"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Arte/rbb
Video: Trailer zu "24h Europe" | 04.05.2019 | rbb Fernsehen | Bild: Arte/rbb

"24h Europe" - Tagebuch meines ultimativen Binge-Marathons

45 Teams begleiten 60 junge Menschen in ganz Europa mit der Kamera - 24 Stunden lang. Das Ergebnis: Die Echtzeit-Doku "24h Europe", koproduziert vom rbb. Ausgestrahlt wurde das Ganze von Samstag zu Sonntag, 24 Stunden lang. Florian Prokop hat zugesehen.

Samstag, 05:52 Uhr

So früh bin ich lange nicht aufgestanden. Es geht aber nur vom Bett auf die Couch. 24h Europa startet. “Next Generation” – alle Protagonist*innen der Echtzeit-Doku sind maximal 30 Jahre alt. Europa im Spiegel der Millenials. Mein ultimativer Binge-Marathon startet jetzt.

06:13

Boah. Bereits jetzt, nach wenigen Minuten, breitet sich ein vielseitiges Mosaik europäischer Geschichten aus: Zwei junge Frauen schwimmen in einem klaren See in Finnland. In einer Retorten-Stadt in Russland, unmittelbar an der Grenze zu Asien, bringt ein Paar seinen Sohn in den Kindergarten, bevor Papa ins Stahlwerk fährt. Vor der europäischen Küste patrouilliert die Sea Watch 3, vor der schottischen Küste fährt ein Fischer aufs Meer. In Ungarn beginnt der Tag auf einem Selbstversorger-Bauernhof mit dem Melken der Kühe. Ich putz' mal Zähne und mache Kaffee.

06:32

Die Sea Watch hat vor der libyschen Küste ungefähr hundert Geflüchtete geborgen, die mit einem Schlauchboot auf offener See unterwegs waren.

06:42

Im 24-Einwohner-Dorf Berende in Bulgarien steht der 17-jährige Valerie aus seinem Bett auf, das in der Küche steht. Die Sprecherin sagt, sein Vater ist gerade gestorben, seine Mutter ist nicht da, er geht seit kurzem nicht mehr in die Schule. Valeries Tages-Highlight: Einmal die Woche kommt ein Lieferwagen mit frischem Brot und Nachrichten ins Dorf. Viele der anerzählten Geschichten geben mir auf meinem Sofa in Berlin Neukölln das Gefühl, ziemlich privilegiert zu leben.

07:05

In Athen schnauzt der junge Boxer Yorkos seine Mutter am Frühstückstisch an. Er ist arbeitslos und spürbar unzufrieden. Im Moment wirkt die Doku so, als ob in ganz Europa Mütter ihre Söhne mit den Worten "Du kommst zu spät" wecken. In Utrecht, Niederlande, beobachten wir eine junge Familie beim Frühstück. Sie leben in einem Altersheim - dort ist der Wohnraum für sie bezahlbar, weil sie gleichzeitig den Senioren dort Gesellschaft leisten. "Niederländische, unkonventionelle Pragmatik", denke ich.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

07:16

Yorkos in Griechenland lässt sich von vorne bis hinten bedienen und schnauzt seine Eltern an. Seine Mutter hat laut eigener Aussage ihr komplettes Gehalt für das Boxequipment ihres mauligen Sohnes ausgegeben. Ich frage mich, ob Yorkos nicht merkt, was er vor der Kamera für ein Bild von sich zeigt?

Gleichzeitig erlebe ich den "bewaffneten Konflikt" in der Ostukraine. Überhaupt: Die Gleichzeitigkeit aller Geschichten, die hier seit einer guten Stunde auf mich einprasseln, ist faszinierend. Europa ist riesig und vielschichtig.

Ich kriege so langsam Hunger.

08:23

Auf der Sea Watch ist gute Stimmung unter den zahlreichen geretteten Geflüchteten, denn es ist sicher: Sie alle werden nach Europa kommen, den Sehnsuchtsort.

In Neukölln gehe ich mal duschen.

08:53

In Lissabon geht eine junge Frau mit ihren Hunden Gassi. Auch mein Hund muss jetzt mal vor die Tür. Plötzlich denke ich an alle Hundebesitzer in Europa. Vor die Tür mit uns!

09:33

Ich bin zurück vom Gassigang. In Frankreich diskutiert eine Ausstellung offenbar die Flüchtlingsfrage. Was genau passiert, kriege ich nicht mit, denn ich habe Besuch bekommen. Es gibt Croissants, Orangensaft und Kaffee.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

09:52

In Griechenland sucht der maulige Yorkos Arbeit, in Berlin beobachte ich die Start-Up-Szene, der Protagonist aus London arbeitet im Finanzsektor und guckt viel auf sein Handy. Eigentlich passiert in den Orten genau das, was ich als Klischee erwarten würde.

