Archivbild: Sonya Yoncheva und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin bei einem Auftritt in der Berliner Philharmonie 2018 (Quelle: imago/ Christian Behring)
Audio: Inforadio | 26.04.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago/ Christian Behring

Konzertkritik | Verdis "Otello" in der Philharmonie - Herausragend trotz Besetzungschaos

Traditionell führen die Berliner Philharmoniker die Oper, die sie bei den Osterfestspielen in Baden-Baden begleitet haben, ihrem Berliner Publikum noch einmal konzertant vor. Jens Lehmann hat sich das nicht entgehen lassen.

Wenn das Philharmoniker-Marketing nur vage mit einem "prominenten Sänger-Ensemble" wirbt, dann wird man hellhörig. Tatsächlich stand dieser Otello, diese Oper um einen krankhaft eifersüchtigen Kriegshelden, der von seinem Erzfeind zum Mord an der eigenen Gattin getrieben wird, unter keinem guten Stern. Schon vor Wochen wurde Dirigent Daniele Gatti aufgrund von Missbrauchsvorwürfen ersetzt. Für ihn übernimmt der neue Ehrendirigent des Orchesters, Zubin Mehta. Doch auch die Sängerbesetzung ist in Berlin eine deutlich andere als in Baden-Baden. Dort waren noch Größen wie Stuart Skelton als Otello und Vladimir Stoyanov als Jago zu erleben.

Offenbar lockt Sopran-Star Sonya Yoncheva allein die Fans nicht vom Sofa. Einige Plätze in der Philharmonie bleiben frei. Vielleicht hat es sich aber auch nicht zu jedem herumgesprochen, dass das Konzert wegen Überlänge schon eine Stunde früher anfängt. Pech für die Nachzügler: Sie verpassen die Urgewalt der Sturmszene, die die Philharmoniker hier nebst überlauter Orgel und strahlendem Rundfunkchor entfesseln. Da hatte sich der inzwischen arg gebrechliche Mehta noch gar nicht richtig hingesetzt.

Debütanten in den Hauptrollen

Den ersten Akt dirigiert der 82-Jährige komplett auswendig - auch im zweiten bleibt die speckige, alte Partitur auf seinem Pult lange zugeklappt. So kann er noch besser Kontakt zu den Sängern halten - was beim armenischen Tenor Arsen Soghomonyan auch bitter nötig ist. Er singt den Otello - und hat dabei allzu oft sehr eigene Tempovorstellungen. Zudem macht man sich spätestens nach dem zweiten Akt Sorgen um seine Stimme. Klar, in der Höhe ist ordentlich Peng drin, aber in der Mittellage raspelts.

Deutlich besser läuft es da bei Luca Salsi. Auch er gibt sein Debüt bei den Philharmonikern, hat auch den Jago noch nicht allzu oft gesungen, ist aber darstellerisch und stimmlich eine Wucht. Mühelos führt er seine Baritonstimme durch alle Lagen und Gefühlsregungen, herrlich böse tönt sein "Glaube an einen grausamen Gott". Sonya Yoncheva steht ihm als Desdemona in kaum etwas nach. Spätestens im dritten Akt hat sie sich endgültig warm gesungen, versucht ihren rasenden Gatten mit warmen, satten Tönen zu beschwichtigen und singt ein so herrliches "Ave Maria", himmlisch begleitet von den philharmonischen Streichern.

Verdi bitte immer so

Überhaupt wachsen die Philharmoniker wieder über sich hinaus. Sei es in den Soli von Cellist Ludwig Quandt, Englischhornist Dominik Wollenweber oder der unermüdlichen wie subtilen Begleitung durch Klarinettist Wenzel Fuchs. Sei es aber auch im Farbenspiel des ganzen Orchesters, zwischen goldschimmernd und pechschwarz, das Mehta den Musikern entlockt. Er weiß auch - im Gegensatz zu Simon Rattle - sehr genau um die heikle Balance solcher Opernaufführungen im Konzertsaal. Kein Gebrüll, nirgends.

Das gilt auch für den Rundfunkchor, der hier eine seiner besten Leistungen der letzten Monate liefert - doch aufgrund der allzu bescheidenen Applausordnung auf den wohlverdienten Jubel verzichten muss. Schade. Umso mehr Jubel gibt es für Zubin Mehta und das Orchester. Kein Wunder, nach diesem Luxus-Klang. Kann ich Verdi jetzt bitte immer so hören?

Sendung: Inforadio, 26.04.2019, 08:55 Uhr

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