Eine Frau blättert in Katalogen zum Gallery Weekend 2019 in Berlin. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Video: Abendschau | 27.04.2019 | Christian Titze | Bild: dpa/Christoph Soeder

Gallery Weekend - "Ich bin Pop und ich bin Kunst"

Es ist ein jährliches Highlight der Kunstszene in Berlin: das Gallery-Weekend. rbb-Kulturreporterin Barbara Wiegand hat sich in drei ganz unterschiedlichen Galerien umgesehen, die zum Teil zu dem Kunstwochenende neu eröffnet haben.

Berlin-Zehlendorf, Clayallee 174: In dem großen Gebäudekomplex war einst das Hauptquartier der US-Army untergebracht. Jetzt hat der Software-Unternehmer Markus Hannebauer den Ort für sich und seine Kunstsammlung entdeckt. Zum Gallery Weekend gibt er erstmals einen Einblick in seine Sammlung und eröffnet im Haupthaus eine Ausstellung.

Passend zum geschichtsträchtigen Ort hat er sich für diese Premiere mit Guido van der Werve einen Künstler ausgesucht, dessen Kunst auf Dauer angelegt ist – auf Ausdauer. Denn für seine Filmprojekte läuft der Niederländer Meilenweit. Er schwimmt, fährt mit dem Rad, von Paris nach Warschau auf den Spuren Chopins. Oder er geht von Bord eines Eisbrechers um einige Kilometer vor ihm herzulaufen.

Marathon als Kunst

Alle wichtigen Marathonläufe sei er gelaufen, sagte van der Werve. "Ich war nicht gut genug für einen Profi, aber ich habe drei Marathon unter drei Stunden gelaufen. Und ich habe viele Triathlon gemacht, drei Mal war ich beim Ironman dabei", so der Niederländer. Er arbeite auch zu Hause: hinter dem Klavier, am Computer, fügt er hinzu: "Da ist es super raus zu gehen, um sich ein bisschen locker zu machen."

Im Fluentum genannten neuen Kunstort in der Clayallee sind jetzt Videos von Guido van der Werve zu sehen, in denen er Kunst und Sport vereint. Vertont mit eigenen Kompositionen sieht man ihn durch einsame Landschaften, durch Dörfer und Städte laufen. Bilder, die als Videos über große Leinwände in der marmorvertäfelten Eingangshalle flimmern und die beeindrucken mit ihrer Melancholie und absurd poetischen Leichtigkeit.

Imposante, turmartige Räume

Neue Räume für die Kunst hat auch Berta Fischer für die Berliner Dependance der Düsseldorfer Galerie Konrad Fischer entdeckt. Zum Gallery Weekend eröffnet sie einen neuen Standort in einem ehemaligen Umspannwerk in der Neuen Grünstraße in Berlin Mitte.

Von außen recht unauffällig zwischen den modernen Townhouses ist das turmartige Gebäude innen umso imposanter: Über sieben Meter hoch sind die über drei Etagen verteilten, im Zuge des Umbaus entkernten und weiß gestrichenen Räume. Eine Mischung aus Industriearchitektur und klassischem White Cube. "Es gibt hier beides", sagt Fischer: "Erstmal gibt es hier das fantastische, denkmalgeschützte Treppenhaus, was jetzt erstmal in seinem Rohzustand belassen ist. Und dann sollte dahinter die Kunst einen Raum finden, in der auch Ruhe herrscht und die Ablenkung nicht so groß ist." Der Raum sei hervorragend, um Kunst zu zeigen.

Gallery Weekend: Mitarbeiter der Konrad Fischer Galerie betrachten eine Installation des britischen Künstlers Richard Long. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
"Granite crossing" von Richard Long in der Konrad Fischer Galerie. | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Die Wirkung des Raumes weiß jedenfalls Land-Art-Altmeister Richard Long für sich zu nutzen. Er hat zwischen mehreren Stützpfeilern ein Kreuz aus Granitsteinen auf Boden gelegt. Das wirkt einfach und doch einfach stark an diesem neuen Ort, der zugleich ein markantes Statement ist gegen den Trend, dass Galerien schon seit einigen Jahren weg aus großen Fabriketagen in kleine Ladenlokalen oder Wohnungen ziehen.

Eine spiegelnde Scheinwelt

Etwa ins Hinterhaus der Torstraße 220. Hier hat die alteingesessene Galerie Eigen und Art von Judy Lybke vor einigen Jahren das Eigen und Art Lab eröffnet Ein Raum für Experimente, in dem die US-Amerikanerin Signe Pierce zum Gallery Weekend ganz viele virtuelle Räume öffnet. Mit Hilfe von Licht, digitalen Projektionen und reflektierenden Oberflächen hat Pierce ein bewegtes Wandbild geschaffen, das den Betrachter buchstäblich in sich hineinzieht. Man sieht sich selbst von hinten, wie man immer tiefer hineingerät in diese spiegelnde Scheinwelt.

Als interaktive oder immersive Installation will Pierce das Kunstwerk nicht verstanden wissen. Es sei eher eine hypermediale Reflektion, ein Spiegel der Medien. "Wir leben ja in einer Zeit, in der wir von diesen Medien permanent umgeben sind, von Kameras: Es gibt Selfies, Überwachungskameras und so weiter. Wir sind dabei Beobachter, aber wir werden auch selbst beobachtet", sagt Pierce. Was ist real, was virtuell? Wer bin ich, wer die anderen? Das fragt man sich angesichts der immer etwas verfremdet, verzerrt wirkenden Bilder.

In ihrem Werk interagiert die 30-jährige New Yorkerin auch sonst mit digitalen Medien. Filmt ihre schrillen Aktionen und provokanten Performances, lädt sie auf Youtube hoch, postet auf Instagram. "Ich bin Pop und ich bin Kunst – virtuell und ganz real", sagt Signe Pierce über sich. Zum Gallery Weekend kann man jetzt die vielen Facetten der jungen US-Amerikanerin entdecken, in all ihren knalligen Farben.

Beitrag von Barbara Wiegand

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren