Auftritt von Giorgio Moroder in London am 02.04.2019 (Quelle: imago/ZUMA Press)
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Konzertkritik | Giorgio Moroder im Berliner Tempodrom - Ein hitlastiger Auftritt

Ob "I feel love" oder "Neverending Story": Hinter diesen und vielen weiteren Hits steckt der Musikproduzent Giorgio Moroder. Mit 78 Jahren ist er zum ersten Mal auf Tournee. Am Freitag war er im Berliner Tempodrom und es reihte sich Hit an Hit. Von Martin Spiller

Hätte Hans Zimmer nicht diese Idee gehabt, wir hätten Giorgio Moroder wohl niemals auf einer Bühne gesehen. Der weltberühmte Filmkomponist ging unlängst auf Tour mit der "World of Hans Zimmer": Sein Lebenswerk als audiovisuelle Bühnenshow, natürlich mit dem ganz großen Orchester. Das also hat sein Quasi-Nachbar (auch Moroder lebt überwiegend in den USA) gesehen und gedacht: Das kann ich auch.

Genug Material war ja auch vorhanden. Moroder blickt auf eine 60 Jahre andauernde Karriere zurück. Mit Mitte 70 fand er dann erstmals Gefallen an DJ-Auftritten. Jetzt mit 78 wurde es also Zeit für eine erste Tournee - eine Art Werkschau live on stage. Aber was macht er dann dort? Sitzt der Meister im Schaukelstuhl und erzählt Anekdoten? Die offizielle Ankündigung verspricht eine überwältigende visuelle Darstellung und eine spektakuläre Bühnenshow: "The Celebration of the 80s".

Tanzfläche mit Theaterbestuhlung

Man ist gespannt. Und starrt zunächst auf eine in blaues Licht getauchte Bühne, hinter der in weiß der Schriftzug "Giorgio Moroder" strahlt. Das Tempodrom ist bestuhlt, aber nicht ganz voll. Ganz vorne hängen, und das ist bei dieser Show ganz wichtig: zwei Discokugeln. Die beginnt dann denkbar unspektakulär. Zuerst schleicht sich die Band auf die Bühne:

Drums, Percussion, Gitarre, Bass, Keyboards, dazu ein Streicherquartett, das sieht ein bisschen aus wie früher beim Electric Light Orchestra. Dazu kommen noch drei Sängerinnen und ein Sänger. Das Licht geht aus, die Musik an. Es erklingt das Thema aus "Midnight Express" - jenem ersten Soundtrack, für den Moroder auch prompt einen Oscar bekam. Der kündigt sich anschließend selbst als Einspieler an: "My name ist Giovanni Giorgio - but everybody calls me: Giorgio!"

Eine sympathische Legende

Und plötzlich steht Giorgio auf der Bühne - in zentraler Position, auf einer Art Podest, einer Mischung aus Schreibtisch, DJ-Kanzel und Kommandostand. Man ist zunächst einmal erleichtert: der fiese Magnum-Look ist Geschichte. Der Schnauzer ist noch da, aber jetzt weiß; die getönte Pilotenbrille leuchtet nur noch in stilisierter Form auf der Leinwand. Der Meister trägt nicht mehr weiß, sondern schwarz.

Und er singt! "Looky, Looky", jene Bubblegum-Nummer, mit der er Ende der 60er Jahre einen winzig kleinen ersten Erfolg in Südeuropa feiern konnte. Man weiß sofort, warum er so selten selbst singt. "In Berlin aufgenommen", erklärt Giorgio zur Begrüßung. Warmherzig wird Moroder jetzt empfangen, das Eis ist gebrochen. Vor allem weil man Moroder seine Nervosität anmerkt. Man habe damals "viel Geld" gehabt - Korrektur: "viel Glück" gehabt. Gelächter. Später erzählt er was von "Mercury Queen" - gemeint ist Freddie Mercury. Diese sympathische Art, verbunden mit dem Südtiroler-Dialekt - das kommt gut an. Die Stühle stehen immer noch im Innenraum, darauf sitzen tut niemand mehr. Moroder feuert seine "Bad girls" an ("They are really bad"). "Ich wollte schon immer ein sexy Lied schreiben, kündigt er an. (Ja, es kommt "Love to love you"). Und er kündigt "mein - vielleicht - bestes Lied" an (Nein, es kommt "Take my breath away" aus dem "Top Gun"-Soundtrack).

