Die Band Apparat im Berliner Tempodrom (Quelle: imago/Roland Owsnitzki)
Audio: Inforadio | 11.05.2019 | Steen Lorenzen | Bild: www.imago-images.de

Konzertkritik | Apparat im Tempodrom - Aus den Fugen geraten

Sascha Ring hat seine größten Erfolge mit dem Elektropop-Trio Moderat gefeiert. Seit 15 Jahren vermittelt er zwischen analogen und synthetischen Klängen. Aber beim Konzert seines Soloalbums "LP 5" in Berlin gerät einiges in die Schieflage, findet Steen Lorenzen.

Zunächst ist beim Konzert im Tempodrom alles sehr stimmig. Sascha Ring hat sich mit seiner Apparat-Band vom hymnischen Elektro-Rave der anderen, so viel erfolgreicheren Band mit dem Namen Moderat abgenabelt.

Die Maschinen sind weg - jetzt stehen Menschen auf der Bühne, die handgemachte Musik auf die Bühne bringen: Schlagzeug, Cello, Geige, Bass und Posaune. Auch Sascha Ring hat sich brav eine Gitarre umgeschnallt. Das verbliebene elektronische Gerüst wird souverän mit analogen Klängen gemischt.

Live gerät das kontemplative Album aus den Fugen

Auf dem neuen Apparat Album "LP5" entsteht so ein fragiler Sound, ein fein gewobener Teppich aus vielen Melodien, die aber nie zu klassischen Popsongs zusammengefügt werden. Sie laufen nebeneinander her, sie laufen auseinander, finden wieder zusammen. Die Songs bekommen feine Risse, durch die wiederum etwas hindurchströmen kann - zum Beispiel Sascha Rings flehender Gesang. 

Doch live gerät das kontemplative Album aus den Fugen - schon das erste Mal, als Rings Stimme von Cello, Violine und einem hämmernden Schlagzeug flankiert wird. Die aufgemotzte Kammermusik passt so gar nicht zum eher scheuen Sänger, der nach einer halben Stunde zum ersten und einzigen Mal ein paar Worte ans Publikum richtet. Er sei bei diesem Heimspiel ziemlich nervös, gibt er zu verstehen.

Effekte ohne Mehrwert

Nicht so der musikalische Leiter der Apparat-Band: Multitalent Phillip Thimm arbeitet sich in schwarzem Muskelshirt an seinen diversen Instrumenten ab, als sei er mitten in einem brachialen Rockkonzert. Damit gibt er die falsche Richtung für die Live-Umsetzung des neuen Apparat-Albums vor: Je länger das Konzert dauert, umso seltener werden die kristallinen Gesänge von Sascha Ring. Stattdessen ufern nun die Instrumentalparts aus. Getragen von der Virtuosität der vier Musiker neben Ring, bleiben sie weitestgehend ohne Tiefe.

Jazz hätte dem Live-Konzept gut getan

Längst passt der Sound auch nicht mehr zum wunderschön dezenten Licht, das die vielen, kreuz und quer aufgehängten LED-Lichtstäbe geben. Der Tiefpunkt ist erreicht, als Thimm und Ring beide minutenlang ihre Gitarren in der Hocke bearbeiten, um diverse Effekte zu bedienen. Möglicherweise eine Hommage an Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood. Leider ohne Mehrwert.

Für Höhepunkte sorgt hingegen das Posaunenspiel von Christian Kohlhaas, das nicht nur den Gesängen eine angenehm windschiefe Stimme hinzufügt, sondern in Richtung Jazz zeigt. Jazz hätte dem Live-Konzept der Apparat-Band gut getan und vielleicht die akustische Tiefe der neuen Songs auf eine weniger bombastische, dafür spielerische Weise aufgebrochen.

Sendung: Inforadio, 11.05.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Steen Lorenzen

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