„Dionysos Stadt“ Münchner Kammerspiele (Copyright:Julian Baumann)
Bild: Julian Baumann

Interview | "Dionysos Stadt"-Regisseur Rüping - Wenn berauschte Zuschauer mit Orest eine Nackt-Party feiern

"Dionysos Stadt" dauert fast zehn Stunden. Am Wochenende läuft es auf dem Berliner Theatertreffen. Regisseur Christopher Rüping erzählt von Ouzo trinkenden Zuschauern, einer Not-Umbesetzung mitten in der Nachtvorstellung - und vom satten Berliner Publikum.

rbb|24: Herr Rüping, Ihre Inszenierung "Dionysos Stadt" von den Münchner Kammerspielen ist ein tiefer Blick in die Geschichte des antiken Theaters - und in seine Aufführungspraxis: Es gibt drei Dramen und ein Satyrspiel, die Zuschauerinnen und Zuschauer verbringen zehn Stunden miteinander, mehr als einen Arbeitstag. Was hat Sie daran gereizt?

Christopher Rüping: Zu überprüfen, ob diese Texte, die vor Tausenden von Jahren geschrieben wurden, heute noch eine Relevanz haben. Wann immer ich in der Inszenierung eines antiken Theaterstoffs saß, war ich mindestens zwei Stunden lang damit beschäftigt, überhaupt die Prämissen der Inszenierung und des Stoffs zu akzeptieren. Zum Beispiel, dass es Götter gibt und über ihnen noch ein bestimmendes Schicksal. In einer Zeit des gebrochenen amerikanischen Traums, der aber immer noch heißt "Du bist selber deines Glückes Schmied" muss ich da schon ganz schön viele Prämissen schlucken, bevor ich mich auf das Gespielte einlassen kann. Dafür brauche ich mindestens zwei Stunden Zeit - aber meistens heißt es dann nach 2:15 Stunden: Licht aus, Vorhang zu, Applaus. Ich dagegen denke dann gerade erst: Jetzt kann es für mich losgehen. Deswegen bin ich bislang immer davor zurückgeschreckt, Texte aus der Antike zu inszenieren. Doch dann habe ich mich irgendwann eher durch Zufall mit den antiken Dionysien beschäftigt und festgestellt: Die Autoren haben damals all diese Texte, die wir als kanonische Literatur kennen und unter denen wir uns solide Zweistünder vorstellen, für ein bestimmtes Format geschrieben - eines, bei dem die Zuschauer fünf Tage lang von morgens bis nachts im Theater saßen. Es gab Wein umsonst und die Stadt stand still währenddessen. Für diesen Zustand wurden die Stücke geschrieben und nicht für das Format eines "Tatorts". Aischylos und Euripides wussten, dass sie den dritten Teil ihrer Tragödie einem völlig betrunkenen, rauschhaft vernebelten, wahnsinnig müden, zur Gemeinschaft gewordenen Publikum präsentieren würden.

Nun dauert "Dionysos Stadt" ja nicht fünf Tage, sondern zehn Stunden - und statt des kostenlosen Weins bis zum Abwinken gibt es veganes Fingerfood.

(lacht) Ja, die Zeiten ändern sich.

Wie sind Sie vorgegangen, um diesen Rauschzustand und diese Verbrüderung zwischen Publikum und Darstellenden trotzdem herzustellen?

Ich habe weniger daran gearbeitet, diesen Zustand herzustellen als ihn vielmehr möglich zu machen. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Ich habe mich gefragt: Wenn wir die Betriebsanleitung der antiken Dionysien ins Heute übertragen - entsteht dann noch der Rausch oder kann es das so gar nicht mehr geben? Natürlich wollte ich auch unbedingt kostenlosen Wein ausschenken lassen. Doch die Kammerspiele hatten ihre eigene Vorstellung davon, wie man so ein Theater noch halbwegs profitabel gestalten kann. (lacht) Bei den Dionysien wurden die Zuschauer auch für ihr Kommen bezahlt. Die mussten keinen Eintritt bezahlen, sondern sie haben die Tickets bekommen und dazu einen Verdienstausfall für diese fünf Tage, an denen sie besoffen im Theater rumhängen. Das hätte ich auch gerne gemacht, aber es scheiterte an denselben Gründen.

