Porträtaufnahme von Emil Nolde, 1917
Audio: Inforadio | 12.04.2019 | Maria Ossowski | Bild: akg-images

Neue Ausstellung der Berliner Nationalgalerie - Emil Nolde: Schöpfer "entarteter Kunst" war selbst Antisemit

Der legendäre Expressionist Emil Nolde stilisierte sich als Opfer der Nazis, als Verfolgter. Eine neue Ausstellung zeigt ihn einem anderen Licht: als überzeugten Nationalsozialisten und glühenden Antisemiten. Aus dem Kanzleramt wurden seine Bilder bereits entfernt.

Nach großem Wirbel um die Gemälde von Maler Emil Nolde im Kanzleramt präsentiert die Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof die mit Spannung erwartete Schau "Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus" (12. April bis 15. September). Die Ausstellung zeigt das Werk des Expressionisten Nolde (1867-1956) erstmals auf Basis neuer Erkenntnisse im historischen Kontext seiner Biografie und ideologischen Haltung.

Nolde wurde von den Nazis zwar als Schöpfer "entarteter Kunst" diffamiert, war aber auch NS-Parteimitglied, Antisemit, Rassist und bis zum Ende überzeugter Nationalsozialist. "Wie kaum ein anderes hat sich unser Museum immer auch als Ort der Aufklärung verstanden", sagte der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann. "Der Blick auf Nolde wird sich verändern müssen", sagte Kittelmann im Vorfeld der Ausstellung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betrachtet 2017 in Ahrenshoop Exponate der Ausstellung "Ikemura und Nolde"
Kanzlerin Merkel: In ihrem Arbeitszimmer hingen zwei Nolde-Bilder | Bild: dpa/Axel Heimken

Entlarvender Nachlass

Für die Ausstellung konnten die Kuratoren Aya Soika und Bernhard Fulda erstmals unbeschränkt auf das Archiv der Seebüller Nolde Stiftung mit 25.000 bis 30.000 Dokumenten zugreifen. "Wir setzen ein mit dem Nolde-Kult vor 1933 und enden mit dem nach 1945", so Historiker Fulda. Auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse und der Auswertung des Nolde-Nachlasses revidiert die Ausstellung das bisherige Bild des Künstlers. Zugleich erzählt sie die Rezeption des Künstlers in der Nachkriegszeit, die von ihm zu Lebzeiten eifrig befördert wurde, als eine Geschichte der Verdrängung - bis hin zur Fiktionalisierung von Noldes Selbstbild in Siegried Lenz' Roman "Die Deutschstunde".

In der Ausstellung wird auch Noldes Gemälde "Brecher" von 1936 gezeigt. Das Bild hing mit "Blumengarten (Thersens Haus)" von 1915 als Leihgabe im Arbeitszimmer von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie ließ nicht nur den "Brecher" für die Ausstellung von der Wand nehmen, sondern gab auch gleich den "Blumengarten" ab. Beide Bilder wollte sie nicht zurück, eine Begründung dafür gab es nicht.

Nolde diente sich den Nazis an

Die Nolde-Rezeption vor 1933 beleuchten religiöse Bilder wie "Pfingsten "(1909), ein Gemälde, das von der Berliner Secession 1910 abgelehnt wurde und zu Noldes Streit mit dem Direktor Max Liebermann führte, in dem er ihn als "Kunstdiktator" bezeichnete. Zugleich wird der Künstler von Museen, Galeristen und Sammlern verehrt, eine Retrospektive zu seinem 60. Geburtstag 1927 feiert ihn mit 455 Werken. Dort wird auch das Bild "Sechs Herren" von 1921 gezeigt, in dem Nolde mit seinen Kritikern insbesondere aus dem liberalen Lager abrechnet.

In seinen autobiografischen Schriften ab 1927 betont er den Konflikt mit dem "jüdisch-dominierten" Kunst-Establishment. Als sich ab 1933 die Angriffe auf Noldes Kunst mehren, wird er nicht müde, seine Position als antijüdischer, "deutscher" Künstler und Vorreiter im Kampf gegen das Judentum zu betonen. Ab sofort malt er keine biblischen Bilder mehr, angeblich, um keine Juden malen zu müssen, aber auch, um die Kritik aus dem völkisch-nationalen Lager zu beschwichtigen. Nolde will als "nordischer Expressionist" wahrgenommen werden, wird NSDAP-Mitglied und versäumt keine Gelegenheit, sich bei den neuen Machthabern beliebt zu machen.

Nolde zwischen "entarteter Kunst" und Nationalsozialismus

Briefe an Hitler persönlich

Dabei fühlt er sich vom Regime verkannt, wie Kuratorin Soika betont, setzt sich dafür ein, dass der Expressionismus als "neue Kunst im Staat" Anerkennung findet. Dennoch kann er nicht verhindern, dass im Juli 1937 insgesamt 48 Werke, davon 33 Gemälde, aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt und in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt werden. Nolde bemüht sich mit Unterstützung seiner Frau Ada in Briefen an NS-Funktionäre um eine Rehabilitierung, unter anderem auch durch einen persönlichen Brief an Adolf Hitler, in dem er ihm seine Ideen eines bereits 1933 verfassten "Entjudungsplan" mitteilt, doch ohne Erfolg. Der Plan gehört nach Kriegsende zu den Dokumenten, die er wohlweislich vernichtet, der Brief, der unbeantwortet blieb, ist nicht erhalten. Er verhindert nicht, das Nolde 1941 Berufsverbot erhält.

