Little Steven and the Disciples of Soul bei einem Auftritt in London am 24. Mai 2019 (Quelle: dpa/Matrixpictures)
Audio: Inforadio | 29.05.2019 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Trevor Adams/Matrixpictures

Konzertkritik | Little Steven im Huxleys - Kleiner Steven ziemlich laut

Steven Zandt alias Little Steven ist vor allem als Gitarrist von Bruce Springsteens E Street Band bekannt. Nun ist er mit neuem Album auf Solotour. Der Auftritt im Berliner Huxleys am Dienstag war leidenschaftlich - aber auch oldschool und zu laut. Von Hendrik Schröder

Schon vor dem Konzert ahnt man, dass Little Steven Großes vorhat. Die Bühne im Huxleys ist derart vollgestellt mit Instrumenten, Percussion, Verstärkern, Mikrofon, Notenständern und Keyboards, dass für die Musiker nicht mehr viel Platz bleibt. Ein Haustechniker verrät später, dass die Band derart viel Equipment dabei hat, dass sie im Huxleys nicht mehr wussten, wie sie die Kisten und Kästen und Boxen und das ganze Zeug aufbewahren sollten. Im Bühnenhintergrund hängt ein riesiges Banner: "Little Steven and the Disciples of Soul" steht drauf. Dann geht es los und zwar sehr opulent.

Bunt wie im Karneval

Ganze 15 Leute kommen auf die Bühne. Die Backgroundsängerinnen mit riesigen Afrofrisuren, in Schlaghosen und Paillettentops tänzeln regelrecht ein, bunte Regenschirme schwingend, die fünfköpfige Bläsercrew in blauen Westen Polonaise-artig hinterher. Die Haare des Organisten sind schlohweiß, der Percussionist hört gar nicht wieder auf zu grinsen, der Basser sieht mit Schnauzbart und langen Haaren aus wie aus einem Truckerfilm herausgefallen, es ist ein regelrechter Karneval für die Sinne.

Und dann kommt: der kleine Boss. Little Steven trägt sein obligatorisches Kopftuch, mit dem er seit Jahrzehnten die Narben eines Unfalls verdeckt. Im schwarzen langen Mantel, silberne baumelnde Ringe am Ohr und Ketten auf der nackten Brust, verbeugt er sich vor seiner Band. Gespielt böse schaut er funkelnd um sich, bevor er anfängt zu singen. Ein lustiger Vogel mit bunter E-Gitarre, der seine Ansagen etwas steif vom Teleprompter abliest, aber regelrecht in seiner Musik schwimmt.

Macht man sowas heute noch?

Und was ist das für eine Wand von Sound, den Little Steven und seine Band von der Bühne blasen: rockig, funkig, soulig - alles greift ineinander. Eine umwerfende Stimme hat Little Steven nicht, aber sein Charisma und diese absolute Lust und Lockerheit machen das wett. Viele neue Songs spielt er, von seinem aktuellen Album "Summer of Sorcery", das erste mit neuen, eigenen Stücken seit 20 Jahren. Er war einfach so eingespannt mit Springsteen und den Sopranos, dass keine Zeit für frische Kompositionen blieb.

Die neuen Tracks klingen an diesem Dienstagabend aber auch nicht sehr viel anders als die alten. Vor allem ziemlich laut, dicht und klassisch rockig. Wer ein Solo spielt - und es werden eine ganze Menge an diesem Abend - kommt nach vorne, reckt sein Instrument gen Publikum und verzieht verzückt das Gesicht. Mehr oldschool geht kaum, altbacken könnte man auch sagen, aber nicht schlimm, schließlich passiert wenigstens die ganze Zeit was. Okay, an der Stelle, wo die Gitarristen und der Bassist gleichzeitig berauscht Soli auf ihren Gitarrenhälsen wichsen und die Sängerinnen dazu lasziv willig ihre Schenkel auf und zu klappen ... macht man sowas noch heutzutage? Aber Little Steven ist ja schließlich auch schon 68 und eben von der alten Schule.

Zu viel, zu laut

Allerdings ist es vom Sound her auf die Dauer etwas zu viel des Guten. Das alles ist zu heftig, zu laut, scheint eher für die Waldbühne gedacht, als für das 1.600 Leute fassende Huxleys. Gekommen sind übrigens nur 600 treue Fans, die meisten jenseits der 50. Die mögen schon auch genießen, was da passiert - aber eher still. Das sieht dann ein bisschen verwirrend aus, wenn auf der Bühne eine 15-köpfige Band performt, als gäbe es kein Morgen mehr und das Publikum dabei eher aussieht, als denke es schon an den nächsten Arbeitstag.

Manche gehen auch früher, weil es einfach zu laut ist. Schade eigentlich. Noch in diesem Jahr soll ein neues Springsteen-Album aufgenommen werden, danach geht es für Little Steven mit Sicherheit wieder auf Tour mit dem Boss. Dann kann er wieder in die zweite Reihe, wo er sich wohler fühlt, wie er in Interviews sagt. Dabei ist er eigentlich auch als Frontmann ein guter Typ. Nur seine Tontechniker an den Volumereglern sollten nochmal überlegen, ob mehr wirklich immer mehr ist.

Sendung: Inforadio, 29.05.2019, 7:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich war zwar nicht beim Konzert, doch eines ist mir zum Spielort Huxleys ( damals noch Neue Welt) in sehr guter Erinnerung geblieben. Und zwar der erste Auftritt von ZZ Top in Berlin. Die Halle hat gebebt vom Sound und die Stimmung im Saal war einfach famos. Vielleicht hätte man tatsächlich einen anderen Ort für eine 15 Köpfige Band wie diese aussuchen sollen. Schade.

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