Film: "Roads" von Sebastian Schippe (Quelle: rbb/Roads)
Audio: Inforadio | 29.05.2019 | Alexander Soyez | Bild: rbb/Roads

Interview | Regisseur Sebastian Schipper - "Die Straße ist ein Ort, dem ich vertraue"

Vier Jahre sind seit Sebastian Schippers Überraschungserfolg "Victoria" vergangen. Am Donnerstag startet sein neuer Film "Roads" in den Kinos. Im Interview spricht er über den rauschhaften "europäischen Begegnungs-Wahnsinn" bei den Dreharbeiten.

rbb: Was ist nach "Victoria" passiert? Es war ja nochmal eine große Zäsur in Ihrer Karriere. Sie sind nach Los Angeles gegangen und haben bestimmt auch viele Angebote bekommen, weil es ja auch ein großer internationaler Erfolg war. Wie ist daraus "Roads" entstanden?

Sebastian Schipper: Erstmal ist es natürlich großartig, so eine Reise nach Los Angeles zu machen und Tausende Leute zu treffen. Aber relativ schnell merkt man, was einen treibt und motiviert und was einen ganz einfach gesagt stark macht, einfach nur in so ein System hineinzugehen, um praktisch den Regiestuhl zu übernehmen - aber sonst wenig zu sagen zu haben. Ich bewundere, dass manche Kollegen in der Lage sind, starke Filme aus dieser Position heraus zu machen. Ich glaube, ich wäre das nicht gewesen. Ich muss einen Stoff in Besitz nehmen. Ich muss das Gefühl haben, das ist meins. Das heißt nicht, dass ich ihn noch produzieren muss. Das heißt aber auf jeden Fall, dass ich ein gewisses Kampfgewicht auf die Waage bringen muss, um in dieser Auseinandersetzung auch Gewicht zu haben.

"Roads" ist für mich ein Film über eine unendliche Sehnsucht nach einer unglaublich coolen Freundschaft. Das zieht sich eigentlich so ein bisschen durch all Ihre fünf Filme.

Ja, ich glaube schon. Ehrlich gesagt, die Idee für "Roads" hatte ich schon gleich nach "Absolute Giganten". Eine Nacht mit Freunden. Danach habe ich gesagt, der andere große Lebensrausch, von dem ich ein bisschen Ahnung habe ist, sind die ersten Urlaube mit dem besten Kumpel. Man saß nicht mehr hinten auf der Rückbank bei den Eltern im Auto, sondern vorne. Der eine fährt, der andere wählt die Musik aus. Es sind dann aber andere Filme dazwischen gekommen. Deswegen ist "Roads" für mich auch in erster Linie ein Sommerfilm. Der Film ist natürlich auch ein Roadmovie. Die allererste Idee war: Zwei 18-Jährige fahren mit einem geklauten Auto durch Europa. Die stammt eigentlich aus der Zeit. Mein Co-Autor und ich haben uns dann überlegt, wie können wir das heute erzählen. Erst in dem Moment, wo wir gesagt haben, der eine der beiden 18-Jährigen kommt aus London und der andere aus dem Kongo, haben wir uns erst mal megamäßig erschrocken. Weil wir gesagt haben, dann machen wir einen Film zur Migration. Wir hatten etwas Bammel gehabt, dass wir uns da verheben oder dem nicht gerecht werden. Wir haben aber gemerkt, diese Herausforderung lässt uns nicht mehr los.

Das finde ich auch das Bemerkenswerte, dass es auf dem Papier um die Auseinandersetzung mit dem Thema Migration und Flüchtlingsströmen geht. Auf eine andere Art und Weise bleibt der Film aber extrem unaufgeregt und wunderschön und nähert sich diesem Thema eben nicht aufdringlich und schon gar nicht mit dem Zeigefinger.