Die Ausstellung beleuchtet aber auch die künstlerischen Auswirkungen dieser Jahre: Nolde beginnt, sich auf "nordische" Themen zu konzentrieren, zu seinen bevorzugten Motive gehören Wikinger, Opfer-Feuer, brennende Burgen und Bergwelten. Und schließlich werden die sogenannten "Ungemalten Bilder" in neuem Licht präsentiert, Aquarelle, die während der Zeit des Berufsverbots angeblich heimlich in seinem Atelier in Seebüll entstanden und Teil seiner Mythos' als verfemter Künstler nach 1945 wurden.

Der Künstler schuf seinen eigenen Heldenkult

Das letzte Kapitel der Ausstellung behandelt den Nolde-Kult nach 1945, dessen Biografie nicht zuletzt auch durch die Nolde-Stiftung in Seebüll, die den Nachlass hütet, zur Heldenerzählung wird. Umso verdienstvoller ist es, dass die Stiftung mehr als 50 Jahre nach Noldes Tod die umfangreichen Forschungen zu seiner widersprüchlichen Rolle im Nationalsozialismus und in der Kunst beförderte. Man wolle Nolde und seine Kunst künftig frei von Mythen und Legenden mit allen Widersprüchen präsentieren, unterstreicht Direktor Christian Ring die neue Haltung.

Die Beurteilung seiner Kunstwerke will Kuratorin Ayas Soika den Betrachtern überlassen. Die Ausstellung sensibilisiert für ein differenziertes Bild eines Künstlers, der auch weiterhin zu den Ikonen des Expressionismus gehört, dessen Werk und Biografie jedoch deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit all ihren Facetten widerspiegelt.

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17 Kommentare

  1. 16.

    Wie schließen Sie aus meinem Satz "Und, nicht jeder Anstreicher ist ein "bekannter Maler", dass ich a) Sie meine, b) den Unterschied zwischen einem Anstreicher und einem Künstler nicht kenne und c)von Goethes Farblehre nichts weiß?
    Ich kenne sogar die des Bauhauses.
    Das ist dann wohl der Unterschied zu einem Westdeutschen, der nicht genau weiß, ob er nun in Charlottenburg wohnt, oder schon im Prenzlauer Berg, nur weil man mal etwas vom Mauerpark gehört hat.

  2. 15.

    Sie machen Ihrem Nickname alle Ehre. Der Seitenhieb auf meine Person geht sowas von daneben. Nicht einmal den Unterschied zwischen eines“Anstreichers“, den jeder Vollpfosten ausüben kann, und einem ausgebildeten Maler u.Lackierer, der sein Wissen über die Farbenlehre zu schätzen weiß und dies auch nutzt, können Sie auseinanderhalten. Selbst die US-Amerikaner machen da schon lange einen deutlichen Unterschied zwischen einer Anstreicherfirma und einem Meisterbetrieb mit Fachwissen. Letzteres nennen Sie übrigens „ Europien Paintings“. Soviel dazu.

  3. 14.

    @Bruno, "Volksverhetzung"? Nun, das sind Wahrheiten immer, die man nicht verstehen will oder kann.
    "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!"
    Berthold Brecht

    Und, nicht jeder Anstreicher ist ein "bekannter Maler". ;-))

  4. 13.

    Wer, oder was sind die Leute hinter dem denunziatorischen Noldebashing. Ist es einfach nur der Zeitgeist, der nach selbstgefälliger Attitüte, auf sich und seine eigene Armsehligkeit aufmerksam machen will. Glauben die sogenannten Jongleure der jüngeren Kuratorengeneration durch den erneuten Versuch, Kunst ständig zu politisieren, verlorenen Boden wieder zurückzugewinnen. Glauben die ernsthaft, sie könnten einen Emil Nolde vom Thron stürzen.
    Selbst wenn sie es schaffen sollten, den Stempel Entartete Kunst mit dem Stempel Nazikunst, auf alle Noldebilder innerhalb der Deutschen Museumslandschaft zu prägen, bleiben noch sehr viele Museen auf der Welt, die sich über soviel Deutschtum der neuen Kuratoren - und Medienlandschaft nur wundern können.

  5. 11.

    Vielleicht irre ich mich da: Ich habe das einfach mal als Ironie verstanden.
    Ich hoffe, das war kein Schutzmechanismus, um der eigentlichen Wahrheit nicht ins Gesicht blicken zu müssen.

  6. 10.

    Da führen Sie recht viel auf das Jüdisch-Sein zurück. Für den Konflikt Liebermann - Nolde hat das Jüdischsein des Ersteren überhaupt keine Bedeutung. Aber für Nolde offenbar schon und auch für Sie. Ich halte Ihre Auffassung für äußerst bedenklich und, mit Verlaub, geradezu grenzwertig.

