Chilly Gonzales am 21.11.18 im Haus der Berliner Festspiele (Quelle: imago/Jon App)
Audio: Inforadio | 24.04.2019 | Martin Spiller | Bild: imago/Jon App

Konzertkritik | Chilly Gonzales in der Philharmonie - Alle Erwartungen übererfüllt

Chilly Gonzales hat viele Gesichter: Rapper, Bandleader, Entertainer. Am Dienstag hat er in einer Zentralstätte der bürgerlichen Hochkultur gastiert: der Berliner Philharmonie. Genau der richtige Ort für ein genreübergreifendes Konzert. Von Martin Spiller

Die Formel für ein Konzert von Chilly Gonzales lautet ungefähr so: Das Publikum erwartet nichts Bestimmtes - der Künstler liefert es. Es wäre auch fatal, mit allzu konkreten Erwartungen zu Gonzales zu kommen. Das kann nur schief gehen. Verlass ist eigentlich nur auf das Outfit: graue Pantoffeln, lila Socken, und ein Bademantel - in Berlin ein dunkles Modell. Da hatte er schon Schlimmeres an. Frenetisch begrüßt wird er. Dann geht das Licht aus, fast vollständig.

Ganz intim sitzt Chilly Gonzales jetzt am Konzertflügel und in einem einsamen weißen Scheinwerferkegel. Das könnte passender kaum sein. Denn der Abend beginnt verträumt. Mit wunderschönen Klavierstücken, die mal nach Bachs "Wohltemperiertem Klavier", mal nach Debussys "Préludes" klingen - zitatreich und improvisiert anmutend zugleich. Es sind aber Gonzales' eigene Stücke, ein Medley aus seinem Album "Solo Piano". Im vergangenen Herbst ist Nummer drei der gefeierten Reihe erschienen.

Nach einer Viertelstunde Spielfreude geht das Licht ganz aus. Der Meister greift zum Mikrofon. Und fragt sich selbst: "Sie haben gar nicht gemerkt, dass sie meine Stimme gar nicht gehört haben….Vielleicht reicht es ja einfach schon aus, das Klavier zu spielen?"

Ein ganz klassischer Anfang

Die Geduld mancher Fans ist gefragt.  Aber er wäre eben auch nicht Chilly Gonzales, wenn es wirklich dabei bliebe. Der Mann hat schließlich auch schon mal in einer Rockband gespielt. Da hieß er noch Jason Charles Beck. Er war der nach eigenen Angaben "worst MC" und gab als solcher Club-Konzerte mit einer Mischung aus Techno und Rap.

Auch in Berlin hat er mal gelebt, im Hotel Adlon als Barpianist gejobbt – und sich neu erfunden. An die Hauptstadt als eigentlichem Geburtsort der Figur Chilly Gonzales erinnert er dann auch in seiner ersten echten Ansage. Er habe in Berlin eine besondere Verantwortung. Aber er habe auch hohe Erwartungen an das Publikum.

Chilly Gonzales am 08.03.2019 in der Alten Oper, Frankfurt am Main (Quelle: imago)
| Bild: imago

Chilly Gonzales liebt aber nicht nur Berlin, sondern auch das Cello. Deshalb holt er Cellistin Stella La Page auf die Bühne und kündigt das nächste Stück an: "Cello Gonzales". Für den Namen bittet er aber vorher um Entschuldigung. Der dritte Platz auf der Bühne wird schließlich von Drummer Joe Flory besetzt. Damit klingt ein bisschen von Gonzales' früherer Musik an - in der Besetzung aber alles andere als elektronisch und schon gar nicht nach Hip Hop. Aber wie er selbst sagt: "I am not a rapper, I just rap a lot."

Genie und Größenwahn?

Was ist er dann? Einer diese Leute, die sich einfach Künstler nennen, und dann meinen, alles zu können? Oder nichts? Genie und Größenwahn liegen nahe beieinander. Dazwischen passt fast nur Gonzales. Er polarisiert auch mit 47. Man muss ihn nicht mögen, man möchte aber - so unterhaltsam ist er. Wenn er plötzlich nach Verlassen der obersten Klavieroktave mit den Händen in der Luft weiterklimpert. Wenn er ein Arpeggio orgelpunktartig eine gefühlte Ewigkeit perlen lässt, bis das Publikum aufstöhnt  Oder wenn er zwischendurch seine Haare übertrieben exzentrisch nach hinten streicht und das Publikum zu mehr Applaus auffordert.

Zwischen Kunst und Ironie

Und dann die erste Zugabe - die eigentlich gar keine ist: Gonzales nennt es "Summary": einen Schnelldurchlauf durch das bereits gespielte Programm. Songs verkommen zu einer einzigen Zeile, zu einem einzigen Sound. Das Publikum liegt endgültig danieder. Selten war es in der Philharmonie so laut. Leider auch oft bei den Miniaturen und Etüden des Künstlers. Das Wechselspiel zwischen häufig melancholischen Stücken und launigen Moderationen kann nicht jeder im Saal so versiert zelebrieren wie der Künstler selbst.

Sein Humor endet übrigens stets haargenau dort, wo es clownesk zu werden droht. Das ist wohltuend. Gonzales ist der Richtige für diejenigen, denen Helge Schneider zu schräg ist - weil man doch möchte, dass der Flügel gestimmt ist und dass es irgendwie auch gut klingt. ​Beiden gemeinsam ist das Talent zu unerwarteten Wendungen - und ein schier grenzenloser musikalischer Horizont. Den nutzt Gonzales immer wieder, um zum Beispiel das Kompositionsprinzip von Johann Sebastian Bach Jahrhunderte später wiederzuentdecken – bei Britney Spears oder Kurt Cobain.

Gäbe es einen besseren Raum für ein derart genreübergreifendes Konzert als die Berliner Philharmonie? Chilly Gonzales jedenfalls übererfüllt alle Erwartungen. Aber das war ja nur die eine Frage. Die Andere war, ob das Publikum die Erwartungen von Chilly Gonzales erfüllt. Er sieht sehr danach aus ganz am Ende - und ganz ohne Ironie.

Sendung: Inforadio, 24.04.2019, 6:55 Uhr

Beitrag von Martin Spiller

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