Eine Tosca-Aufführung in der Deutschen Oper aus dem Mai 2009 (Quelle: Bettina Stöß / Deutsche Oper)
Audio: Kulturradio|13.04.2019 | Maria Ossowski | Bild: Deutsche Oper

50 Jahre "Tosca" an der Deutschen Oper - Ein Krimi, der nicht endet

Die "Tosca"-Inszenierung an der Deutschen Oper wird auch 50 Jahre nach ihrer Premiere noch vom Publikum gefeiert. Ein Ende der Aufführungen ist noch lange nicht in Sicht. Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Von Maria Ossowski

Willy Brandt wurde Bundeskanzler, Neil Armstrong betrat den Mond, die Beatles gaben ihr letztes Konzert und der blutjunge Berliner Kaufmann Detlef Bittroff hatte nachts angestanden und Karten für die "Tosca"-Premiere ergattert. Deutsche Oper, zweiter Rang, letzte Reihe.

"Also Stimmung war ja wie immer", erinnert sich Bittroff an den Abend des Jahres 1969 zurück. "Wenn die Star Wixell und Pilar Lorengar, wenn die sangen, dann war immer Stimmung. Maazel hat dirigiert und Sie wissen ja, Tosca fängt ja an mit baam, bum, geht ja gleich so los, da war man gleich drin."

Eine Tosca wie noch nie, jubelte die "Bild"-Zeitung, eine gigantische Leistung, Barlogs "Tosca" wird auf lange Zeit die Zierde des Spielplans bleiben. Gut orakelt. Detlef Bittroff war 35 Mal drin und hat auch erlebt, wie Tosca, Pilar Lorengar, mit zu viel Schwung im Kleid den Tisch und das Mordwerkzeug abräumte, ohne es zu merken.

Mordwerkzeug war verschwunden

"Jetzt kam die Stelle, wo Frau Lorengar sich das Messer nehmen musste, um Scarpia zu erstechen." Und es war kein Messer mehr da. "Aber bei Pilar war das kein Problem: Sie hat dann die Gabel genommen und hat ihn mit der Gabel erstochen." 

"Tosca" ist der Superkrimi. Sängerin liebt Künstler, böser Scarpia will die Sängerin, lässt den Maler foltern, Tosca mordet ihn und springt nach dem Tod des Malers von der Engelsburg. Detlef Bittroff hat "Tosca" x Mal gesehen, bevor er das erste Mal nach Rom reiste und feststellte: In Rom ist alles genau wie in der Oper in Berlin: "Es ist original die Kulisse, die Engelsburg. Ich fühlte mich wie in der Deutschen Oper."

Theaterblut geht schwer raus

"Tosca" an der Deutschen Oper haben Grace Bumbry, Gwyneth Jones oder Anja Harteros gesungen, 74 Tenöre wie José Carreras, Placido Domingo oder Jonas Kaufmann den Cavaradossi und 63 Baritone wie Bryn Terfel, Michael Volle oder Erwin Schrott den Bösewicht. 51 Dirigenten leiteten seit der Premiere unter Lorin Maazel die Aufführungen. Je nach Sänger musste man immer mal umbauen: Luciano Pavarotti konnte auf kein Podest klettern, also spielte alles auf einer Ebene, was seiner Traum-Arie keinen Abbruch tat.

Was ist das Geheimnis der Inszenierung? Ein sehr naturidentisches Bühnenbild, eine Personenregie, die Scarpia besonders böse und die Folterszene extrem hässlich rüberkommen lässt. Und Spannung bis zum Schluss, ob der arme Cavaradossi doch noch überlebt - was er natürlich nicht tut. Zudem Traumkostüme. Tosca zunächst in senfgelber Shantung-Seide, später in nachtblauem Samt mit weißem Einsatz. Dieser Einsatz muss häufiger gewechselt werden, so Kostümdirektorin Dorothea Katzer, denn Theaterblut geht schwer raus. Ist es leicht zu reinigen, wirkt es oft unnatürlich.

Viele Opernstars in einem Kleid

Je zehn Kleider hängen auf der Stange. Bekommt nicht jede Sängerin ein Neues? Nein, im Prinzip kann man alles ändern. Nur Montserrat Caballé hat ihr eigenes mitgebracht. Ansonsten steht in den Kleidern, wer sie getragen hat. In einem gebe es etwa einen ganzen Schilderwald, so Katzer: "Naglestad, Serafin, Radvanovsky, Siri, Pieczonka - alle im gleichen Kostüm, das ist doch schon schön."

Das Original der Premiere existiert nicht mehr. Die Nähte zerfallen zuerst, dann die Shantung-Seide. Eines sieht zwar auf den ersten Blick glamourös aus, aber beim näheren Hinschauen zeigt sich: Da haben einige Sängerinnen aber ziemlich zugelegt. Man sehe, wie sehr das Kleid geändert wurde, erklärt Kostümdirektorin Katzer. "Das sind hier fast fünf Zentimeter nur in der einen Naht."

Nächstes Jubiläum 2069

Nachflicken könne man zwar immer wieder, aber es gebe einen Punkt, an dem man aufgeben müsse. "Die Seide hält es dann irgendwann nicht mehr." Das sei zu gefährlich: "Irgendwann steht die Tosca da, hebt den Arm und es macht einfach "schliss" und dann ist es einfach weg."

50 Jahre läuft "Tosca" nun an der Deutschen Oper. Götz Friedrich hatte die Inszenierung zwischendurch ein bisschen aufgehübscht - ein Ende der Aufführungen ist also noch lange nicht abzusehen. 2069 steht dann das nächste Jubiläum an.

Sendung: Kulturradio, 13.04.2019, 18 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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