11:30

Eine ältere Frau in Italien hat Besuch von Politikern der rechtsextremen Partei Forza Nuova. Sie wettert seit einiger Zeit über Europa, den Euro, Geflüchtete, die die Italiener verdrängen und ersetzen werden. Wenn es nach ihr ginge, sollte Italien aus der EU austreten, dann wäre alles sofort besser. Das ist mindestens genauso schwer zu ertragen, wie die Worte von Ibrahim, einem französischen Lieferanten. Der erklärt, seine Frau nicht zu unterdrücken - es sei allerdings von Gott gewollt, dass sie sich ihm unterwirft.

Mein Frühstücksbesuch macht sich aus dem Staub.

12:00

Kleines Zwischenfazit: Seit sechs Stunden schaue ich Menschen in Europa bei ihrem Treiben zu. Viele Storys sind interessant - die tschechische Dirigentin, die sich durch eine Männerdomäne kämpft, Valerie in Bulgarien, der der einzige junge Mensch in seinem Dorf ist. Einige Storys zeigen genau die Dinge, die ich aus ihren Ländern auch erwarten würde: Homophobie in Polen, Arbeitslosigkeit in Lissabon, Wohnungsnot in Griechenland. Die Geschichten sind teils sehenswert, teils erwartbar. Ansonsten macht sich nach sechs Stunden Fernsehen gerade eine kleine Müdigkeit in mir breit. Ich mache Kaffee und überlege, für den Abend Freunde einzuladen, um nicht zu früh einzuschlafen.

12:36

Es läuft in Europa. Damit meine ich: Momentan wird viel gelaufen in Europa. Fast alle Menschen sind irgendwie auf dem Weg. Jemand läuft in Ungarn von A nach B. Jemand in London, jemand in Tschechien.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
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13:28

Ich schaue einer Familie in Italien beim Mittagessen zu und vermisse ein bisschen Valerie, den 17-jährigen Jungen aus dem Dorf in Bulgarien. Seine Geschichte berührte mich bisher am meisten.

14:08

Während ich mir etwas zum Mittag mache, höre ich einem jungen Mann in Italien zu. Er kämpft gegen die Krankheit Mukoviszidose, muss 30 Pillen am Tag nehmen und erzählt, seine Lebenserwartung liege bei etwa 40 Jahren. In Schweden startet ein E-Sports-Turnier - das "Woodstock" der Gaming-Szene, heißt es. In dunklen Hallen kämpfen hunderte Menschen in virtuellen Welten gegeneinander.

14:37

In Polen fährt die 15-jährige Jagoda zum Treffen einer paramilitärischen Gruppe. Ihr Traum ist es, in die Armee einzutreten. Ich werde ungeduldig von meinem Hund angeschaut. Europa ist ihm offenbar egal. Dann eben noch eine Runde Gassi.

15:00

Ein Hund geht um in Europa.

15:35

Valerie ist wieder auf der Bildfläche! Er füttert ein kleines Kälbchen. Obwohl er erst 17 ist, sehe ich in seiner Art zu stehen schon sein 70-jähriges Ich.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

15:51

Eine zweite Berliner Geschichte neben der aus der Start-Up-Szene: die Berliner Dragqueen Candy Crash wird begleitet und zeigt ihren glitzernden Kleiderschrank.

16:56

"24h Europa" verfolgt Politiker in mehreren Ländern bei ihrer Arbeit: eine Politikerin der AfD bei Frankfurt, die Politikerin einer linksnationalen Bewegung in Spanien, die sich für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzt, und eine französische Abgeordnete des Europaparlaments, die sonst Landwirtin in der Bretagne ist. Außerdem ein Vertreter der rechtsextremen Forza Nuova in Italien. Alle haben unterschiedliche Ideen von und für Europa. Währenddessen detonieren in der Ostukraine Granaten.

17:19

Auf einer estnischen Insel geht eine Verkäuferin ihrem Feierabend in einem Geschäft entgegen. Ich kriege Besuch von einer Freundin, wir schauen ein wenig zusammen.

17:27

Valerie aus Bulgarien ist zehn Kilometer in den nächsten Ort geradelt, um dem Kamerateam seine Schule zu zeigen. Nach einer Prügelei darf er dort nicht mehr hin. Außerdem besorgt Valerie sich eine SIM-Karte, um ins Netz zu gehen. Er verrät seinen Traum: Er möchte Taxifahrer in der Stadt werden.

18:34

Jagoda ist inzwischen beim Treffen ihrer Bürgerwehr angekommen. Zwei Tage bleibt sie in einem Wald in den Karpaten, um Krieg zu spielen - in Tarnuniformen, umgeben von Holz- oder Plastikwaffen. Über der Akropolis geht die Sonne unter, während Yorkos sich immer noch einen Job sucht. Die einzelnen Geschichten werden teilweise recht schnell aneinander geschnitten - gerne würde ich etwas länger dabei bleiben.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

19:00

Die Sea Watch hat weitere hundert Geflüchtete aus dem Mittelmeer gerettet. Ein junger Mann erzählt von den letzten Tagen, die er mit Hunger auf dem Meer verbrachte, während er Freunde sterben sah. Ich habe eine Zutat für das Abendessen vergessen und mache mich auf den Weg zum Supermarkt.