    Es kommt immer darauf an, ob das Jüdisch-Sein eine Facette von vielen ist, wie es bspw. bei Rainer-Werner Fassbinder war oder ob das Jüdisch-Sein als wesentliche Ursache in einer behaupteten Auseinandersetzung jüdisch vs. nicht-jüdisch behauptet angenommen wird.





  7. 9.

    Vielleicht hilft es, sich auf die „Fakten“ zurückzubesinnen:
    Nolde befand sich in einem Konflikt mit Max Liebermann, dem einflussreichsten (jüdischen) Maler der 20er Jahre. L. wertete Nolde massiv ab, kritisierte seinen Pinselstrich...und viceversa.
    Nolde trennte sich von diesem Berliner Umfeld sehr schnell.
    1927 wurde er für seine Kunst gefeiert.

    Hätte die Geschichte hier geendet, wäre er ohne Frage ein ganz Großer des Expressionismus, für immer.

    Kann das, was er zw. 1933 und 1937 gesagt hat, dies ändern? Zumal sein Andienen erfolglos war, und vor jedem Holocaust geschah? Wohl kaum.

    Was auffällt:
    Viele deutsche, nicht-jüdische Personen von herausragender Bedeutung werden gegenwärtig massiv von jüdisch-linker Seite herabgesetzt: auf der Homepage der der Bundeszentrale f.pol.Bildung greift ein jüdischer Professor Theodor Fonate als „zweitklassig“ und antisemitisch an, nur weil dieser mit HHeine im Streit lag...Turmvater Jahn geschieht gleiches und soll auch getilgt werden.

  8. 7.

    Vielleicht meint sie ja solche, wie Grönemeyer, die tote Hose Campino, oder die ehemalige linksradikale Band Feine Sahne Fischfilet. Und davon gibt es viele Andere noch. Jedes System hat ihre Mitläufer.

  9. 6.

    Ich protestiere gegen Ihre pauschale Bemerkung "... unsere heutigen Künstler..."! Bitte nennen Sie Ross und Reiter, anstatt nur oberflächliche Verdächtigungen zu äußern, die alle und jeden Künstler diskreditieren. Ihre Bemerkung ist quasi Volksverhetzung und auch beleidigend für alle Künstler. Bleiben Sie bei der Wahrheit und nennen Sie Namen oder schweigen Sie!

  10. 5.

    Zu Ihrer Ausführung möchte ich zuersteinmal hier Herrn Krüger für seinen trefflichen Antwortkommentar danken, zufällig zählt ein bekannter Maler aus Berlin zu meinen Freunden, dessen großformatigen Bilder unter anderem auch im Kanzleramt hängen. Sie können versichert sein, das dieser Maler sich nirgendwo anbiedert. Schon gar nicht den Herrschaften aus Regierungskreisen.

  11. 4.

    Andienen finden Sie leider überall. Die meisten mittelalterlichen Maler sind verarmt gestorben, weil sie sich nicht andienten und weil die Geld-Habenden das seinerzeit nicht verstanden. Einige aber haben sich angedient und ein luxuriöses Leben geführt.

    Aber es gibt einen Unterschied, auch wenn wir gewiss schlauer sind als die Menschen seinerzeit in den 1930er Jahren: Andienen zur persönlichen Begünstigung und Andienen vor dem Hintergrund ausgerufener Pogrome ist dann doch ein Unterschied. Das wollen Sie hoffentlich der heutigen und hiesigen Gesellschaft nicht nachsagen.

  12. 3.

    Hoffendlich wird nicht auch über unsere heutigen Künstler später gerichtet, weil sie sich auch servil und unterwürfig den Regierenden andienten.
    Da fallen mir jeder Menge ein.

  13. 2.

    Eine Neuigkeit von der ich nichts wußte. Denn als Hobbymaler bewundere ich die Arbeiten von Emil Nolde. Besonders seine farbenprächtigen Blütenbilder haben es mir angetan.

  14. 1.

    Ich war schon recht früh, als Heranwachsender, in Seebüll gewesen und wusste praktisch nichts über das Andienen Emil Noldes an die NS-Zeit. Es bleibt widersprüchlich.

    Der offiziellen Richtlinie lief der Expressionismus, wie gezeigt, entgegen, doch es ist wohl kein Geheimnis, dass viele seiner Bilder in den Wohnzimmern derer hing, die die Bilder offiziell als entartet bezeichneten. Auch von den Konzentrationslagern ist zuweilen überliefert, dass sich Kommandanten von jüdischen Häftlingen malen ließen, wenn sich herumgesprochen hatte, dass jemand zum Malen begnadet war.

    Demütigung? 'Schizophrenie? Oder einfach das menschliche Empfinden, dass die Untermenschen-Diktion lachhaft war, wenn sie nicht solch fatale Auswirkungen gehabt hätte? Hitler wurde bis zum letzten Blutstropfen Gefolgsamkeit geleistet und hinter vorgehaltener Hand wurde er zuweilen als "Gröfaz" (Größter Führer aller Zeiten) verspottet.

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