Archivbild: Konzert des frankokanadischen Pianisten und Komponisten Marc-Andre Hamelin im Toscana Kongresszentrum in Gmunden, im Rahmen der Salzkammergut Festwochen Gmunden 2016. (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 20.05.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago

Konzertkritik | Berliner Klavierfestival 2019 - Wenn Tastenlöwen leise brüllen

Ursprünglich wollte das Berliner Klavierfestival vor allem jungen internationalen Pianisten eine Plattform bieten. Heute muss das Festival zwar immer noch mit schmalem Budget auskommen, aber die Weltstars kommen trotzdem - wie eins der Idole von Jens Lehmann.

Marc-André Hamelin macht nicht viel Aufhebens um seine Person. Wie er so leicht gebeugt auf der Bühne im Kleinen Saal des Konzerthauses steht, nur noch ein spärlicher Haarkranz um seine Glatze, die runde Brille auf der Nase, sieht er ein bisschen aus wie ein kräftig geratener Lehrer Lämpel. Von ihm gibt es keine Hochglanzfotos in extravaganten Posen, kein großes Label ballert für ihn das Marketing bis zum Anschlag, er hat ja noch nicht mal einen Instagram-Account... Das soll einer der größten Pianisten unserer Zeit sein?

Marc-André Hamelin ist der Mann fürs Unspielbare

Ja, ist er. Der Frankokanadier spielt in den großen Konzertsälen der Welt, wird regelmäßig von den besten Orchestern eingeladen, hat sich ein derart riesiges Repertoire erarbeitet, dass er jeden Abend auf Tournee ein anderes Konzertprogramm auswendig spielt (!) - er hat aber ein Problem: Er ist eigentlich nur als der "Mann fürs Unspielbare" bekannt. Als technisch brillanter Pianist, dem selbst Liszt-Bearbeitungen noch zu leicht erscheinen und sich eben selbst noch schwerere komponiert. In den letzten Jahren hat er sich immer wieder gegen dieses Image gewehrt - und bestätigt es an diesem Abend doch zunächst selbst...

Ferrucio Busoni hat aus der Chaconne für Solo-Violine von Johann Sebastian Bach einen spätromantischen Tastenzertrümmerer gemacht - und Hamelin beginnt sein Konzert genau mit diesem Stück. Der Saal ist fast zu klein für den unglaublichen Sound, den er dem Flügel entlockt. Gottseidank ist es ein Bösendorfer! Kristallklar der Bass, weich, wie in Watte gepackt die hohen und höchsten Töne. Würde Hamelin auf einem Steinway spielen, würde wohl der falsche Stuck von Decke und Wänden fliegen.

Mehr als technische Perfektion

Auch die folgenden Stücke von Prokofieff und Chopin bedienen eher das Klischee vom Tastenlöwen. Nach der Pause jedoch zeigt Hamelin seine andere Seite. Debussys Préludes sind ein Sinnbild für Virtuosität, wie er selbst sagt. Aber nicht im Sinne von leerer technischer Perfektion. Jedes einzelne dieser Charakterstücke muss neu gestaltet, anders gefärbt werden. Und Hamelin lässt jedes Klischee über ihn vergessen.

Selbst in den neckischsten Miniaturen verzichtet der Pianist auf merkwürdige Verrenkungen, pathetische Gesten, hospitalistisches Hin- und Herwiegen oder dramatische Grimassen, wie man das sonst von Starpianisten so kennt. Bei Hamelin lenkt nichts, aber auch gar nichts von der Musik ab. Und das Publikum lauscht gespannt und hochkonzentriert. Das Berliner Klavierfestival hat einen exzellenten Ruf - und so sitzen da lauter Kenner, lauter Genießer, man könnte Stecknadeln fallen hören, und das in einem von Berlins schlimmsten Raschel-Knarz-Quietsch-Sälen.

Dankbar werden gleich drei Zugaben erklatscht - und mit dem Abschied aus Schumanns Waldszenen entlässt einen dieser große und doch so unscheinbare Pianist in die Nacht. Und das kleine, feine Berliner Klavierfestival hat einmal mehr für eine Sternstunde gesorgt.

Beitrag von Jens Lehmann

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1 Kommentar

  1. 1.

    Treffender als Herr Jens Lehmann hätte man es kaum formulieren können. Hamelin wirkt wie der Professor von der Musikhochschule - unpathetisch und authentisch. Ein toller Artikel über ein grandioses Konzert.

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