Dafür gibt es auch keinen Grund, warum gerade ich da den Zeigefinger heben sollte. Ich habe mich in das Thema auch blauäugig hinein gegeben. Ich bin kein politischer Aktivist, ich bin Filmemacher. Ich will eine hoffnungsvolle, von Hoffnung überquellende Lebensfreude, vor Farbigkeit, vor Gerüchen strotzende Geschichte erzählen, die aber wahr ist. Die trotzdem in unserer Welt stattfindet und in unserer Lebenswirklichkeit. Das war der Plan - mit "Roads" zu sagen, es ist geil jung zu sein, es ist geil jemanden zu treffen, on the road zu sein, zu reisen, nichts zu wissen, was als Nächstes passiert. Und gleichzeitig das Ganze eben nicht nur in einer Filmwelt zu verorten, wo man spürt, wie die Drehbuchautoren sich weitere Herausforderungen für unsere jungen Helden ausdenken, sondern wo die Konflikte und die Herausforderungen und die Probleme sehr real sind.

War es denn in dem Fall auch so eine Art anderer Test, ein klassisches Roadmovie zu machen und on the road zu drehen - so wie bei "Victoria" der gelungene Versuch, alles in einem Take zu drehen?

Für mich sind es Straßenfilme. Ich bin auf der einen Seite bürgerlich aufgewachsen und zum Gymnasium gegangen, aber ich bin auch Straßenkind. Nicht weil ich auf der Straße aufgewachsen bin. Ich habe mich gerne dort herumgetrieben – entweder mit  dem Kumpel und dem Fahrrad durch die Nachbarschaft oder sonst wohin fahren und kurz bevor es dunkel wird, noch irgendwelchen Mist bauen. Diese Energien, diese Radikalen oder anarchischen Energien sind mir einfach total nah. Die Straße ist ein Ort, dem ich vertraue. Der kann total schön sein, verwunschen, furchtbar oder dreckig. Irgendwie ist es ein guter Ort, in dem Wahrheit steckt, die ich verstehe.

Wie waren die Dreharbeiten? Auch so ein Roadtrip?

Wir haben chronologisch gedreht. Wir haben im verrückten, chaotischen, wunderbaren und überfordernden Marokko angefangen und waren mit einem kleinen Team – halb aus Franzosen, halb aus Deutschen - unterwegs. Sie haben sich alle fantastisch verstanden – manchmal hatte ich den Eindruck, wir sind ein bisschen zu viel feiern gegangen. Als wir in Spanien eingefallen sind - und die Spanier sind ja wahnsinnig rührend - haben wir die teilweise ein bisschen überfordert, mit unserer auch sehr lebendigen Art und Weise zu drehen. Anschließend haben wir uns nach Nordspanien vorgearbeitet und waren irgendwann bei den Franzosen, die eine sehr gut organisierte, sehr gesetzte Art und Weise haben, Filme zu drehen. Bis dahin waren wir so ein wettergegerbter Haufen, der auch mal einen Drehort über den Haufen geworfen hat oder kurzfristig Entscheidungen umgeworfen hat. Es war aber zu jedem Zeitpunkt ein europäischer Begegnungs-Wahnsinn, der auch echt anstrengend war, aber wunderschön. Wie so ein toller Urlaub, wo man durch die Gegend gurkt, irgendwann Schlafmangel hat und nicht mehr weiß, ob das eigentlich überhaupt noch Spaß macht oder nicht. Und wenn man zu Hause ist und einmal gut ausgeschlafen hat, merkt man: Boah, das war absolut unschlagbar.

Besser könnte ich "Roads" nicht beschreiben. Ihr Film "Absolute Giganten" oder "Kurz und schmerzlos" von Fatih Akin haben mein deutsches Weltverständnis als Filmkritiker mitgeprägt. Akin hat mittlerweile zehn Filme gemacht und noch ein paar andere Sachen. Halten Sie sich weiter an Ihr Tempo?

Natürlich nicht. Ich gebe Gas logischerweise - als Autonarr, der ich bin. Ich hab schon den nächsten Film geschrieben und bin gerade dabei, meinen nächsten deutschen Film zu schreiben. Ich bin ready. Nein, es wird schneller weitergehen, als es vielleicht manchmal in der Vergangenheit der Fall war.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Alexander Soyez. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung des Gesprächs. Komplett können Sie es sich anhören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

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