Bauarbeiter bei Montagearbeiten an der Leuchtschrift auf dem <<Haus der Statistik>>, 13. August 1969. (Quelle: Bundesarchiv/Eva Brüggmann)
Bundesarchiv/Eva Brüggmann
Audio: Inforadio | 10.05.2019 | Susanne Bruha | Bild: Bundesarchiv/Eva Brüggmann

Ausstellung | Ephraim-Palais - Komm doch mal nach Ost-Berlin!

2015 zeigte das Stadtmuseum die Ausstellung "West:Berlin", seitdem wartet die Stadt auf das Pendant aus dem Osten. Und siehe da, pünktlich zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum legt das Ephraim-Palais mit "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" nach. Von Susanne Bruha

Lilli Berlin war eine Band der Neuen Deutschen Welle, die 1982 mit Blick vom West-Berliner Aussichtsturm über Ost-Berlin sangen:

"Komm doch mal nach Ostberlin/ Wahnsinn/
man lässt hier nicht jeden Hin/ Wahnsinn/
Eintritt 25 Mark/ Wahnsinn/
schwer was los richtig stark."

Alexanderplatz mit Weltzeituhr, Haus des Lehrers und Alexanderhaus, um 1970. (Quelle: Landesarchiv/Dieter Breitenborn)
| Bild: Landesarchiv/Dieter Breitenborn

So klingt der Blick aus West- nach Ost-Berlin. Jetzt zeigt das Berliner Stadtmuseum zusammen mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam eine Schau über Ost-Berlin. Der Ort: Das Museum Ephraim-Palais, am Rande des Nikolaiviertels, selbst Teil Ost-Berliner Geschichte.

Die Frage, aus welcher Perspektive hier Ost-Berlin gezeigt wird, war für den in Ost-Berlin aufgewachsenen Kurator Jürgen Danyel ganz wichtig. Er sagt, man wollte keine Wehmutsausstellung für Ost-Berlinerinnen und Ost-Berliner machen, sondern unterschiedliche Perspektiven und Lebenserfahrungen einbeziehen. Also auch die von jenen, die Ost-Berlin immer erstmal nach ein paar "Schreckminuten im Tränenpalast" erlebt hätten. Aber auch neu ankommende Berliner und Berlinerinnen kämen in der Ausstellung auf ihre Kosten, es handle sich um eine Entdeckungsreise nach Ost-Berlin.

"Dit is Berlin": Hausbesetzer, Kombinatsdirektorin und Mädchen aus Namibia

Im Fokus der Ausstellung steht das soziale und kulturelle Leben der späten 60er-, 70er- und 80er-Jahre. In diesen Jahren bekam die sozialistische Hauptstadt ihre spezielle Prägung, sagt Danyel. Durch wen, das zeigt der erste Ausstellungsraum "Ankommen". Hier sind die Geschichten unterschiedlicher Ost-Berliner dokumentiert. Da ist der Hausbesetzer, der aus der Provinz kam und in Berlin die Freiräume suchte. Dort die Kombinatsdirektorin, delegiert nach Ost-Berlin und daneben die Geschichte eines Mädchens aus Namibia, die im Rahmen einer Solidaritätsaktion nach Berlin kam und von einer Ost-Berliner Familie großgezogen wurde.

Schönhauser Allee, 1984. (Quelle: Landesarchiv/Dieter Breitenborn)
| Bild: Landesarchiv/Dieter Breitenborn

Ein herrliches Panorama großer Ambivalenzen

Und da sind sie schon wieder die Themen Wohnen, Geschlechterbeziehungen und Migration, also Themen, die die Menschen in Berlin heute immer noch bewegen. Die Ausstellung zeigt, in Ost-Berlin waren sie immer schon da. Auf Fotos, Gemälden, in Filmen und anhand von Erinnerungsstücken zeigt die Schau Ost-Berlin von allen Seiten, erzählt von Menschen, Machthabern und Architektur. In den Ausstellungsräumen auf drei Etagen entsteht so ein herrliches Panorama großer Ambivalenzen. So bot die DDR-Hauptstadt zwar Freiräume für Subkultur, war aber gleichzeitig kleinbürgerlich in den Gartenkolonien und grau und dreckig als Industriestadt in den Fabriken in Oberschöneweide.

