Ennio, The Living Paper Cartoon, auf der Bühne, Quelle: rbb
Audio: Inforadio | 17.04.2019 | Ute Büsing | Bild: rbb

Showkritik | "Living Paper Cartoons" im Tipi - Wenn buntes Papier lebendig wird

Seit 16 Jahren kommt der Italiener Ennio Marchettomit seinen rasanten Verwandlungs-Shows schon nach Berlin. Jetzt hat er einige neue Charaktere in seinen Reigen lebendiger Papier-Cartoons aufgenommen. Von Ute Büsing

Er ist ein blitzschneller Verwandlungskünstler. In Sekundenbruchteilen wechselt er wie ein Chamäleon die Pop-Ikonen-Identitäten. Er verwandelt sich von Sängerin Gitte, die 'nen Cowboy als Mann will, zu Pippi Langstrumpf, vom zur Büste erstarrten Beethoven zu Boney M, von der formstrengen Queen zum total befreiten Freddie Mercury.

Ennio Marchetto ist ein Quick-Change-Artist, so heißt die alte Varietékunst des raschen Kostümwechsels. Der Venezianer kombiniert sie mit Comedy. Herauskommen bei dem vielfach preisgekrönten Künstler knallbunte belebte Papier-Cartoons. Denn, was sich Ennio wie Schürzen um den Bauch bindet und wie Masken übers Gesicht streift, sind fantasievolle Papierkreationen. Dank raffinierter Klapptechnik schafft er in 60 Minuten Show 50 populäre Charaktere.

Schaulaufen von Ikonen aus Pop und Politik.

Der 59-jährige ist bald ein Vierteljahrhundert im Quick-Change-Geschäft. Seine Technik hat er so perfektioniert, dass er die Papierkostüme wie eine zweite Haut trägt. Dazu dreht und wendet er sich wie eine wandelnde Jukebox zu den Greatest Hits seiner Protagonisten aus Pop und Politik.

Die französische und die englische Nationalhymne werden locker in den parodistischen Kanon integriert, wenn die Queen aufläuft oder Napoleon, sich mit "J’taime" konfrontiert sieht. Aus Modeschöpfer Karl Lagerfeld mit weißer Katze und weißem Fächer wird mit ein paar Handgriffen eine kreischige Beyonce. Frida Kahlo im mexikanischen Fantasiefolkloregewand verwandelt sich in Rex Gildo. Allerdings erschöpft sich der Überraschungseffekt doch rasch. Das Prinzip ist leicht durchschaubar.

Klischees und kleine ironische Kommentare

Ennio Marchetto reduziert die Pop-Ikonen doch überwiegend auf Klischees. Also wippen bei Marilyn Monroe in einer seiner ältesten Nummern die Brüste und ihr Rock hebt sich - so wie in der berühmten Filmszene aus "Das verflixte siebte Jahr" über einem New Yorker Luftschacht. Reinhard Mey hat "Über den Wolken" eine Klampfe umgeschnallt, sieht aber aus wie Heino, der doch später einen eigenen Auftritt hat, zwischen Rammstein, James Last und Marianne Rosenberg. Nicht immer gelingen kleine ironische Kommentare so gut wie bei Sängerin Andrea Berg, die in einem VW-Diesel-Käfer mit Umweltvignetten auf der Windschutzscheibe vorfährt.

Umjubelter Sympathieträger

Dennoch: ein Abend mit Ennio ist ein abwechslungsreicher mit hohem Spaßfaktor. Auch die in Volumen 2 neu aufgenommenen Charaktere zieht er bewährt liebevoll durch den Kakao.  Etwa Nena, die mit ihren "99 Luftballons" zu Max Raabe mit einem "kleinen grünen Kaktus" am Gewand wird. Das Publikum errät meist nach ein paar Takten Musik, einem charakteristischen Merkmal oder einer typischen Geste wer gemeint ist. Die magische Verwandlungskunst des Italieners wird ausgiebig mit "Ah" und "Oh" bestaunt. Zum ersten Mal zeigt sich Ennio sekundenkurz auch quasi nackt, seiner Papierkostüme entkleidet, mit kahl geschorenem Schädel und schwarzem Trikot. Ein umjubelter Sympathieträger – vor allem für jene, die ihm noch nie beim Quick Change zugesehen haben.

Sendung: Inforadio, 17.04.2019, 06:55 Uhr

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