Archivbild: Ryan Bingham beim Montreux Jazz Festival. (Quelle: dpa/Gilleron)
Audio: Inforadio | 30.04.2019 | David Krause | Bild: dpa/Gilleron

Konzertkritik | Ryan Bingham im Heimathafen - Ein Cowboy erobert Neukölln

Oscar, Grammy, Golden Globe: Nur Neukölln fehlte noch auf der Bucket-List vom Country-Sänger Ryan Bingham. David Krause fürchtete das Schlimmste, als am Montag auch dieser Punkt abgehakt wurde - und wurde schwer überrascht.

"Howdy!" Dieses Wort beschreibt eigentlich ziemlich gut, wie weit oben (für mich) bislang Country auf der Coolness-Skala stand. Alles lieber, als einen Song dieser Musikrichtung anzuhören.

Doch dann kommt Bingham. Seine Zähne so weiß wie sein Hut, bei seinem Auftritt am Montag im Heimathafen trägt er eine grüne Hose. "Howdy!" Aber gut. Als der 38-Jährige anfängt zu singen, bin ich schlagartig Fan. Seine raue Stimme und die klischeehaften Melodien lassen Texas Einöden in meinem Kopf entstehen (wahlweise auch das hiesige Pendant: Falkensee). Nur er und seine Gitarre auf der Bühne, davor ein sitzendes (!) Publikum, das vermutlich dieselben Bilder gerade im Kopf hat, wie ich.

Archivbild: Ryan Bingham bei einem Auftritt in der Wüste, Joshua Tree National Park. (Quelle: imago/Poller)
Ryan Bingham bei einem Auftritt in der Wüste, Joshua Tree National Park. | Bild: imago/Poller

Von Cowboys und Mariachi

Binghams Background allein ist filmreif, passt auch, denn er ist mit einer deutschen Regisseurin verheiratet. Geboren in New Mexico, mussten er und seine Eltern immer wieder umziehen. Auf der Bühne erzählt er: "Immer wenn das Licht nicht anging, wenn ich auf den Schalter gedrückt habe, wusste ich: Zeit für einen Umzug." Er landet in der Einöde Texas. Als Cowboy bei Rodeoshows arbeitet er. Seine Oma will, dass er seine Zeit besser nutzt. "Geh doch zur Armee", schlägt sie ihm vor. Er nimmt stattdessen den Ratschlag und die Gitarre seiner Mutter an.

Durch einen Zufall lernt er jemanden kennen, der ihm auch beibringt, ordentlich zu spielen: ein Mariachi-Musiker. Im Heimathafen spielt Bingham auch seine allerersten Stücke. Anheizendes Gepfeife schrillt durch den Saal.

Gestrandet in Paris

Immer wieder sind es die Geschichten aus seinem Leben zwischen den Songs, die das Publikum mitnehmen in eine Welt, die es vermutlich nur aus Filmen kennt. Mal lustig, oft tragisch. Zum Beispiel als er über viele Umwege als Musiker im Disneyland Paris landet, dort gefeuert wird und in Paris strandet. Oder wie Bingham einen goldzahnigen, cowboyartigen, windigen Typen kennenlernt, der immer Zigarren aufschneidet, um Marihuana reinzumischen. Bingham erzählt seine Erlebnisse so liebevoll und immer mit einem Lächeln, dass das hier auch ein privater Abend mit ihm in einer Bar sein könnte.

2009 gewinnt er einen Oscar für den besten Film-Song. Einen Golden Globe und Grammy hat er ebenfalls Zuhause stehen. Allüren sind bei ihm aber keine zu spüren. Ohne Tamm-Tamm steht allein er mit seiner Gitarre auf der Bühne, zwischendurch nimmt Bingham einen Schluck aus einem Weißweinglas.

Seine emotionalen Songs, die Geschichten aus Texas und auch seine politischen Andeutungen gegen Trump machen aus Künstler und Publikum beste Freunde. Bingham hat den Montagabend im Heimathafen zum berührenden Erlebnis gemacht - ob man Country jetzt mag oder nicht.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    "Seine Oma will, dass er seine Zeit besser nutzt. "Geh doch zur Armee", schlägt sie ihm vor."
    Was für ein Abgrund! Dieser Satz erinnert mich an das, was Tucholsky über das (auch heute noch unbedingt lesenswerte!) Buch "Krieg dem Kriege" von Ernst Friedrich schrieb: „... dieses Grauen kennt ja keiner von denen. Und man sollte das Buch auch Frauen zeigen, gerade Frauen zeigen.“

  2. 1.

    Hatte direkt Gänsehaut beim Lesen. Schöne Kritik.
    Schade, dass ich es verpasst habe.

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