Am Fernsehturm Berlin, 1.Mai 1974. (Quelle: Landesarchiv/Jürgen Nagel)
| Bild: Landesarchiv/Jürgen Nagel

Schaufenster des Sozialismus

Und hatte einen Ruf zu verteidigen: Als Schaufenster des Sozialismus in der DDR. Kurator Danyel erinnert sich an die Hassliebe der DDR-Bürger zu ihrer Hauptstadt. Zwar stellte man sich schon in die 200-Meter-Schlange am SEZ in der damaligen Leninallee, um dort im Wellenbad zu planschen, aber auf der anderen Seite hat man sich auch darüber geärgert, dass alles, was es zu konsumieren gab, nach Ost-Berlin floss.

Arbeitermilieu trifft Hochkultur

Eines der eindrücklichsten Ausstellungsobjekte stammt aus dem ehemaligen VEB Werkzeugmaschinenfabrik Marzahn. Eine Werkbank mit Schraubstock, an deren Kopfende eine Collage der Arbeiter klebt. Die besteht aus hunderten von Eintrittskarten für die Oper, das Schauspielhaus und klassische Konzerte. Arbeitermilieu trifft Hochkultur. In der DDR offenbar kein Widerspruch.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Spaziergängen und Erkundungen durch - natürlich - Ost-Berlin. Das Besondere an der Ausstellung ist, dass sie es schafft, ein würdevolles und authentisches Ost-Berlin-Bild zu zeichnen, ohne oft erzählte Ostklischees zu bemühen. Falls Berlin noch nach Identität sucht: In der Ausstellung Ost-Berlin könnte es fündig werden.

Beitrag von Susanne Bruha

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ja, das ist schön.
    Ich sprach bewusst von "eihgefleischten ..." , habe also den Anteil bewusst offen gelassen. Vielleicht ist das auch garnicht so wichtig, wenn es nicht um Stigmatisierung geht, sondern um Dinge, die einem zuweilen eben aufstoßen.

  2. 2.

    Hallo Herr Krüger.
    Wie ich schon mehrfach geschrieben habe, bin ich ein eingefleischter Wessi. Gleichzeitig gebe ich aber auch zu, an meinem Vorurteil gegenüber Ostdeutsche zu arbeiten. Das beginnt mit der Bezeichnung Ostberlin. Wenn ich zu Freunden nach Lichtenberg fahre, dann fahre ich durch Berlin. Gleiches gilt nun auch für mich,wenn ich ins Umland Reise. Meine Scheuklappen habe ich abgelegt;-)

  3. 1.

    Ja, das doppelte oder das halbe Berlin: Die Selbstbezeichnung der eigenen Seite war immer "Berlin", die der anderen verschwundenen oder vergessen-gemachten Hälfte war dann folglich "Ost-Berlin" oder "Besondere politische Einheit Westberlin'". Die eigene Hälfte mutierte anspruchsvoll zum Ganzen und dem Gegner blieb der Bindestrich-Rest.

    Auf Menschen heute mutet das merkwürdig, ja fast schon schizophren an. Die Einwohner der westlichen Hälfte Berlins hätten sich ebensowenig als West-Berliner bezeichnet wie die Einwohner der östlichen Hälfte sich selbst als Ost-Berliner.

    Gelingt es wenigstens heute, die Stadt als Ganzes zu sehen, wenn ein eingefleischter Steglitzer oder Lichtenrader immer noch "in den Osten" fährt, wenn er zur Lindenoper hinfährt? Selber hoffe ich, dass die Eröffnung des Humboldt-Forums für die Wahrnehmung der eigentlichen Mitte ein Meilenstein ist.


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