Wie stellt sich der Rausch denn dar bei "Dionysos Stadt", trotz des fehlenden Weines?

Immer unterschiedlich. Einmal haben wir das Stück von 20 Uhr abends bis sechs Uhr morgens gespielt - da hatten wir so gegen vier Uhr vollständig intoxikierte Zuschauer auf der Bühne stehen, die mit Orest eine Nackt-Party gefeiert haben anlässlich der Hochzeit von Elektra und Pylades. Die Zuschauer, insbesondere die Raucher, haben ja in bestimmten Phasen der Inszenierung die Möglichkeit, auf die Bühne zu kommen, wir haben dafür eine Zuschauerampel installiert. Steht die auf Grün, dürfen sie nach oben. In der Hochzeitsszene gibt es dann Ouzo for free und man ist Teil dieser Festgesellschaft. Doch in dieser Nachtvorstellung eskalierte das vollkommen. Ich saß in der Lichtregie und habe zum Beleuchter gesagt: Christian, stell die Ampel auf Rot - wir kommen sonst nie mehr mit dem Stück durch!

Als ich die Vorstellung im Januar besucht habe - tagsüber, wohl gemerkt - habe ich gestaunt, dass nur sehr wenige Zuschauende vor Ende der zehn Stunden gegangen sind…

Ich finde das auch immer extrem erstaunlich - und ich bin gespannt, wie das jetzt hier in Berlin wird. Ich könnte mir vorstellen, dass hier mehr Leute gehen.

Sie haben es ja auch im Haus der Berliner Festspiele mit einem ganz anderen Raum zu tun als an den verhältnismäßig familiären Münchner Kammerspielen.

Es fühlt sich so an, als ob man aus einer Puppenstube aus- und in einen Flugzeughangar einzieht. Damit meine ich nicht nur die Größe des Zuschauerraums und der Bühne, sondern auch die zwei völlig unterschiedlichen Theater. Die Kammerspiele haben ja etwas Pittoresk-Liebliches. Man ist sehr nah dran an den Schauspielern. Wenn die sich da vorn an die Rampe stellen, können sie quasi in Wohnzimmerlautstärke alle erreichen. Das ist hier im Haus der Berliner Festspiele total anders. Ich weiß nicht, wie sehr es uns gelingen wird, diese Gemeinschaft aus 1.100 Leuten herzustellen, wie wir sie in den Kammerspielen aus 600 herstellen können. Ich weiß nicht, wieviel Gas die Schauspieler geben müssen, um an den Stellen, wo das antike Pathos im Sprechen nicht gefragt ist, trotzdem rüber zu kommen.

Da bin ich in die Kantine der Kammerspiele gerannt, wo Jochen Noch eine Premiere feierte. Er hatte ein paar Rotwein intus und war in Feierlaune. Nun stand ich vor ihm und sagte: "Jochen, Peter muss ins Krankenhaus. Wir haben hier 600 Leute sitzen. Es ist zwei Uhr nachts. Ich kann die nicht nach Hause schicken. Kannst du einspringen?"

Es gab im Stück eine Umbesetzung: Statt Peter Brombacher spielt jetzt Jochen Noch. Warum?

