Ludovico Einaudi bei einem Konzert in Mailand (Quelle: Roberto Finizio/dpa)
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Audio: Inforadio | 06.04.2019 | Jens Lehmann | Bild: dpa

Konzertkritik | Ludovico Einaudi in der Philharmonie - Wie Yann Tiersen auf Valium

Ludovico Einaudi ist einer der erfolgreichsten Musiker unserer Tage, seine Musik wird so oft gestreamt wie kaum eine andere. Am Freitag war er in der Berliner Philharmonie. Jens Lehmann wollte wissen, ob Einaudis Musik auch live funktioniert. Ein Selbstversuch.

Die Philharmonie ist ausverkauft - jung, alt, Emo, Hipster, Business-Futzi, alle da. Es werden viele Selfies gemacht, auch die hektische Platzsuche lässt darauf schließen: Viele sind zum ersten Mal hier. Und von Minute eins an ist das Publikum voll auf die Musik konzentriert. Wenn jemand auch nur leise raschelt oder hustet, macht sich schneller Empörung breit als in einem Philharmoniker-Konzert.

Ist ja auch oft verdammt leise Musik, obwohl sie aus erstaunlich großen Lautsprechertürmen dringt. Warum vertraut nicht auch der König der Neo-Klassik einfach der grandiosen Akustik dieses Saales und macht ein echtes Unplugged-Konzert draus? Schade. Am Klavier sitzt jedenfalls ein freundlicher älterer Herr mit Glatze und weißem Haarkranz, schwarz gewandet, wie ein italienischer Padre, bei dem man schon das Hörgerät ein wenig lauter stellen muss. Einaudi hat sich fast heimlich auf die Bühne geschlichen - keine Mätzchen, keine Showeffekte, angenehm unprätentiös das ganze.

Wie Yann Tiersen auf Valium

Ich muss allerdings gestehen: Mich kriegt Einaudi einfach nicht. Er ist wie Nils Frahm in der Kältekammer - oder Yann Tiersen auf Valium. Die Kollegen von der ZEIT haben seine Musik mal ein "Schlaflabor der Gegenwart" genannt. Ich assoziiere noch ARD-Vorabendserien, Erbauungsfilmchen oder sagen wir Unterwasser-Dokus. Aber vielleicht bin ich einfach nur neidisch auf all die Menschen, die sich von dieser Musik tief berühren lassen, beim Hören in träumerische Gefühlszustände abdriften, mitten in die Entspannung hinein.

Einaudi fasst seine Stücke im Konzert zu mehreren Suiten zusammen, zwanzig Minuten lang geht ein Stück nahtlos ins nächste über - und nach kurzer Zeit habe ich den Überblick verloren: Ist das noch das gleiche? Oder schon das Neue? Ich muss lernen, loszulassen. Es ist nicht wichtig, wo Stücke anfangen, wo sie aufhören, es ist nur wichtig, ob die Melodien linksdrehend oder rechtsdrehend vor sich hin kreiseln.

Kann Einaudi den Weltfrieden bringen?

Um mich herum schließen die ersten genießerisch die Augen, das probier' ich jetzt auch mal... fünf Minuten später wache ich durch tosenden Applaus wieder auf. Die erste Suite ist vorbei. Es herrscht Hochstimmung. Tue ich Einaudi, diesem freundlichen italienischen Onkel so Unrecht? Ist sogar Weltfrieden möglich, wenn alle ihre Dosis Einaudi bekommen...? Oder gehen sich doch irgendwann alle vor lauter Gleichförmigkeit an die Gurgel?

Die zweite Suite beginnt - und ich weiß nicht, ob ich in eine Zeitschleife geraten bin... Klingt doch schon wieder so wie am Anfang, oder? Immerhin: Das Bühnenlicht ist jetzt blau. Einaudi wiegt sich hin und her, lächelt seinem Geiger und seinem Cellisten zu, bei jedem Akkordwechsel heben sich kokett seine Augenbrauen, und jetzt ist für seine Verhältnisse Punkrock angesagt...

Ein Meister der Massenhypnose

Man kann nix sagen: Einaudi kann gut Klavier spielen, wenn er denn will. Doch was nutzt die beste Technik, wenn sie so wenig zum Einsatz kommt? Doch da: Plötzlich blubst in mir ein Glücksgefühl hoch: Ich war so eingelullt von den kreisenden Melodien, dass mir eine simple, aus der Tiefe aufsteigende Linie Schmetterlinge in den Bauch jagt... Ist das das Geheimnis dieser Musik? Mache mir jedenfalls eifrig Notizen... Selten habe ich so gut bei Musik arbeiten können.

Nach zwei Stunden brandet frenetischer Jubel auf, der ganze Saal erhebt sich für diesen Meister der Massenhypnose. Wie aus der Zeit gefallen wanke ich nach draußen - und danke stumm einem namhaften Hersteller von koffeinhaltiger Brause, dass er mich durchhalten ließ.

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Habe jetzt mal reingehört in diese Musik. Relex Musik. Nett. So vorm Einschlafen sicher ganz sinnvoll. Oder beim Physiotherapeuten. Schön dabei die Muskeln Entspannen.

  2. 1.

    Vorweg, ich kenne weder diesen Künstler, noch seine Musik. Aber Jens Lehmann hat hier eine Musikkritik hingelegt, die mich laut auflachen ließ. Danke hierfür lieberJens. Und jetzt erstmal ein selbstgemahlten Kaffee zum aufwachen.

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