Bob Dylan bei einem Konzert in Motorpoint Arena in Nottingham am 05.05.2017 (Quelle: imago)
Audio: Radioeins | 05.04.2019 | Helmut Heimann | Bild: imago

Konzertkritik | Bob Dylan in der Mercedes-Benz Arena - Der Alte Meister ist zurück

Nach mehr als drei Jahren ist Bob Dylan wieder in die Hauptstadt. Berlin ist die dritte Station seines diesjährigen Europatrips. Und es gelingt ihm, eine für seine Verhältnisse eigentlich überdimensionierte Mehrzweckhalle mit seinem Zauber zu füllen.Von Helmut Heimann

Als Dylan um kurz nach 20 Uhr die bewusst unspektakulär gestaltete Bühne - brauner Vorhang als Backdrop, an überdimensionierte Stehlampen erinnernde Schweinwerfer - betritt, ist die Mercedes-Benz Arena in Friedrichshain-Kreuzberg gut gefüllt. Ein Sitzplatzkonzert. Er verzieht sich hinter sein Piano, diesmal hutlos mit weißer Jacke, schwarzer Hose und weißen Schuhen. Seine Begleitband, nach dem Ausstieg von Gitarrist Stu Kimball seit einem halben Jahr nur noch vier Mann stark, nimmt Stellung ein und zeigt sich in der Folge in gewohnt exzellenter Form.

Extravaganzen erlaubt man sich nicht

Unspektakulär im besten Sinne, beim Fußball würde man "mannschaftsdienlich" sagen. Hier mal ein auffälliges Gitarrenlick, da mal ein kleines Schlagzeugsolo, mehr Extravaganzen erlaubt man sich nicht. Die Band ist nach hunderten, ja tausenden von Auftritten, bestens vertraut mit den oft spontanen Manövern des Meisters. Sie besteht aus Sologitarristen Charlie Sexton, dem Multiinstrumentalisten Donnie Herron und dem Drummer George Recile. Vor allem aber der Bassist Tony Garnier, der Anker der Band , steht seit 30 Jahren an Dylans Seite und hat es damit länger mit dem alten Schrat ausgehalten als jeder andere.

Things have changed

Die Zeiten als ein Dylan-Konzert ein Überraschungspaket war, sind vorbei. Wurden früher zwischen einem und dem nächsten Auftritt fünf, sechs, sieben Songs ausgetauscht, weist die Setliste seit einiger Zeit jeden Abend die gleichen zwanzig Stücke auf. Sixties-Klassiker wie "Like A Rolling Stone" oder "Highway 61", in stark veränderten Arrangements, auch "Don't Think Twice, It's Alright" erscheint in einem zauberhaften neuen Soundgewand. Ein von Geigentönen bezuckertes "Blowin' In The Wind" , das viele nicht als solches erkennen, erklingt als erste von zwei Zugaben. Davor gibt es 70er-Jahre-Perlen wie "Simple Twist Of Fate" oder "When I Paint My Masterpiece" - letzteres in einer träumerisch schwebenden, geradezu transzendent anmutenden Version. Für viele Fans ein Höhepunkt des Abends.

Keine Frank-Sinatra-Songs

Aber auch etliche Stücke aus den neueren, in diesem Jahrtausend erschienenen Alben punkten. Darunter ist "Scarlet Town", der einzige Song, für den Dylan seinen Platz am Piano verlässt, um in der Bühnenmitte stehend zu singen. Die Gitarre hängt er sich schon seit Längerem nicht mehr um. In die Mundharmonika bläst er hin und wieder.

Seine Fähigkeiten an den Tasten sind inzwischen aber doch beachtenswert, wenn auch nicht unbedingt nach klassischen Maßstäben. Er vermag damit durchaus Akzente zu setzen. Die Frank-Sinatra-Songs aus dem Great American Songbook, bei seinem letzten Abstecher nach Berlin noch prominent vertreten, sind in der Zwischenzeit verschwunden, zur Erleichterung vieler Fans.

Bob Dylan bei einem Konzert in Motorpoint Arena in Nottingham am 05.05.2017 (Quelle: imago)

BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken etwa ließ sich nach dem Düsseldorf-Auftritt vor einigen Tagen zitieren: "Gott sei Dank hat er keine Sinatra-Dinger gespielt. Ich bin ganz happy. Es hat mir sensationell gefallen". Selten in seiner Karriere hat er seine Texte so sanft umschmeichelnd intoniert, wie er das dieser Tage tut. Dass seine Stimme so deutlich zum Tragen kommt, hängt auch damit zusammen, dass die Musik nur ganz selten rockig laut wird. Dezente Töne herrschen vor. Dagegen muss er nicht mehr ankrächzen wie früher.

Der Applaus ist zu Beginn eher höflich, nimmt im Laufe der Vorstellung aber an Vehemenz zu. Stehende oder tanzende Menschen sieht man gar nicht. Das würden die Ordner allerdings auch schnell unterbinden, denn das hat etwas von Rock'n'Roll. Das durchweg etwas ältere Publikum sitzt ohnehin lieber. Und es tritt nach annähernd zwei Stunden nicht unbedingt begeistert, aber doch sehr zufrieden mit dem Gehörten, den Heimweg an. Manche machen noch mal Halt bei einem der Straßenmusiker, die Dylans Songs so spielen, wie man sie von den Platten kennt. Auch sie bekommen viel Applaus.

Sendung: Radioeins, 05.04.2019, 7:30 Uhr

Beitrag von Helmut Heimann

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