Peter Brombacher hat seine Schauspielkarriere beendet. Er ist ein unglaublich toller Schauspieler, der sich in seiner ganzen Karriere durch eine kompromisslose Radikalität in den Schritten ausgezeichnet hat. Er hat immer das gemacht, was er für richtig hielt. Wenn es sich für ihn nicht mehr richtig anfühlt, auf einer Bühne zu stehen, kann ich das respektieren. Peter Brombacher hat diese Entscheidung während einer Nachtvorstellung von "Dionysos Stadt" gefällt. Da stand er um zwei Uhr nachts mit Herzrhythmusstörungen vor mir und hat gesagt, er müsse jetzt mit einem Arzt sprechen. Der Theaterarzt hat entschieden, dass Peter ins Krankenhaus muss. Es war dann letztlich keine bedrohliche Situation, aber wir alle wollten natürlich kein Risiko eingehen. Nun war es aber zwei Uhr nachts, es fuhren in München keine Bahnen mehr und viele Zuschauer wären nicht mehr nach Hause gekommen, wenn wir die Vorstellung abgebrochen hätten. Da bin ich in die Kantine der Kammerspiele gerannt, wo Jochen Noch eine Premiere feierte. Er hatte ein paar Rotwein intus und war in Feierlaune. Nun stand ich vor ihm und sagte: "Jochen, Peter muss ins Krankenhaus. Wir haben hier 600 Leute sitzen. Es ist zwei Uhr nachts. Ich kann die nicht nach Hause schicken. Kannst du einspringen?" Er sagte: "Ich habe das Stück noch nie gesehen." - "Schade, aber ich weiß wirklich nicht, was wir sonst machen sollen." Jochen hat dann in heldenhaftem Mut zugesagt. Er hat schnell Peters Kostüm übergezogen und ist auf die Bühne gestolpert. Auch die anderen Schauspieler hatten mitbekommen, dass irgendwas nicht stimmte mit Peter, aber sie wussten nicht, was. Jetzt drehten sie sich um und da stand plötzlich Jochen in Peters Kostüm als Agamemnon auf der Bühne. Die Souveränität, mit der das Ensemble agiert hat, war unglaublich. Es muss für Jochen wirklich so wie im Alptraum eines jeden Schauspielers gewesen sein: Man steht auf der Bühne, weiß überhaupt nicht, worum es geht, und muss jetzt spielen. Er hatte einen Knopf im Ohr und ich habe ihm gesagt, wo er hingehen soll und was er sagen soll. Jochen hat das in bewundernswerter, grandioser Art und Weise gemacht. Das war wirklich ein legendärer Abend.

"Dionysos Stadt" ist an den Münchner Kammerspielen entstanden, unter Matthias Lilienthal. Wäre so ein großes Projekt auch woanders möglich gewesen?

Für mich wäre es nirgendwo anders möglich gewesen - und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn man so ein Mammutprojekt vorhat, muss man das in alle Ecken des Hauses kommunizieren. Es ist nicht so einfach, alle Abteilungen von der Ankleide bis zum Ton einzubeziehen. Bei "Dionysos Stadt" war klar: Wenn wir das machen, muss jeder mit an Bord sein, weil es Zeit, Kraft und Interesse erfordert, was nicht im normalen Schichtbetrieb abzählbar ist. An den Kammerspielen bin ich seit drei Jahren Hausregisseur, ich kenne die meisten Menschen, die dort arbeiten. Wir waren auf Gastspielen in Teheran und Taipeh, wir waren beim Theatertreffen, wir haben schwerste Niederlagen und größte Höhenflüge zusammen erlebt. Ich hatte das Gefühl, es gibt eine realistische Chance, dass sich das Haus auf diese Herausforderungen einlässt - und zwar nicht nur von der Intendanz her, also nicht vom Kopf her, sondern vom Körper, von den Muskeln, die da arbeiten. Zweitens war mir klar, dass ich ein bestimmtes Ensemble dafür brauche - und natürlich ist das Ensemble der Münchner Kammerspiele für mich mit der Zeit auch mein Ensemble geworden. Drittens hat Matthias, wie wir auch aus seiner Zeit am HAU wissen, nichts gegen ausufernde Projekte, die den Rahmen sprengen. Ich dachte eigentlich an acht Stunden, doch er hat gesagt: Acht Stunden dauert jeder Castorf, das ist nichts Besonderes, mach zehn Stunden!

In Berlin haben Sie bislang fünf Mal am Deutschen Theater inszeniert, zuletzt "In der Sache J. Robert Oppenheimer". Was werden Sie dort in der kommenden Spielzeit inszenieren?

Ich arbeite in der nächsten Spielzeit nicht am DT. Ich werde als Hausregisseur ans Schauspielhaus Zürich gehen, mit Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann, die dort die Intendanz übernehmen.

