24h Europe, das Team (Quelle: rbb/Maurice Weiss)
rbb/Maurice Weiss
Audio: Inforadio | 03.05.2019 | Interview mit Volker Heise | Bild: rbb/Maurice Weiss

Interview | Volker Heise über "24h Europe" - "Wir gehen auch dahin, wo Europa auseinanderfliegt"

Regisseur Volker Heise ist der Erfinder der 24-Stunden-Dokus: Berlin und Jerusalem hat er  schon abgedreht. Bei "24h Europe" war er als Berater tätig. Das Projekt habe ihm bewusst gemacht, wie divers, aber auch wie verletzlich der Kontinent sei, erzählt er im Interview.    

rbb: Herr Heise, wir beobachten den Alltag von 60 Menschen unter 30 Jahren fortlaufend rund um die Uhr, 24 Stunden lang. Wie funktioniert das?

Volker Heise: Man folgt den Menschen und sieht in Echtzeit, was um sechs oder zehn Uhr morgens passiert. Aber wir sehen natürlich nicht immer alle 60 Leute gleichzeitig. Wir folgen einem ausgewählten Protagonisten für einige Minuten und gehen dann zum nächsten. Ich glaube, die erste Szene spielt in Finnland mit zwei jungen Mädchen, die aus einer Sauna kommen und in einen See springen. Es ist hell in Finnland um diese Zeit, nah an Mittsommer.

Bei der Konzeption wollten wir einen Schnitt durch die junge europäische Gesellschaft. Dazu haben wir uns Megatrends angeguckt, die in ganz Europa eine Rolle spielen. In der russischen Stadt Magnitogorsk geht es etwa um den Klimawandel. Dort gibt es eine riesige Fabrik mit riesigem CO2-Ausstoß, von der die ganze Stadt lebt. In Frankreich, England oder auch im Ruhrgebiet ist diese Situation schon Vergangenheit.

Was ist denn der Trend bei den beiden finnischen Mädchen, die morgens schwimmen gehen?

Die haben die Nacht durchgemacht, aber nicht weil sie Party machen, sondern ganz einfach weil Mittsommer ist. Ich glaube, in Finnland schlafen nicht so viele Leute Mitte Juni. Finnland, Norwegen Schweden, zum Teil auch Deutschland, sind Länder, denen es sehr gut geht. Im Vergleich ist in Bulgarien, Portugal oder Spanien die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch. Wir haben in Finnland eher nach jungen Menschen gesucht, die ein digitales Leben haben – Krieg ist weit weg.

Warum sind Ihre Protagonistinnen und Protagonisten unter 30?

Wir wollten von Menschen erzählen, die in den nächsten 40, 50, 60 Jahren Europa bestimmen, heute aber noch nicht, weil die Alten sie überstimmen. Wir wollten, dass Leute unter 30 in einem Fernsehprogramm zu Wort kommen, das Leute gucken, die über 30 sind. Wenn man sich "Fridays for Future" anschaut – die Jungen sind zu Recht sauer auf uns. Wir sehen in "24h Europe" unterschiedliche Lebensentwürfe. Da ist etwa jemand, der mit seinem Geschlecht unzufrieden ist. Heute ist es für junge Menschen sehr viel einfacher ein Geschlecht zu wechseln als vielleicht noch vor 25 Jahren. Aber eben nur in Mitteleuropa - in Russland ist das ganz anders.

Gedreht wurde am 15. Juni 2018 in 26 verschiedenen Ländern mit insgesamt 50 Teams. Wie haben Sie das Projekt gestemmt?

Über 500 Leute haben vor Ort mitgemacht. Vorausplanen konnten wir nur die Verabredung, mit den Protagonisten an diesem Tag zu drehen. Sonst mussten die einzelnen Teams auf den Zufall reagieren. Vielleicht läuft der Tag wie immer: mit Frühstück und Arbeit. Vielleicht geht aber auch eine Bombe hoch. Dann heißt es für die Teams: Folge dem Protagonisten, egal was passiert. Damit das klappt, muss man Vertrauen zu den Menschen aufbauen. Vor dem Drehtag haben wir die Protagonisten getroffen, miteinander gesprochen. Manchmal haben wir auch ein paar Probetage mit der Kamera gemacht, damit sie sich dran gewöhnen. Durch die Vorgängerprojekte, aus denen wir den Menschen immer Ausschnitte zeigen, wissen die Protagonisten, was auf sie zukommt.

