Collage: Candy, Drag-Queen aus Berlin / Christian, Mitgründer und CEO des Start-ups Hackerbay aus Berlin (Quelle: rbb/arte)
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Bild: rbb/Tobias Kruse rbb/arte

Interviews | "24h Europe" - "In den Kernwerten spüre ich, dass ich Europäer bin"

Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, 24 Stunden lang, teilen 60 junge Leute zwischen 18 und 30 ihren Alltag mit den Fernsehzuschauern. Mit dabei sind auch Candy und Christian. Wir haben sie gefragt: Wieviel Europa steckt eigentlich in Euch?

Katya arbeitet als Radio-Ökologin im ukrainischen Tschernobyl. Aussteigerin Dominka aus Ungarn lebt als Selbstversorgerin in einer Jurte. Und der junge französische Erzieher Khalifa träumt eigentlich davon, Rapper zu sein. Von Sofia über Toulouse, Barcelona, Berlin, Almeria, Belgrad, Magnitogorsk bis hin zu den Westfjorden auf Island - einen Tag lang können die Fernsehzuschauer die Lebenswelten junger Protagonisten in allen Ecken Europas miterleben.

Mitgemacht bei "24h Europe" haben auch Candy und Christian aus Berlin. Doch: Wie europäisch fühlen sie sich? rbb|24 hat ihnen dieselben vier Fragen gestellt - und ganz unterschiedliche Antworten erhalten.

Candy, Drag-Queen aus Berlin 

Deutschland: Youtuber und Drag Queen Candy Crash (Bild: SWR/zero one /Tobias Kruse /Ostkreuz)
Bild: SWR/zero one /Tobias Kruse /Ostkreuz

rbb|24: Candy, wobei erleben wir Dich 24 Stunden lang?

Candy: Ich bin eine Drag-Queen aus Berlin, Beauty-Youtuber und Moderatorin. Davon lebe ich. Auf Youtube schminke ich mich selbst und verwandle andere in Drag Queens - auch Senioren. Das läuft sehr gut.

Für "24h Europe" lade ich Freunde ein aus der Queer-Community, und wir werden einen netten Abend zusammen verbringen. Außerdem besuchen wir einen Senioren zu Hause und ich verwandele ihn in eine Drag-Queen. Der ist auch schwul und erzählt seine Lebensgeschichte, während ich ihn schminke.

"24h Europe" will ein breitgefächertes Bild junger Europäer und möglicherweise auch Trends aufzeigen. Wo siehst Du Dich da?

Ich glaube nicht, dass ich etwas repräsentiere, was für die europäische Zukunft wichtig ist. Wobei: Ich lebe sehr digital, in den sozialen Medien und als Youtuber - das betrifft natürlich auch die Zukunft. Die Welt wird immer weiter digitalisiert, und das Analoge bekommt einen großen Gegenpart durch die digitale Welt. Die wird immer wichtiger - auch bei der Jugend.

Wie viel - junges - Europa fühlst Du in Dir?

Ich sehe und fühle mich nicht als Europäer. Ich fühle mich als Deutscher. Das hat viel damit zu tun, dass wir in Europa so viele unterschiedliche Länder, Kulturen und Sprachen haben, dass es gar nicht als eine Einheit wahrgenommen wird. Was vereint uns denn? Der Euro! (lacht). Wenn ich aber in den USA bin und einen Blick von außen auf Europa habe, fühle ich mich mehr als Europäer als in Europa. Aber während des Drehs tauchte das Thema gar nicht auf. Der Film versucht, ein zeitgenössisches Europa darzustellen, ohne es direkt zu thematisieren. Der Film wird am Ende ein Kommentar sein.

Was wünschst Du Dir für Europa?

Ich finde es schön, dass es eine europäische Gemeinschaft gibt, in der wir Grenzen überschreiten können, ganz frei sind. Dass wir frei reisen können, ist unglaublich praktisch in dieser großen, globalen Welt. Dass ich als Europäer überall in der EU arbeiten kann, ist auch etwas Tolles – gerade für mich als digitalen Nomaden. Ich bin selbständig und es ist kein Problem, wenn ich sage: Ich möchte jetzt mal vier Monate nach Schweden und von dort aus arbeiten. Ich fände es schade, wenn das nicht mehr wäre.