20:12

Kurzer Blick aus der Küche auf die Mattscheibe - ein junger Niederländer erzählt, dass er sich seit Jahren Testosteron spritzt. Offensichtlich befindet er sich in der Transition - er zeigt einige ältere Youtube-Clips von sich. Mit höherer Stimme und deutlich weicheren Gesichtskonturen.

20:34

Die Berliner Dragqueen Candy Crash ist auch Youtuberin und auf dem Weg zu einem Dreh: Sie schminkt Senioren zu Dragqueens und interviewt sie dabei über ihr Leben. Wie bei mir ist es jetzt auch bei Candy Crash 20:34 Uhr. Es wird langsam dunkel in Europa. Ob Candy Crash noch einen großen Auftritt in der Nacht hat?

20:44

Essen ist fertig! Es gibt Spargel. Guten Appetit, Europa!

21:32

Hab ich geschrieben: Es wird dunkel in Europa? Nicht in Island, wo sich zwei junge Frauen in den letzten Proben für ein anstehendes Konzert befinden. Vor der italienischen Küste ist es dunkel, die zweihundert Geflüchteten betreten offenbar demnächst das europäische Festland.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

23:40

Candy Crash macht sich für die Nacht fertig, das Webcam-Erotikmodel Roxy beginnt mit der Arbeit, und auch in einer Notaufnahme in Bukarest beginnt die Nacht. Ich trinke eine Mate, um nicht zu früh müde zu werden, und gähne dennoch bereits etwas.

00:00

Mitternacht. Mit der Zahnbürste im Mund schaue ich zum Fernseher. Candy Crash hat Besuch von einem anderen Youtuber, der sich als "Basic Bitch" vermarktet. Die Ernsthaftigkeit der Off-Sprecherin bei diesen Worten lässt mich schmunzeln.

00:48

Die junge, tschechische Dirigentin arbeitet immer noch für ihren Traum. In der Schweiz wird gefeiert, in Island startet das Konzert. Samstagnacht steht für viele im Zeichen des Alkohols. Entweder weil die Menschen feiern oder weil sie, wie in Brüssel, einen kleineren Autounfall bauen und dann pusten müssen.

"24h Europe". 45 Teams aus 26 Ländern begleiteten 60 Protagonist*innen in ganz Europa.
Bild: Arte/rbb

03:03

Ich bin eingepennt. Ich wache auf, während in Tallinn in Estland das Konzert zweier berühmter Hip-Hop-Girls zu Ende geht und in Norwegen gefischt wird. Vermutlich habe ich den großen Auftritt von Candy Crash verschlafen. Sowieso sind mir hier einige Menschen vor der Kamera neu. Das holländische Paar aus dem Altersheim habe ich überhaupt nur einmal gesehen.

05:17

Argh! Ich bin nach kurzer Zeit nochmal eingeschlafen. Als ich aufwache, ist es für Jagoda aus Polen, die die Nacht im Wald verbracht hat, Zeit aufzustehen. Auch bei einem Lehrling in Deutschland, der aus Nigeria ist, ist es bereits Zeit für die Arbeit. Alle werden danach gefragt, wie sie sich ihre Zukunft in zehn Jahren vorstellen. Die wenigsten wissen eine Antwort. Ich wüsste auch keine, ich hoffe nur, dass wir immer noch in einem vereinten Europa leben.

05:43

Die Sea Watch hat noch immer die Geflüchteten an Bord. Die freiwillige Helferin auf dem Schiff scheint zerknirscht. Sie weiß, dass die wenigsten Geflüchteten an Bord in Europa eine besonders gute Zukunft vor sich haben werden. "Die werden vermutlich unsere Tomaten ernten." Welches Europa sie sich wünsche? Darauf könne sie nur Binsenweisheiten antworten, aber ein Europa, dass sie sich wünsche, sei mit dem Kapitalismus nicht vereinbar. Auf diese Worte folgt der Abspann.

05:47

24 Stunden lang habe ich verschiedensten Menschen in Europa bei ihrem Leben zugeschaut. Wir sind viele - wir alle haben Wünsche, Träume, Hoffnungen. Manchen der Menschen bin ich sehr nah gekommen, andere habe ich irgendwo auf dem Weg in den vielen Szenen-Schnippseln verloren. Ich fühle mich ein bisschen verkatert, die melancholischen Worte der freiwilligen Helferin auf der Sea Watch wirken in mir nach. Vom Sofa gehe ich in mein Bett. Mitten in Europa.

Sendung: 24h Europa, 04.05.2019, 06.00 Uhr

Beitrag von Florian Prokop

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Europa ist die Antwort! Auf welche Frage, ist doch dabei zweitrangig.

  2. 1.

    Klasse von 9uhr bis 03 uhr gesehen und habe festgrstellt das wir in deutschland doch noch einigermaßen gut geht und wenn es nach mur gehen würde wäre ich der erste fur ein vereinte Staaten von Europa dann nur gemeinsam sind wir stark. Klasse Sendung

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