Sie haben zuvor mit "24h Berlin" und "24hJerusalem" ganz ähnliche Formate gemacht. Woher kam das Geld für "24h Europe"?

Von öffentlich-rechtlichen Sendern und von Stiftungen aus ganz Europa. Wir haben etwa Partner in Frankreich, Österreich und Finnland. Wir haben versucht, das Projekt auf europäische Beine zu stellen.

Während Europa im Moment bröselt – Brexit ist nur ein Stichwort – zeigt Ihr Projekt, was uns in Europa unterscheidet, aber auch verbindet. Hatten Sie ein bisschen Bammel davor, dass das nicht aufgeht?

Nein, eigentlich nicht. Wir sagen nicht: so ein schönes Europa und toll, dass wir alle zusammen sind. Wir gehen auch dahin, wo es schmerzt und wo Europa auseinanderfliegt. Wir zeigen auch die Fliehkräfte. Zum Beispiel einen italienischen Faschisten, der ganz klar sagt: Wir wollen raus aus der EU, wir wollen wieder eine große Nation werden – auch auf Kosten anderer Nationen. Oder wir gehen mit einem 22-jährigen Kommandanten in den Krieg in der Ukraine.

Was haben Sie bei dieser Arbeit über Europa gelernt?

Europa ist wirklich sehr unterschiedlich. In Bulgarien waren wir in einem Dorf, wo nur noch ein Jugendlicher lebt, weil alle anderen in die Metropolen gegangen sind. Wir bestreiten mit diesem letzten Jugendlichen des Ortes seinen Alltag unter alten Leuten – das ist ein großer Trend in Europa, nicht nur in Bulgarien, Brandenburg oder Thüringen. Und dann zeigen wir jemanden, der im Londoner Finanzzentrum arbeitet. Man merkt, wie klein dieser Kontinent eben doch ist, und dass ihn jede kleine Bewegung in Flammen setzen kann. Deshalb hat sich bei mir ein fast zärtliches Gefühl gegenüber Europa entwickelt. Man muss darauf aufpassen, vorsichtig sein, Nachsicht üben. Es gibt keine einfachen Lösungen. Und wenn man da so rausgeht aus diesem 24-Stunden-Europa-Programm, dann wäre das schon toll.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Volker Heise führte Christian Wild für das rbb-Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das vollständige Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Titelbild nachhören.

Sendung: Inforadio, 03.05.2019, 9.00 Uhr

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 6.

    Habe gerade eine gute dreiviertel Stunde reingeschaut und dann entnervt weggeschaltet. Hektische Schaltungen, die zusammenhängende Geschichten nicht aufkommen lassen und seltsame Schwerpunkte bei der Auswahl der Personen und Orte. Glaube nicht, dass das ein Quotenhit wird. Ich finde das schade, denn eine große Chance, Europas Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu porträtieren, würde meines Erachtens vertan. Für dieses Geld hätte ein tolles Portrait Europas herauskommen können, mich hat es als überzeugten Europäer leider enttäuscht.

  2. 4.

    Als Gebührenzahler kann man sehr wohl Transparenz in der Frage der Verwendung der Gebühren einfordern, schließlich ist kann man diese nicht verweigern!
    Der Verweis auf den Freundeskreis ist schon etwas haarsträubend oder sind sie etwa verpflichtet, ihre Freunde quartalsweise zu alimentieren?!

    Die eingeforderte Transparenz hat der RBB geleistet, also ist doch alles schön.
    Nicht jeder, der der EU eine gewisse Skepsis entgegenbringt wählt die AFD, aber vielleicht sind sie da etwas phobisch;-)

  3. 3.

    Reden sie auch so fordernd in ihrem Freundeskreis? Wenn es sie nicht interessiert, dann müssen sie es ja nicht sehen. Zu dem ist solch eine Doku vor der Europawahl sinnvoll, außer man lehnt Europa ab und wählt AfD. Keine Ahnung ob das bei ihnen zutrifft.

  4. 2.

    Die Gesamtkosten belaufen sich auf ca. 4 Millionen Euro. Diese Summe wurde von zahlreichen europäischen Partnern gemeinsam gestemmt.

    Es senden rbb, SWR, BR, auf ARD-alpha und Arte.

    Das Projekt ist ein Jahr lang in der Mediathek zu sehen.

  5. 1.

    Und wieviele Leute wird das wohl interessieren ? Da bin ich wirklich darauf gespannt. Und was hat diese Produktion den Gebührenzahler gekostet? Der rbb muss die Zahlen dafür offen legen.

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