Archiv: Sängerin Aida Garifullina am Donnerstag, 12. Februar 2015, während der Eröffnung des Opernballes 2015 in der Wiener Staatsoper. (Quelle: dpa/Georg Hochmuth)
Audio: Inforadio | 20.04.2019 | Jens Lehmann | Bild: dpa/Georg Hochmuth

Festtage-Konzert mit Ersatzsolistin Garifullina - Netrebko 2.0

Die Berliner Philharmoniker sind auf Reisen - und überlassen der Staatskapelle das Feld. Wie immer zu Ostern gastiert das Orchester der Linden-Oper mit seinen Festtagen in der Philharmonie - doch diesmal ist den Musikern ihr Stargast abhandengekommen. Von Jens Lehmann

Die Staatskapelle hat aber auch Pech. Erst vor ein paar Wochen hat Waltraud Maier ihren Auftritt mit dem Orchester abgesagt, jetzt musste Anna Netrebko beim Karfreitagskonzert passen. Klar: Mit einer Kehlkopfentzündung ist nicht zu spaßen. Und doch ist die Enttäuschung fast schon mit Händen zu greifen. Schließlich sind viele Fans von weit her angereist, um den Superstar zu erleben. Erstaunlich viele Plätze in der Philharmonie bleiben leer, was aber auch an den gesalzenen Kartenpreisen liegen kann.

Erst "La Traviata" überzeugt das verwöhnte Berliner Publikum

Wie gut, dass mit der jungen Sopranistin Aida Garifullina gerade eine Art Netrebko 2.0 Unter den Linden zu Gast ist. Auch sie ist Russin, auch sie lebt in Österreich und auch sie hat schon vor ausverkauften Stadien gesungen - das merkt man übrigens auch an ihren fast schon übertriebenen, raumgreifenden Gesten in ihrem schulterfreien Rüschentraum in grün-weiß an.

Doch stimmlich will der Funke in der Philharmonie lange nicht überspringen. Klar, wer Netrebkos große, warme Stimme erwartet, kann mit dem deutlich kühleren, eng geführten Organ der Garifullina nicht viel anfangen. Auch die Auswahl der Arien wirkt eher unglücklich. Nach den beiden Szenen aus Rigoletto bleibt der Applaus verhalten. Erst mit "Addio del passato" aus La Traviata kann die Garifullina auch das verwöhnte Berliner Publikum überzeugen - und wirft Kusshände ins Rund.

Drum herum hat Daniel Barenboim eine Art Verdi-Best of zusammengestellt. Schon gleich zu Beginn lässt er es mit der Ouvertüre zu den "Vespri Siciliani" ordentlich krachen. Vor der Pause gibt es das Preludio aus "La Forza del Destino" - auch dies ein gern gehörter Klassiker des Repertoires. Und Barenboim ist in seinem Element. Dirigiert auswendig, tanzt auf seinem meterhohen Podest herum, dass man fast schon Angst bekommt. Und mitten rein summt und schunkelt sich die ganze Philharmonie durch den Gefangenenchor aus Nabucco. Affe - Zucker - sie verstehen.

Der Rundfunkchor kann einem leidtun

Was da so voll und rund in die Philharmonie tönt, ist der Rundfunkchor. Der hat nach der Pause seinen großen Auftritt. In den verflixt schweren Quattro Pezzi Sacri, den vier geistlichen Stücken von Verdi, die viel zu selten zu hören sind - und das Publikum merklich überfordern.

Konnte man im ersten Teil des Konzertes noch Stecknadeln fallen hören, wird hier auch in den heiklen a cappella Passagen des Chores geraschelt, gehustet und geschnaubt, dass einem der Chor richtig leidtun kann. Das kann er einem aber auch so. Denn an Barenboim ist nun wahrlich kein großer Chordirigent verloren gegangen. Manche Einsätze können die Sängerinnen und Sänger nur erraten. Und wer hat ihnen bloß das unschöne Vibrato in den Frauenstimmen eingeredet?! Na, vielleicht geht das noch als Italianitá durch. Barenboim zeigt jedenfalls eindrucksvoll, wie nah diese geistlichen Werke Verdis Opernwelt sind. Und sorgt nach all der Silvesterkonzert-Seligkeit des ersten Teils für Karfreitags-Zauber à la Verdi.

Sendung: Inforadio, 20.04.2019, 08:00 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wenn Frau Netrebko wirklich krank war tut es mir leid und ich wünsche ihr gute Besserung damit sie in Wien, Salzburg oder New York wieder bei Stimme ist.... Von 30% war mir nichts bekannt, habe also voll bezahlt.Trotz der tapferen Aida Garifullina war der erste Teil für mich der reine Horror. Gut bürgerliches Kaffee - Kränzchen Niveau, die Auswahl tat weh, der Negativ Clou: der Gefangenen Chor. Festtage? - ich bitte Sie!
    Der zweite Teil nötigte mir dann doch Respekt ab, ein monumentales Werk das Kraft und Konzentration verlangt, hier und nur hier fand ich ein Bravi gerechtfertigt.
    Gunter Kayser

  2. 4.

    Ich habe 150 Euro für die Karte gezahlt. Anna wäre es wert gewesen. Netterweise wurden 30 Prozent erstattet. Lustigerweise kann man den Kommentar von gestern 1:1 auf den heutigen Nachmittag übertragen. Auch das Publikum hat sich genauso verhalten wie Freitag. Zusätzlich kam aber heute noch hinzu, dass eine Dame in unserem Block ständig beim Applaus jubelte als ob sie bei einem Popkonzert wäre. Ihr huuhuhu war überall zu hören. Trotzdem alles in allem ein Konzert was hörenswert war.

  3. 2.

    In der Philharmonie Berlin - so wie es im Text nach der Überschrift auch beschrieben steht: "Wie immer zu Ostern gastiert das Orchester der Linden-Oper mit seinen Festtagen in der Philharmonie".

    Freundliche Grüße,
    die rbb|24-Redaktion

  4. 1.

    Wo bitte fand das Konzert den nun statt? Oben steht Lindenoper, unten Philharmonie. Mein Eintrittspreis für die Philharmonie heute Betrug übrigens 29,70€, Block K. Kann man nicht meckern.

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