Christian Thielemann (R) und die Wiener Philharmoniker
Audio: Inforadio | 03.05.2019 | Jens Lehmann | Bild: dpa/HERBERT NEUBAUER

Konzertkritik | Wiener Philharmoniker im Dom - Herrlicher Mischklang in himmlischem Ambiente

Der Dirigent Christian Thielemann ist einer von Berlins wichtigsten Klassik-Exporten. Am Donnerstag war mal wieder in seiner Heimatstadt zu Gast - diesmal mit den Wiener Philharmonikern im Berliner Dom. Von Jens Lehmann

Sagen wir es, wie es ist: Der Berliner Dom ist nicht gerade für seine brillante Akustik bekannt. Wir reden hier, durch die riesige Kuppel, über gut sechs Sekunden Nachhallzeit. Freundlich ausdrückt könnte man auch sagen: Die Musik lebt länger im Dom.

Die Wiener Philharmoniker haben sich ganz bewusst auf dieses Abenteuer eingelassen - haben sie sich doch eine ganze Kathedralen-Tour durch Europa vorgenommen. In den nächsten Jahren wollen sie in den großen Gotteshäusern des Kontinents alle Sinfonien von Anton Bruckner spielen, bis zum 200. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2024. Am Pult: Christian Thielemann, ein ausgewiesener Bruckner-Experte.

Kathedrale Notre-Dame de Paris (Quelle: FedericoPestellini)
Die eingerüstete Kathedrale Notre-Dame | Bild: imago/FedericoPestellini

Hilfe für Notre Dame

Zum Start kommt man nach Berlin - und will mit dem Erlös des Konzertes gleich noch beim Wiederaufbau von Notre-Dame in Paris helfen. Der Dom ist voll, da dürfte eine ordentliche Summe zusammenkommen. Am Donnerstagabend stehen Bruckners Zweite - und ein neues Stück des Briten Christian Mason auf dem Programm. "Eternity in an hour" heißt es und ist der zweite Teil eines ganzen Orchesterzyklus mit dem Titel "Time and Eternity". Der Mann macht sich offenbar viel Gedanken über die Zeit… Den dritten Teil gibt es übrigens im nächsten Jahr vom Konzerthausorchester unter Christoph Eschenbach zu hören.

Mason hat sich für seine Musik vom englischen Romantiker William Blake inspirieren lassen - vor allem von den berühmten Zeilen: "Die Welt zu seh'n im Korn aus Sand - Das Firmament im Blumenbunde - Unendlichkeit halt' in der Hand - Und Ewigkeit in einer Stunde." Das Große im Kleinen, das Besondere im Einfachen, das will der Komponist hörbar machen. Doch bis auf ein paar irisierende Streicherflächen und dramatische Akkordwechsel ist da nicht viel. Gut, dass diese "Eternity in an hour" nur fünfzehn Minuten dauert.

Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker (Quelle: imago)
Christian Thielemann | Bild: imago

Bruckner – aber luftig

Da wirkt Bruckner gleich noch finessenreicher. Zumal seine Zweite Sinfonie an diesem Abend ganz luftig daher kommt. Thielemann nimmt bewusst Druck raus, entscheidet sich trotz der heiklen Akustik für sehr flüssige Tempi - und das tut der Sinfonie gut.

Die Streicher der Wiener liefern butterweiche Übergänge - die gibt es auch in den Bläsern. Nur leider hört man ihn zu selten, diesen herrlichen Mischklang, den Thielemann aus den Holz- und Blechbläsern zaubert. Denn die sitzen in der Apsis, haben also noch eine kleinere Kuppel über sich. Ein ums andere Mal überholen sich die harmonischen Fortschreitungen selbst im Raum - und wehe, die Pauke kommt dazu, dann wird’s breiig.

Doch im Berliner Dom hört das Auge eben auch mit. Bruckners Musik wirkt in diesem wilhelminischen Prachtbau noch einmal ganz anders. Und wenn ich mir dieses wirklich himmlische Adagio so anhöre, muss selbst ich alter Protestant Papst Benedikt XVI. zustimmen, der über Bruckners Musik mal gesagt hat, sie sei wie eine große Kathedrale, deren Architektur das Gemüt bewege.

Sendung: Inforadio, 03.05.2019, 06:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Uferhallen in der Uferstraße 8 in Berlin Wedding / Gesundbrunnen. (Quelle: imago images/Spiekermann-Klaas)
imago images/Spiekermann-Klaas

Ausstellung in Berlin - Künstler in den Uferhallen haben "Eigenbedarf"

Eigenbedarf und Immobilienverkauf: Angst davor raubt derzeit vielen Berliner Mietern den Schlaf. Auch die Künstler in den Weddinger Uferhallen haben damit zu tun. Sie ergeifen jetzt die Flucht nach vorn und machen eine Ausstellung zum Thema. Von Barbara Wiegand