Archivbild: Der Multiinstrumentalist und Funkmusiker Louis Cole. (Quelle: dpa/Oppi)
Audio: Inforadio, 27.05.2019, Sten Lorenzen | Bild: dpa/Oppi

Konzertkritik | Louis Cole im Festsaal Kreuzberg - Mad King Cole allein in Berlin

Louis Cole aus Los Angeles spielt eine Mischung aus Jazz, Funk und Elektropop. Doch trotz tausender Follower auf Youtube: Auf seinem Konzert am Sonntag im Berliner Festsaal Kreuzberg war er zu sehr auf sich allein gestellt, findet Steen Lorenzen.

Als der schlaksige Kalifornier mit einem Papier vor seiner Nase ein Gedicht vorträgt, steuert er auf einen Höhepunkt seines Konzertes zu: Sein Synthesizer hat sich mit einem dramatischen Streicher-Thema selbständig gemacht, Cole lässt den Zettel fallen und legt an seinem Schlagzeug ein minutenlanges Solo hin. Das Streicher-Drama ist vergessen, Cole wirbelt, Cole zerhackt den Takt, ohne den Groove zu verlieren.  

Kein Nerd, kein Wichtigtuer

Es ist einer von vielen Momenten, in denen der gelernte Schlagzeuger am Sonntag im Berliner Festsaal Kreuzberg seine große Musikalität zeigt - und seinen Humor. Bei Cole fehlen dem Jazz und dem Funk alles Wichtigtuerische. Auch als verklemmter Laptop-Nerd taugt er nicht. Unter Kopfhörern und hinter Skibrillen lässt er sein Publikum an allen Kniffen und Tricks teilhaben. Er bleibt lässig, sogar wenn er auf der Suche nach der richtigen Datei fast scheitert.

Cole ist allein angereist, um sein Album "Time" auf die Bühne zu bringen. Ein Album, das er mit Spielwitz, aber auch überraschender Tiefe und Traurigkeit zwischen hartem Synthesizer-Funk und soften, mit hoher Stimme gesungenen Elektro-Balladen bewegt. Damit hat er bei den Jazz-Hipstern in Los Angeles angedockt, vor allem beim Label Brainfeeder des Avantgarde-Produzenten und Musikers Flying Lotus. Weil er neuen Schwung in die Funkmusik gebracht hat, haben die Red Hot Chili Peppers ihn im Vorprogramm spielen lassen und Qunicy Jones, weltberühmt geworden als Produzent von Michael Jackson, zählt zu seinen Fans.

Multitalent und Youtube-Phänomen

Dass seine Fangemeinde gewachsen und der Festsaal Kreuzberg sehr gut gefüllt ist, hat wenig mit seinem neuen Album, dafür sehr viel mit dem Erfolg seiner Videos zu tun. Darin laufen Coles Wohnzimmerproduktionen auf großartige Weise aus dem Ruder. Etwa wenn neben ihm spielwütige Orchester auftauchen - zuweilen kostümiert wie in einer Freakshow.

In Berlin wird die Live-Ästhetik seiner Produktionen durch eine Kamerafrau unterstrichen, die Cole ununterbrochen filmt. Der Videostream ist zeitgleich auf der Leinwand hinter dem Allroundmusiker zu sehen. Da Louis Cole ein Video-Phänomen ist, tauchen erste Mitschnitte bereits wenige Augenblicke nach dem Konzert im Netz auf.

Ein Orchester für Mad King Cole!

Youtube allein macht allerdings nicht reich, wenn man wie Cole den Mainstream meidet und sich ganz und gar der Passion für das freie Spiel der Ideen hingibt. Konsequenterweise weigert er sich denn auch, einen Blick auf seine Kontoauszüge zu werfen - jedenfalls in seinem größten Hit mit dem Titel "Bankaccount".

Wer aber auf dem Konto nichts hat, kann auch nur mit sparsamer Besetzung anreisen. Und mit der kann Cole in Berlin nur ein Teil seines Potenzials abrufen. Denn so virtuos er sein Laptop-, Keyboard und Schlagzeugspiel kombiniert, so sehr wünscht man sich doch Mit- und Gegenspieler.

Und als sie für zwei-drei Songs auf der Bühne auftauchen wird dieser Wunsch nur noch größer: Das nächste Mal möge bitte ein gut ausgestattetes Jazzfestival in Berlin diesen Mad King Cole zusammen mit einem draufgängerischen Orchester buchen.

Sendung: Inforadio, 27.05.2019, 06.55 Uhr

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