Zwei Darsteller beim Fotoshooting zum Stück "Der Palast" in der Berliner Volksbühne. Quelle: Imago
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Theaterkritik | "Der Palast" in der Volksbühne - Vom spannenden Kaleidoskop zum Gentrifikantenstadl

Constanza Macras hat an der Volksbühne einen musikalischen Tanztheaterabend über den Wandel der Stadt und vor allem ihrer Mieter uraufgeführt. Im ersten Teil hält er sehr fein die Balance, doch im zweiten Teil kippt er leider zu sehr ins Alberne. Von Fabian Wallmeier

"Dein Gemüseladen… ist weg. Dein Buchladen… ist weg" - und immer weiter geht der Blues, den die Tänzer und Schauspieler hier haben. Bäckerei, Theater und auch der Nachbar mit Migrationshintergrund - alle weg. "Der Palast" von Constanza Macras, uraufgeführt am Donnerstagabend an der Berliner Volksbühne, hat die Veränderung Berlins seit dem Mauerfall zum Thema, die Gentrifizierung und die Veränderung der Künstlerszenen, die die Stadt beherbergt.

Macras arbeitet im ersten Teil des Abends mit ihrem über viele Inszenierungen erprobten Collage-Prinzip: Tanz, Musik und Schauspiel stehen gleichberechtigt nebeneinander, die ineinander übergehenden Szenen sind eher eigenständige Miniaturen, als dass sie aufeinander aufbauen würden. Ausgangspunkt sind dieses Mal Fotos von Tom Hunter, projiziert auf immer wieder heruntergelassene Leinwände. Sie zeigen Szenen aus dem Berliner Stadtleben und aus der Volksbühne, allerdings mit einem tollen verfremdenden Kniff - die realistischen Szenen werden um Motive der Alten Meister ergänzt. Mitten in der Schäbigkeit einer ranzigen Nebenstraßenkulisse stehen da etwa Menschen mit Rüschenkragen, die Äpfel darbieten - so knallrot, als kämen sie direkt vom Baum der Versuchung.

"Let's Dance"-Revue mit Botschaft

Nicht jede der Szenen erschließt sich, nicht jede ist gleich stark, aber zusammen und in ihrer stimmig choreographierten Abfolge machen sie den ersten Teil des Abends zu einem spannenden Kaleidoskop. Höhepunkt ist eine wortlose, von Robert Lippoks Soundscapes vorangetriebene Szene über eine Wohnraumenteignung - von der Zustellung eines Kündigungsschreibens über Protest und Polizeigewalt bis zum Einzug der Nachmieterin. Alle Performer tragen Plastikfrisuren und bewegen sich wie Playmobilfiguren: langsam, steif und ohne Beweglichkeit von Knien und Ellbogen. Das ist sehr komisch und auf den Punkt inszeniert, geht aber in seiner Einfachheit und Traurigkeit auch unerwartet zu Herzen.

Einschließlich der Pause dauert "Der Palast" volle drei Stunden [externer Link]. Vor allem im längeren zweiten Teil fühlt sich das deutlich zu lang an. Macras tut nicht gut daran, ihr Collage-Prinzip zu verlassen: Nach der Pause wird es praller und dabei ein bisschen stringenter und erzählerischer, aber leider auch langatmiger und alberner. Statt vieler verschiedener gibt es jetzt nur noch ein Setting: eine im ersten Teil schon angerissene satirisch überdrehte und verfremdete Variante der Reality-Show "Let's Dance". Damit erklärt sich dann auch, warum schon im ersten Teil immer wieder Show-Paartanz-Einlagen zu sehen waren - was natürlich eigentlich nicht das üblichste Ausdrucksmittel moderner Choreografien ist.

"Meine Wohnung ist mein Palast!"

Von der Decke wird nun ein Glitzervorhang heruntergelassen, eine Showtreppe wird reingeschoben und es beginnt eine Art 1920er-Jahre-Revue mit Stuhltanz in Anzügen, Jazzbands und Bob-Frisuren. Ob mit dem stücktitelgebenden "Palast" wohl letztlich der Friedrichstadtpalast gemeint ist? Doch Revue und Reality-Show werden gleich wieder ironisch gebrochen. Die Jurorinnen quatschen von Existenzialismus und Humanismus oder fragen, ob wir nicht alle Gefangene unserer selbst seien.

Der aufdringliche Moderator (wunderbar unverschämt und übergriffig: Luc Guiol) schwadroniert von den Vorzügen der Armut und befragt die Tanz-Kandidaten. Die nutzen die Bühne für eigene Botschaften - und kommen damit zurück zum dem Abend vorgegebenen Wohn- und Gentrifizierungsthema: "Wir vertreten hier die Mietergemeinschaft Zingster Straße 43", beginnt eine ihren Monolog, eine andere kreischt über die Fäkalschaden in ihrer Wohnung, die sie aber trotzdem so sehr liebe: "Meine Wohnung ist mein Palalst!"

Während die Collage im ersten Teil noch sehr luftig das Nebeneinander verschiedener Stile und Ideen auf die Bühne bringt, wird im zweiten Teil alles auf einen Haufen geworfen: Es gibt eine wirre Aufzählung von Filmen und Serien über Berlin, einen Rant über Miethai-Scheinfirmen in Zossen, "den Cayman Islands von Brandenburg", eine live gequietschte Darbietung von "Stayin' Alive" - und am Ende buntes Konfetti. Die fein austarierte Mehrdeutigkeit des ersten Teils weicht einem nur leidlich witzigen Gentrifikantenstadl. Schade.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Künstler, dessen Fotos Teil der Inszenierung sind, als "Tom Hunt" bezeichnet. Er heißt aber Tom Hunter. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Inforadio, 05.04.2019, 9 Uhr

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