert. Sieger des Abends war die "Sesamstraße". Von Henning Schmidt

Der Preis heißt tatsächlich "ADele". in Anlehnung an den Begriff Audiodeskription (AD), denn die teilnehmenden Filme müssen mit einer hochwertigen Bildbeschreibung versehen sein. Zum 17. Mal verlieh der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) am Dienstagabend den Deutschen Hörfilmpreis - in vier Kategorien: Kino, Fernsehen, Dokumentation sowie  Kinder-/Jugendfilm. Mit dem Jury- und dem Publikumspreis kommen zwei weitere Kategorien hinzu.

Von "Bad Banks" bis zur "Sesamstraße"

Gewinner des Abends in der Berliner Telekom-Repräsentanz war die "Sesamstraße". Der Fernseh-Dauerbrenner für Kinder wurde gleich zweimal ausgezeichnet: Folge 2.815 ("Selbstgemacht schmeckt's am besten", eingereicht vom NDR) gewann nicht nur den Preis in der Kategorie Kinder-/Jugendfilm. Auch der Publikumspreis ging an die Episode, in der die Sesamstraßen-Figuren Grobi und Elmo ein Restaurant eröffnen, einschließlich eines witzigen Auftritts von Ernie und Bert.

Weitere Preise erhielten die ZDF-Serie "Bad Banks" (Kategorie Fernsehen), das Weltkriegsdrama "Der Hauptmann" von Robert Schwentke (Kategorie Kino) sowie "Ein Jahr auf Kihnu" vom MDR (in der Kategorie "Dokumentation"). Der Sonderpreis der Jury ging an die arte-Produktion "Absturz ins Leben" von Thomas Vincent.

Eindrucksvoll zeigten die ausgezeichneten Produktionen, wie Filme durch den kunstvollen Einsatz von Bildbeschreibungen auch für Blinde und Sehbehinderte plastisch erlebbar werden können.

Starke Bilder durch ausdrucksstarke Bildbeschreibung

Ein guter Hörfilm müsse klare Qualitätskriterien erfüllen, sagte Jan Meuel vom DBSV. Im Grunde müsse er Blinden und Sehbehinderten dasselbe Filmerlebnis bieten, wie es sehende Zuschauerinnen und Zuschauer haben. Das erreiche er am besten, indem er mit Hilfe ausdrucksstarker Sprecher die Stimmung des Films transportiere.

Zwischen den Dialogen müsse der Handlungsverlauf sprachlich präzise und mit vielen Adjektiven auf den Punkt gebracht werden. Auch das Dekor und die handelnden Personen müssten anschaulich beschrieben werden. Seit seiner Einführung im Jahr 2002 habe der Deutsche Hörfilmpreis dabei für einen deutlichen Auftrieb gesorgt, nicht nur bei der Qualität der Filme. Es gebe heute auch deutlich mehr Hörfilme als früher, betont Meuel.

Jury aus sehenden und blinden Menschen

Wer die "ADele" genannte Trophäe am Ende in Händen hält, entscheidet eine gemischt besetzte Jury aus Blinden und Normalsehenden. Mit dabei die Berliner Filmproduzentin Alice Brauner. Sie schaue Hörfilme, indem sie zwischendurch die Augen schließe und dann kontrolliere was der Bildbeschreiber wirklich gesehen. hat. Dann stelle sie sich die Frage, ob alles so transportiert wurde, wie sie es sich vorgestellt hat. Entscheidend für ihre Filmbewertung sei am Ende folgende Frage: "Kann ich den Film wirklich mitleben, mitfühlen und mitgehen mit der Audiodeskription?"

Große Gala mit Showact und vielen Promis

Durch den Abend führte TV-Moderator Steven Gätjen. Als Showact setzt Schauspieler Tom Schilling mit seinen "Jazz Kids" musikalische Akzente. Schilling war zugleich für einen Preis nominiert, ging aber leer aus. Bemerkenswert ist die Promidichte. Obwohl es sich um einen eher unbekannten Nischenpreis handelt, machten viele bekannte Gesichter aus Film, Fernsehen und Politik dem Deutschen Hörfilmpreis ihre Aufwartung, darunter Samuel Finzi, Lisa Martinek, Muriel Baumeister oder Milan Peschel. Auch Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis90/Die Grünen) und der Bundes-Behindertenbeauftragte Jürgen Dusel waren unter den Galagästen.

Audiodeskription als Voraussetzung für Fördermittel

"Man muss Filme nicht sehen, um sie zu lieben" - diesem Motto ist der Hörfilmpreis auch in diesem Jahr gerecht geworden. Dabei ist die gesellschaftliche und medienpolitische Bedeutung des Hörfilms nicht zuletzt deshalb gestiegen, weil seit 2013 auch Blinde und Sehbehinderte in der Regel den Rundfunkbeitrag bezahlen müssen. Daraus ergibt sich umgekehrt eine Verpflichtung für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ihre Angebote barrierefrei, also für alle zugänglich zu machen.

Anders die Privatsender. Diese machen sich beim Thema Audiodeskription "seit Jahren vom Acker", damit müsse Schluss sein, so Bundestagsvizepräsidentin Roth. Positiv hingegen ist zu vermerken, dass die Bildbeschreibung inzwischen zu einer Bedingung für Gelder aus der Filmförderung geworden ist. Seitdem ist die Zahl der Kinofilme mit Audiodeskription deutlich gestiegen.

Sendung: zibb, 19.03.2019, 19.00 Uhr

Beitrag von Henning Schmidt

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren