Vincent Peirani und Émile Parisien bei einem Auftritt in Jena (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 28.05.2019 | Jens Lehmann | Bild: Imago

Kritik | Jazz at Berlin Philharmonic - Der Tango hat besseres verdient

Seit mehr als sechs Jahren treffen bei "Jazz at Berlin Philharmonic" Jazzgrößen in den heiligen Hallen der Klassik aufeinander, Kammermusiksaal oder Philharmonie. Die Tangonacht am Montag bot Jens Lehmann allerdings überwiegend profanes Mischmasch.

Tango an sich wäre ja nicht schlimm, den seine Nähe zum Jazz ist unbestreitbar: die Ursprünge in der Migration, der emotionale Gehalt, die Improvisation - alles da. Nur, warum wird für diese Tangonacht bei den "Jazz at Berlin Philharmonic" ausführlich mit den beiden französischen Stars Emile Parisien und Vincent Peirani geworben und dann spielen die beiden nur eine gute halbe Stunde? Ärgerlich sowas. Aber der Reihe nach.

Akustik-Brei statt Musik

Den Anfang macht bei dem Konzert am Montagabend das Javier Girotto-Trio. Der Namensgeber ist ein langmähniger argentinischer Hüne am Bariton-Saxophon, dazu zwei italienische Musiker: ein Pianist, der den Steinway mit allerlei Elektronik "hochgejazzt" hat, und ein Mann am Bandoneon, der sein Instrument im Stehen spielt, wohl um sich noch theatralischer hin und her zu wiegen, bis man Angst hat, sein Fuß rutsche gleich vom Klavierhocker.

Die drei konzentrieren sich auf die Musik von Astor Piazolla, dem Gründervater des Tango Nuevo, spielen aber auch Stücke von dessen Freund und musikalischem Partner, dem Jazz-Saxophonisten Gerry Mulligan. Beide haben sich gegenseitig beeinflusst, doch man hört den Stücken ihren Ursprung in Tango oder Cool Jazz durchaus noch an. Wenn man denn das seltene Glück hat, die Details dieser Musik herauszuhören.

Wir sind in der Philharmonie, einem der Säle mit der weltweit besten Akustik. Warum zum Geier vertraut man dann nicht darauf? Zum wiederholten Mal muss ich fassungslos mitanhören, wie die Veranstalter die Musik durch eine Lautsprecheranlage in den überakustischen Saal jagen - und sich wundern, warum nur noch Brei rauskommt. Das oft elektronisch verfremdete Klavier und das Baritonsaxophon kleben förmlich zusammen, einzig der spitze Klang des Bandoneons kommt durch.

Ein Saxophonist wie ein Blaufußtölpel

Dass es auch anders geht, zeigt der Auftritt der eigentlichen Stars des Abends. So kurz er auch ist, er lohnt sich. Der Sopran-Saxophonist Emile Parisien und der Akkordeonist Vincent Peirani sind seit Jahren ein eingespieltes Team und mischen die europäische Jazzszene auf. Jetzt haben sie sich auch dem Tango verschrieben. Wie spielfreudig sich beide in diese Musik werfen, wie begeistert sie einander zuhören, sich die Bälle zuspielen - das alles kann man jetzt auch sehr gut hören. Geht doch.

Wunderbar weich ist der Ton von Parisien, während Peiranis Finger nur so über die Knöpfe seines Akkordeons fliegen. Die beiden verstehen sich blind. Apropos: Blind kann man auch werden, wenn man den beiden zu lange zuschaut. Peirani sieht aus wie David Beckham in groß - fehlt echt nur noch die Spielerfrau. Jeder Akkordwechsel wird bei ihm von Grimassen begleitet.

Parisien hebt dagegen beim Spielen die Beine wie ein Blaufußtölpel - eine Vogelart, deren Männchen immer ihre herrlich blauen Füße herzeigen, um die Weibchen zu beeindrucken. Genau so sieht Parisien aus, wenn er mal wieder eine besonders schöne Kantilene spielt. Dazu pumpt er mit den Armen, als habe er Blasebalge in den Achselhöhlen. Aber was dieses possierliche Tierchen für Töne hervorbringt, ist wunderschön.

"Rumpel-zoing" mit El Afronte Orquesta Tipica

Wenn es doch nach der Pause nur so schön weitergegangen wäre. Doch während die französischen Stars unten noch Autogramme schreiben, entert im Saal schon das El Afronte Orquesta Tipica die Bühne - ein Ensemble aus Klavier, Bass, vier weiteren Streichern und drei Bandoneon-Spielern, dazu ein Sänger im Mafialook. Alle stammen sie aus der Tango-Szene in Argentinien, sind offenbar eine der einflussreichsten Gruppen aus Buenos Aires. Doch an diesem Abend in der Philharmonie fragt man sich ernsthaft, warum.

Der Tontechniker ist heillos überfordert, die Streicher sind nicht zu hören, zehn Monitorboxen auf der Bühne machen dem Sound endgültig den Garaus - und wenn man was durchhört, dann sind Intonation und Tempo immer noch Glückssache.

Ich möchte den zweiten Teil des Abends feierlich mit den Worten "rumpel-zoing" zusammenfassen. Das haben weder die Musiker noch das Publikum verdient, ist aber so.

Sendung: Inforadio, 28.05.2019, 6:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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