Auftritt von Giorgio Moroder am 12.04.2019 im Berliner Tempodrom (Quelle: rbb/Martin Spiller)
Giorgio Moroder ist mit 78 Jahren zum ersten Mal auf Tournee.Bild: rbb/Martin Spiller

Hits, Hits, Hits

Der Abend vergeht, es reiht sich Hit an Hit: "Neverending story", "Flashdance", oder "Danger Zone" (hier packt Giorgio doch noch die Sonnenbrille aus). Anekdoten gibt es tatsächlich - unverständlich oft aber vom Band, und oft auch akustisch wirklich unverständlich. Es sind alte Moroder-Zitate aus Interviews.

Verständlicher ist, dass eben keine Donna Summer mehr auf der Bühne steht - die Sängerin war 2012 gestorben. Die stellvertretenden Sängerinnen auf der Bühne machen ihre Sache gut - so gut, dass man gelegentlich meint, die Originale zu hören. Die Show bekommt dadurch aber auch etwas musicalhaftes. Man könnte sie sich auch auf einem Kreuzfahrtdampfer vorstellen.

Natürlich liegt es auch ein bisschen daran, dass Giorgio Moroder eben vor allem Hitlieferant war. Und an so einem Abend wird einem das Ausmaß erst richtig bewusst. Vielleicht auch, weil Moroders Musik ab Mitte der 80er Jahre zwischen anderen Pop-Produktionen kaum mehr auffiel. Das war zu Beginn seiner Karriere noch anders.

"The celebration of the 80s" und die kreativen Wurzeln

Denn auch wenn die 80er Jahre im Tempodrom im Mittelpunkt stehen - Moroders eigentliche Pioniertaten lagen in den 70ern. Damals arbeitete er in seinem Musicland-Studio in München, wo er erstmal mit Synthesizern und Sequencern arbeitete. Moroder verband schwarzen Motown mit Elektronik, machte die zuvor meist sphärischen oder effektvollen Sounds aus dem Synthesizer tanzbar - und kreierte einen energetischen Discosound, dessen Basslinien und Arpeggien nur so nach vorne trieben. Einen Sound, der längst so vertraut klingt, dass sich heute kaum noch nachvollziehen lässt, wie futuristisch blubbernde Synthesizer und roboterhafte Vocoder vor 45 Jahren wirkten.

Damals entstanden Meilensteine wie "I feel love". Das Rezept zum Song präsentiert Giorgio Moroder im Tempodrom denn auch als Sound-Baukasten - nachvollziehbar und interessant. Und dann ist da natürlich noch die Rolle von Donna Summer. "Sie hat ein bisschen gestöhnt", erinnert sich Moroder. Und weil man dann eine längere Fassung wollte, "musste sie natürlich mehr stöhnen".

In Berlin gibt es eine eher müdere Version mit viel zu leisen Synthis. Dafür ist das Donna-Double wirklich fantastisch. Und die Discokugeln haben endlich auch ihren Auftritt.

Der Disco-König als TV-Entertainer

Nein, spektakulär ist die Bühnenshow wirklich nicht. Im Verhältnis zur Anzahl der Hits wirkt sie geradezu klein. Sie lebt von den Sängerinnen, den Darstellerinnen. Den eigentlichen Star übersieht man gelegentlich. Man weiß auch nicht was er so macht. Gelegentlich bringt er den einen oder anderen Dance-Move, bedient den Vocoder oder singt sogar richtig mit. Als "Musical Director" hingegen wird dann der Drummer der Band vorgestellt. Wäre das nicht eigentlich ein Job für Moroder? Andererseits: Ein James Last hat sich auf der Bühne nicht unbedingt mehr verausgabt. Schon gar nicht mit 78.

Die stärksten Momente sind immer die, wenn Giorgio Moroder die Nähe zum Publikum sucht. Dann wiederum kann die Show gar nicht klein genug sein. Da stört es auch nicht, wenn er noch so ungelenk wirkt. Wenn er vor Ungeduld wirklich jede Ansage in den Applaus versenkt. Oder wenn einige Dialoge mit seinen "Bad girls" an Doppelmoderationen aus dem Musikantenstadl erinnern. "Was wollen wir denn noch machen für Berlin?", fragt Giorgio seine Sängerin. "Meinst Du denn, dass Berlin überhaupt noch eins will?" "Vielleicht etwas heißes?" Eine gewagte Überleitung zu "Hot Stuff".

Oder wenn er bei der letzten Zugabe, "Call me" von Blondie, unbedingt ein paar Selfies von der Bühne schießen muss, bevor er sich verabschiedet. Das ist so angenehm überflüssig, dass das Publikum ihn umso mehr feiert: Disco-König Giorgio. Und für viele seiner Hits sollte man sehr dankbar sein. Heute mehr denn je: Schon im Sommer kommt das Lebenswerk von Dieter Bohlen auf die Bühne.

Beitrag von Martin Spiller

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1 Kommentar

  1. 1.

    Hitlastig klingt nach Hitlas dick

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