Sina Martens als Desdemona spielt am 11.04.2019 in der Fotoprobe zum Stück "Othello" im Berliner Ensemble (Bild: dpa/Wolfgang Kumm)
Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Theaterkritik | "Othello" am Berliner Ensemble - Ein Abend voller Blut und Testosteron

Michael Thalheimer inszeniert wieder Shakespeare. Nach "Macbeth" hat sich der Hausregisseur des Berliner Ensembles jetzt "Othello" vorgenommen. Er setzt auch in dieser Inszenierung wieder auf Blut, Lust und tierische Triebe. Von Nadine Kreuzahler

Die Bühne ist zu Beginn tiefschwarz. Ein Trommeln ertönt. Zwei nackte Körper schälen sich aus dem undurchdringlichen Dunkel heraus. Othello und Desdemona. Er: in rote Farbe getaucht. Sie: kalkweiß begossen. Animalisch fallen sie übereinander her, wälzen sich auf der Bühne, schlecken sich gierig ab, deuten den Geschlechtsakt an und wirken dabei wie Tiere.

Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass Sina Martens als Desdemona ihre Zunge immer wieder weit herausstreckt und flattern lässt. Man ahnt es in diesen ersten Minuten schon – auch dieser Shakespeare von Michael Thalheimer setzt auf Triebsteuerung und ist auf Krawall gebürstet.

Kein Blackfacing - oder doch?

Im gierigen Liebesspiel zwischen Othello und Desdemona vermischt sich sein Rot mit ihrem Weiß. Dabei steht ja bei "Othello"-Inszenierungen immer zuerst die Frage im Raum: Wer soll ihn spielen, den bei Shakespeare schwarzen General, den "Mohr von Venedig"? Auch am Berliner Ensemble ist es wieder mal kein schwarzer Schauspieler. Blackfacing, das rassistische Schminken weißer Schauspieler mit schwarzer Farbe, kommt nicht infrage.

Stattdessen löscht Thalheimer Othellos Hautfarbe komplett aus, lässt Ingo Hülsmann die rote Farbe wie eine Ganzkörpermaske tragen. Alle anderen Schauspieler sind ebenfalls weiß und tragen zusätzlich dazu noch weiße Farbe im Gesicht und auf ihren Händen. Ein uniformierter Chor agiert im hinteren Bühnendunkel. Alle tragen dieselben blaugrauen Mäntel und weiße Masken, Kissenbezüge mit ausgesparten Schlitzen für Augen und Nasen, ein Szenario wie aus einem Horrorfilm. Oder doch ein Blackfacing-Kommentar?

Männer sind Testosteronbomben - Frauen willige Opfer

Rassismus, die Ausgrenzung alles Fremden – bei Shakespares "Othello" ein wichtiges Thema – wird allerdings gar nicht weiter behandelt von Thalheimer. Nur im Programmheft sind Texte dazu zu finden, von Achille Mbembe, Slavoj Žižek, Frantz Fanon. Überhaupt fehlt auf der Bühne der Blick auf das Große Ganze, stattdessen bleibt die Inszenierung im allgemeinen Eifersuchtsdrama stecken.

Die Männer sind dabei entweder vollgepumpt mit Testosteron oder machtbesessene Intriganten. Jago, die diabolische Giftspritze, die alle gegeneinander ausspielt und Othello durch Einflüsterungen dazu bringt, zu glauben, dass seine Frau ihn mit dem Soldaten Cassio betrügt. Die Frauen sind nur Spielbälle und Opfer dieser Männer. Gerade Desdemona wirkt wie das überzogene Horrorbild einer schönen, aber naiven Frau, derangiert mit wirrem Haar, das geblümte und weiße Kleid rot befleckt, ist sie nur darauf bedacht, sich Othello willig an den Hals zu schmeißen.

Während Emilia, die Frau des Bösewichts Jago, ein berlinerndes Lästerweib ist. Die Männer sind spuckende, brüllende, sich auf die Brust klopfende Testosteronkeulen, bemitleidenswert im Grunde genommen. Ein Auslaufmodell, verzweifelt gegen den Untergang ankämpfend. Daraus hätte man mehr machen können. Nur bleibt am Ende bei Thalheimer vor allem Geschrei und Gespucke übrig. 

Ein Feuerwerk aus Eifersucht, Leidenschaft und Intrigen

Machtbesessenheit und Besitzansprüche, Eifersucht und Kräftemessen sind die einzigen Motivationen. Und es stellt sich die Frage: hätte man diesem "Othello" nicht mehr Dringlichkeit verleihen können? Es steckt viel drin: Rassismusdebatte, Genderdebatte – wirklich verhandelt wird davon nichts. Stattdessen immerhin ein Feuerwerk aus Eifersucht, Leidenschaft und Intrigen, getragen von starken Schauspielern.

Allen voran Ingo Hülsmann als Othello, der vom stolzen General erst zum stammelnden Männchen und dann zum rasenden Mörder wird. Peter Moltzen als Intrigant Jago tanzt diabolisch im Stroboskop-Gewitter, schleimt sein Gift genüsslich in Othellos Ohr und bringt allein mit Blicken all seine Verschlagenheit zum Ausdruck.

Eine viel zu bekannte Masche

Wie schon bei seiner "Macbeth"-Inszenierung setzt Thalheimer auch bei "Othello" wieder auf ein minimalistisches, leeres Bühnenbild: außer einer hölzernen Drehbühne und einem tiefen Schwarz im hinteren Bühnenraum ist nichts.

Dazu begleitet der Schlagzeuger Ludwid Wandinger das Geschehen permanent. Ein Klopfen, Scheppern, ein Gewitter, Klang-Explosionen. Das legt eine ständig mitschwingende Erwartung und Ungeduld in den Raum. Diese steigert sich immer mehr, denn Blut, Triebe und Radau – das ist eine leider schon viel zu bekannte Masche.

Sendung: Inforadio, 14.04.2019, 6.00 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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1 Kommentar

  1. 1.

    Liebe Nadine, ich würde ihnen diese Inszenierung gerne erklären obwohl ich sie nicht gesehen habe (weil für einge Zeit in Süddeutschland). Ihre Art der Beschreibung ist wunderbar, die abgeleiteten Abstraktionen direkt verständlich, so als ob ich bei der Vorstellung gewesen wäre. Ihre Kritikpunkte sind leider, ich sag mal, das ist nicht beleidigend gemeint: mädchen-populistisch-politisch.

    Michael Thalheimers Ansatz ist ein Reset auf unsere persönliche Basis ("tierischen :-) Triebe") um von da aus unser Wahrnehmungs- und Interpretionssystem neu zu starten. Erstmal bereinigt von vorher im Laufe des Betriebs fehljustierten Programmen und eingenisteten Trojanern (z.B. die von ihnen verwendeten Buzzer Gender, Rassismus, Debatte ...) kann unsere menschliche bzw. tierische Welt klarer wahrgenommen werden und das System läuft, vom einigem Ballast befreit, wieder ordentlicher. Solche Nutzeffekte lassen direkt körperlich, vor Ort im Theater, gut erzeugen, wenn man sich darauf einlassen kann.

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