Archivbild: Eine Frau spielt eine nepalesische Maultrommel (20.08.2010) (Bild: dpa/Peter Endig)
Audio: Inforadio | 29.04.2019 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Peter Endig

Konzertkritik | Spiridon Shischigin im Maschinenhaus - Kleine Maultrommel - großer Klang

Spiridon Shischigin gilt als einer der besten Maultrommel-Spieler der Welt. Im Berliner Maschinenhaus der Kulturbrauerei zog er am Sonntag das Publikum mit ungewöhnlichen Klängen in seinen Bann. Von Hendrik Schröder

Eine Maultrommel ist ein kleines, gebogenes Instrument, das direkt an den Mund angelegt wird und durch Schwingungen im Mundraum Töne erzeugt. Sie gilt als eines der ältesten Instrumente der Welt. Bei uns spielt die Maultrommel keine große Rolle mehr, aber im russischen Jakutien beherrscht sie fast jedes Kind. Eben daher kommt Spiridon Shischigin, den manche auch einen Maultrommel-Schamanen nennen - so eindringlich ist sein Spiel.

Einführung durch den Maultrommel-Stammtisch

Bevor das Konzert des Großmeisters am Sonntag losgeht, gibt es erst mal eine Art launiges Tutorial über das Instrument von den Mitgliedern des Berliner Maultrommel-Stammtischs: Ein Dutzend Männer und eine Frau, die sich ein Mal im Monat in einer Schöneberger Kneipe treffen und die Tradition dieses uralten Instruments pflegen. Gut gelaunt kommen sie abwechselnd auf die Bühne und erklären, dass es Maultrommeln aus Bambus gibt, in früheren Formen aus Schilf, mit Lederschnur, später aus Eisen. Das alles inklusive Soundbeispielen.

An einer Stelle lassen die Maultrommler vom Stammtisch sogar das Licht ausmachen und beschwören die einstige Kraft der Maultrommel. Früher seien Musiker von Hof zu Hof gezogen und hätten hinter Vorhängen gespielt, vor einem faszinierten Publikum, das sich nicht erklären konnte, woher diese abgefahrenen Sounds kamen. Eine schöne, rührende Einführung, die darin gipfelt, dass die Maultrommel sogar als Grooveinstrument zusammen mit einem improvisierten Schlagzeug aus Blechdosen eingesetzt werden kann. Am Ende des Songs haut der Percussionist derart wild auf die Dosen, dass sie nach und nach - absichtlich - vom Tisch fallen. Ein guter Gag.

Bescheidenes Auftreten, starke Wirkung

Dann kommt Spiridon Shischigin auf die Bühne. Ein leiser Endsechziger in jakutischer Kluft mit festem Mantel, glitzerndem Gürtel und schwarzer Kappe. Auf Deutsch begrüsst er sein Publikum und - bei allem Respekt vor den engagierten Amateuren vorher - jetzt wird klar, was für ein verrücktes, geheimnisvolles, intensives Instrument diese Maultrommel ist, obwohl sie nur einen einzigen Grundton spielen kann. Mit geschlossenen Augen, zuckender Nase und geschmeidigen, aber kräftigen Bewegungen der rechten Hand, spielt Shischigin Lied um Lied. Die Obertöne sirren, mit winzigen Lippenbewegungen entsteht ein Groove, als wäre da eine Menge Elektronik und Soundprocessing im Spiel - ist es aber nicht. Da steht nur ein Mann mit einer Art Zahnspange vor dem Mund und macht das alles.

Zu jedem Lied gibt es eine kleine Geschichte. Zum Beispiel die von seinem Freund Bernard aus Paris. Die beiden sprechen keine gemeinsame Sprache und wenn sie sich treffen, sagt Shischigin, dann unterhalten sie sich tagelang nur mit Hilfe der Maultrommel. Es folgt ein verschmitztes Lächeln und dann pult der Musiker schon die nächste Maultrommel aus dem Lederetui und spielt weiter. 

Mucksmäuschenstill im Saal

Gut 60 Maultrommel Begeisterte sind an diesem Abend in das Maschinenhaus der Kulturbrauerei gekommen, um Shischigin zu hören. Junge Leute mit bunten Tüchern um den Kopf, ältere Paare mit Rotweinglas in der Hand. Die Stimmung ist angenehm uncool und während der Stücke regelrecht diszipliniert. Mucksmäuschenstill ist es im Saal. Die Zuschauer, so scheint es, sind nicht gekommen, um sich ein bisschen unterhalten zu lassen, sie wollen die Musik des Jakutiers regelrecht aufsaugen.

Als er die Leute bittet die Augen zu schließen, um auch die heilende Kraft der Mundorgel zu spüren, folgen viele. Zwar klingen die Stücke für das ungeübte Ohr nach einer Weile alle recht ähnlich, aber wer sich einfach in den Klang fällen lässt, der versteht, warum die Mundorgel tausende von Jahre lang in vielen Teilen der Welt verbreitet war: Sie kann magisch sein. Zumindest wenn Spiridon Shischigin sie spielt.

Beitrag von Hendrik Schröder

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