Vielen Dank für das Gespräch.

Christian Strobl, Mitgründer und CEO des Start-ups Hackerbay

Christian aus Berlin (Quelle: rbb/arte)Firmengründer Christian in seinem Büro

rbb|24: Christian, wobei erleben wir Dich 24 Stunden lang?

Christian: Hackerbay ist ein Datenanalyse-Startup, wir digitalisieren Großkonzerne. Wir heißen nicht umsonst Hackerbay. Wir sind Hacker, und das ist vor allem in Europa kein gutes Wort. Hier gelten Hacker als Kriminelle. In den USA ist das anders. In Silicon Valley ist ein Hacker der Rockstar unter den Entwicklern. Hacker zu sein, zeichnet uns aus: jemand der nicht zwingend an Hierarchiestufen in den Unternehmen glaubt, neue Denkansätze reinbringt und umsetzt. Der Film begleitet uns durch unseren ganz normalen Arbeitsalltag. 

"24h Europe" will ein breitgefächertes Bild junger Europäer und möglicherweise auch Trends aufzeigen. Wo siehst Du Euch da?

Heute sind alle Zusammenhänge sehr komplex, unsicher und schwer vorhersehbar. Wir arbeiten deswegen agil: Wir haben ein klares Zielbild, arbeiten dann kollaborativ und mit offenem Ausgang mit den Unternehmen zusammen. Das ist radikal, aber ehrlicher. Wir haben uns auch bewusst entschieden, uns hundertprozentig auf Europa zu konzentrieren. Aber: Um erfolgreich und wertstiftend zu sein, muss das abendländisch lineare Denken, das wir alle gelernt haben, zu einem vernetzten Denken werden. Die jungen Leute in Europa denken schon so. Die Generation ab 50 tut sich noch extrem schwer damit.

Wie viel – junges – Europa fühlst Du in Dir?

Ich habe Freunde aus der ganzen Welt. Aber in den absoluten Kernwerten spüre ich, dass ich in Europa aufgewachsen bin und es wertschätze. Wenn ich in Asien bin, verstehe ich nicht, wie Leute ohne Meinungsfreiheit leben können, und der Staat diktiert, was angesagt ist. In den USA vermisse ich die soziale Ausgeglichenheit, die es hier gibt. Das ist alles kulturell nicht mit den europäischen Kernwerten von Freiheit und Gleichheit zu vereinbaren. Diese Kernwerte sollten wir bewahren. Grundsätzlich sind die Vorteile, die wir in Europa haben - Demokratie, Meinungsfreiheit, Ausgewogenheit - sehr schön. Aber damit der Wohlstand erhalten wird und wächst, ist es extrem wichtig, mehr Out-of-the-Box zu denken. Wir jungen Leute machen das schon, bei den Älteren dauert es noch etwas. 

Was wünschst Du Dir für Europa?

Am wichtigsten finde ich, den Wohlstand zu verteidigen und auszubauen. Die Welt um uns herum versteht nicht, warum es den Leuten in Europa gut geht. Das ist für jemanden in Asien oder USA nicht sofort klar. Wohlstand ist nichts, was von selbst da ist. In der Wirtschaft muss man etwa exzellente Produkte mit exzellenten Services produzieren, für die man viel Geld verlangen kann, um dann Profite zu haben, die in Form von Steuern etc. wieder in die Gesellschaft zurückfließen. Ich würde mir schon wünschen, dass mehr Leute sehen, wie wichtig das ist. Das verstehen die Älteren schon, aber die Jungen manchmal noch nicht ganz.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Candy und Christian sprach Ula Brunner, rbb|24.

Sendung: 04.05.2019 | rbb-Fernsehen | Ab 06:00 Uhr

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