Archivbild: Jessie J bei einem Konzert 2017 in Berlin (Quelle: dpa/ Kratsch)
Audio: Inforadio | 18.04.2019 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/ Kratsch

Konzertkritik | Jessie J in der Columbiahalle - Verkannter Wirbelwind in Plauderlaune

Die britische Popsängerin Jessie J liefert einen Hit nach dem anderen ab. Trotzdem war die Columbiahalle bei ihrem Konzert am Mittwochabend nicht gerade voll. Warum eigentlich, fragt sich Magdalena Bienert.

Nachdem das Publikum eine gefühlte Ewigkeit lang mit Abba berieselt wurde, kommen um 21.10 Uhr endlich vier Musiker auf die Bühne. Der Keyboarder und der Gitarrist nehmen links Platz, Schlagzeuger und Bassist rechts. Auftritt in der erhöhten Mitte unter einem futuristischen konvexen Spiegel: Jessie J. Sie umweht ein grellgrüner knöchellanger Mantel, darunter trägt sie ein gleichfarbiges, bauchfreies Top und eine schwarze, enge Glitzerhose.

Schon der zweite Song ist der Hit "Masterpiece" von 2014, ein Lied über self-empowerment, also Selbstermächtigung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Das überwiegend sehr junge Publikum ist absolut textsicher, während die Handykameras mitlaufen.

Im Pop-Schatten von Katy Perry und Lily Allen

Warum die vielfach ausgezeichnete Britin mit der gewaltigen Stimme und der aufwendigen Bühnenshow nur in einer zu zwei Dritteln gefüllten Halle spielt? Vielleicht weil sie auf einer Popwelle zwischen Katy Perry und Lily Allen schwimmt und obwohl man ihre Hits, wie "Bang Bang" oder "Domino" im Ohr hat, nicht gleich ihr zuordnen würde. Den Song "Do it like a dude" hatte Jessie J eigentlich für Rihanna geschrieben und es dann auch ähnlich Riris "Rude Boy" angelegt. Das ist vielleicht ihr großes Problem – Jessie J klingt eigentlich immer nach jemand anderem, der berühmter ist.

Macht ihr das etwas aus? Wohl kaum. Die abgehangenen Oberränge in der Columbiahalle ignoriert sie. Vor der Bühne: 2.000 Fans, überwiegend Mädchen und junge Frauen, die die coole Britin anhimmeln. Die sie ermutigt, sich selbst und ihren Körper zu lieben, sich bloß nicht von und vor Männern kleinzumachen und aus Schicksalsschlägen nur noch stärker hervorzugehen. Jessie J hat selbst einiges durch, erlitt mit 18 einen Schlaganfall und sprach letzten Winter offen über ihre Unfruchtbarkeit. Sie wirkt tough und niedlich zugleich, aber ohne die aufgesetzte Portion Sexyness. Als sie im Sitzen der enge Gürtel kneift, streift sie ihn kurzerhand ab – weg ist er.

Mumpfiger Sound am Hallenrand und zuviel Geplapper – auf und vor der Bühne

Schade ist, dass der Sound am Rand absolut dumpf ist. Zwischendurch wird die 31-jährige Sängerin zum Erklärbär. Minutenlang textet sie in aller Seelenruhe ihre Songs an oder erzählt eben sonst was, nur ist die Hälfte nicht zu verstehen und die Halle murmelt dafür umso lauter. Diese minutenlangen Unterbrechungen nehmen leider immer wieder den Flow raus. Publikumskontakt schön und gut, aber ausnahmsweise wäre weniger hier mal mehr gewesen, denn die Songs sind ja energetisch.

Ein echter Höhepunkt kommt überraschend in der letzten halben Stunde: Jessie J bittet vier Fans auf die Bühne, um mit ihr den Song "Flashlight" zu singen. So etwas kann ja auch schnell nach hinten losgehen. Was aber dann zwei 15- und 16-jährige Mädchen, ein junger Mann und eine Frau Anfang 20 abliefern, stellt unwillkürlich sämtliche Härchen von Kopf bis Fuß senkrecht und versetzt die Halle in eine jubelnde Masse.

Und plötzlich ist der Knoten geplatzt. Das Aufmerksamkeits- und Energielevel scheint bei allen noch mal erhöht. Der große konvexe Spiegel über der Bühne zeigt zuckende Menschen und Jessie J haut nun sämtliche Hits raus, endlich ohne (längere) Anmoderationen. Von "Bang Bang" über "Domino" bis "Price Tag". Ja, die sind tatsächlich alle von Jessie J. Bis zur allerletzten Reihe tanzen die Fans ausgelassen und mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Warum nicht gleich so, Jessie?

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