Schon in der kommenden Spielzeit, Lilienthals letzter an den Kammerspielen?

Ja - aber ich werde natürlich den Kammerspielen auch in seiner letzten Spielzeit verbunden bleiben. Ich freue mich wahnsinnig auf die Arbeit in München und Zürich.

Nur für Berlin haben Sie dann erst mal keine Zeit...

Leider nein. Ich habe lange gebraucht, mich an Berlin als Stadt zum Theatermachen zu gewöhnen. Der Theatermarkt ist hier so wahnsinnig groß. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass sich die eigentliche Subkultur gar nicht an den Staatstheatern abspielt. Das ist in München total anders, wo die Kammerspiele unter Matthias Lilienthal auch ein Hort der Subkultur geworden sind. In Berlin sammelt sich die Hochkultur um diese Theatertempel herum - und die Subkultur findet woanders statt. Mittlerweile bin und arbeite ich aber gern hier. Es ist ganz anders, in Berlin zu spielen als irgendwo anders auf der Welt.

Inwiefern? Ist das Publikum hier kritischer?

Es ist satter. In den besten Fällen fordert einen das heraus, sich so konsequent aus dem Fenster zu lehnen, bis man an den Punkt kommt, an dem man die eigene Schwerkraft fast zu verlieren droht, und wirklich interessante Arbeiten zu machen. Das ist der Kampf, den man als Regisseur mit sich selbst führt: Man versucht, so wenig wie möglich über das Außen nachzudenken. Gleichzeitig wird man hier kurz vor der Premiere mit den angenommenen Erwartungen des Außen konfrontiert: Dramaturgen und Intendanten kommen rein und beschreiben, wie das Publikum des DT, des Gorki, der Volksbühne, der Schaubühne reagieren wird. Es ist verdammt schwer, das alles auszublenden, nicht mit Oberflächenreizen zu tricksen, sondern das zu machen, was man richtig findet.

Wie sieht denn für Sie der ideale Zuschauer aus?

Neugierig. Er soll neugierig in die Inszenierung kommen und sich dann überraschen, fesseln, ärgern lassen. Ich glaube, dass es für einen Zuschauer auch in einer rein hypothetischen Kosten-Nutzen-Rechnung am sinnvollsten ist, wenn man erwartungsfrei und gut ausgeschlafen in meine Inszenierungen geht, insbesondere bei den zehn Stunden "Dionysos Stadt". Darüber hinaus sind in den meisten großen Städten ja bestimmte Erwartungshaltungen mit Regisseuren verbunden - und das interessiert mich persönlich gar nicht. Ich hätte nichts dagegen, wenn Zuschauer in meine Inszenierungen kämen, ohne zu wissen, dass sie von mir sind.

Aber das lässt sich ja kaum vermeiden...

Ich hatte mal die Idee, wie es so wäre, wenn man mal eine ganze Spielzeit lang erst am Abend erfährt, was gespielt wird - und überhaupt nicht erfährt, von wem die Inszenierung ist.

Woran könnte man denn erkennen: Das muss ein echter Rüping sein?

Wenn Wiebke Mollenhauer, Maja Beckmann und Nils Kahnwald gemeinsam auf der Bühne stehen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es eine meiner Inszenierungen ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass es bei mir eine grundsätzliche Herangehensweise gibt, die in allen Inszenierungen ähnlich ist: Man schaut dabei zu, wie sich die Schauspieler ihre Figuren aneignen - eher als dass man die fertige Figur präsentiert bekommt. Das hat dann wahrscheinlich auch ästhetische Implikationen, die sich wiederholen: zum Beispiel Mikrofone auf der Bühne. Scheinwerfer, die man sehen kann, anstatt dass sie aus dem Theaterhimmel Licht spenden. Schauspieler und Techniker, die das Bühnenbild live konstruieren und dekonstruieren. All das ist für mich aber weniger ästhetischer Selbstzweck als vielmehr Ableitung einer inhaltlichen Setzung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

Sendung: Inforadio, 13.05.2019, 07:55 Uhr

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