Archivbild: John McLaughlin bei einem Konzert in Durham, North Carolina im Dezember 2017 (Quelle: imago/Zuma Press/Andy Martin Jr.)
Audio: Inforadio | 01.05.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago/Zuma Press/Andy Martin Jr.

Konzertkritik | Jazz-Gitarrist John McLaughlin - Der Fusion-Gott im Musen-Tempel

Es ist wuchtig. Manchmal kitschig. Aber John McLaughlin hat immer noch die Strahlkraft seiner Guru-Jahre. Seine Band peitscht den legendären Jazz-Gitarristen immer wieder nach vorn - und kämpft mit Berlins neuem Wunder-Konzertsaal, der an McLaughlin scheitert.

Miles Davis soll zu ihm gesagt haben: "Spiel so Gitarre, als wüsstest Du nicht, wie man Gitarre spielt." John McLaughlin vermied also die üblichen Phrasen, mixte lieber amerikanischen Jazz und Electric Blues mit dem Flamenco und pflügte wie kein anderer durch die Akkorde. So ist er ein Gott des Fusion geworden, hat diese explosive Mischung aus Rock und Jazz geprägt wie kaum ein anderer - und das auch noch als Europäer in der nicht gerade zimperlichen New Yorker Szene.

Flash Gordon an der Gitarre

Jetzt sieht er aus wie ein gealterter Flash Gordon, die silbrige Fönwelle sitzt bombenfest, im lässigen Hemd kommt er mit seiner Band The 4th Dimension in den Boulez-Saal geschlurft, stellt erst einmal etwas umständlich seine Musiker vor, sagt, wie schön es in Berlin sei, kündigt ausführlich den ersten Song an, da sind schon mal fünf Minuten rum. Aber gut: McLaughlin ist ja schon 77 Jahre, da dauert das schon mal ein bisschen länger.

Doch kaum greift er für "Trilogy", einen Klassiker seines Mahavischnu-Orchestra aus den 70ern in die Saiten, wird aus dem alten, etwas hüftsteifen Herrn wieder der musikalische Draufgänger. McLaughlins Soli sind vielleicht nicht mehr ganz so geschmeidig und auch nicht so lang wie früher, aber noch immer wieseln die Finger über's Brett und jagen von Harmonie zu Harmonie, dass einem ganz schwindlig wird.

Wuchtig ist das. Ja gut, kitschig manchmal auch. Aber selbst in Stücken wie "Abbaji" oder Pharaoh Sanders' "The Creator Has a Master Plan" mit ihren träumerischen Synthies und vierstimmigen Gesängen von "peace and harmony" oder "love and understandig" hat diese Musik nichts von ihrer Strahlkraft verloren.

Und die 4th Dimension - auch dieser Bandname ist wohl aus McLaughlins Guru-Zeiten übrig geblieben - peitscht den Gitarristen immer wieder nach vorn. Da knallt Bassist Etienne Mbappé aus Kamerun in "Hijacked" mal so eben eines der großartigsten Bass-Soli der letzten Jahre auf die Saiten, Gary Husbands Keyboards fiepen und zwitschern, dass es eine wahre Freude ist, später liefert sich der Brite noch ein denkwürdiges Drumbattle mit dem indischen Schlagzeuger Ranjit Barot, der dabei auch noch die uralte indische Silbensprache Konnakol hervorholt. Alles unglaublich tight, unglaublich gut.

Im Boulez-Saal knallts

Nicht ganz so gut war die Idee, damit in den Pierre Boulez Saal zu gehen. Ja, McLaughlin war schon beim Eröffnungs-Festival dabei und ist offenbar von den Räumlichkeiten begeistert. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Saal, der doch für leise Kammermusik so perfekt ist, dem schieren Druck einer solchen Band nicht gewachsen ist. Das Keyboard knallt, Barots Snare klingt wie eine Schusswaffe - überhaupt kämpfen Sound- und Lichtmann gefühlt den ganzen Abend mit der Technik - von Rückkopplung bis Putzlicht.

Zum Schluss gibt's dann noch Blumen, wie man das halt so macht in einem klassischen Konzertsaal. Das verwirrt die alten Jazz-Rocker dann doch sichtlich - und Sekunden später freuen sich die Damen in der ersten Reihe über Nachschub für die Vase...

Sendung: Inforadio, 01.05.2019, 07.24 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ein fast schon intimes Konzert des "Meisters" John McLaughlin und seinen exellenten Musikern.
    Und dies in einem vortrefflichen kleinen und feinen Konzertsaal.
    Die Anreise hat sich also mehr als gelohnt, um John McLaughlin ganz nahe sein zu dürfen.
    Hoffentlich bald einmal wieder!

  2. 2.

    Mclaughlin und the 4th Dim ...waren hervorragend wie immer. Leider es ist wahr: den Pierre Boulez Saal ist für solchen Starkstrom virtuosos nicht geeignet.

  3. 1.

    Diesen Musiker gib’s noch?

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