"M - eine Stadt sucht einen Mörder" ind der Komischen Oper Berlin (Quelle: dpa)
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Inforadio | 06.05.2019 | Barbara Wiegand | Bild: dpa Download (mp3, 4 MB)

Opernkritik | "M - eine Stadt sucht einen Mörder" - Anders als bei Fritz Lang - und doch auch beklemmend

Fritz Langs Krimi um einen Kindermörder ist ein Klassiker der Filmgeschichte. Komponist Moritz Eggert hat ihn jetzt zum Ausgangspunkt für eine Oper gemacht. Am Sonntag war Uraufführung in der Komischen Oper. Von Barbara Wiegand

Wer Fritz Langs Film gesehen hat, den hat es so schnell nicht losgelassen – wie Peter Lorre in einer verstörend menschlichen Darstellung eines Triebtäters am Ende ausruft: "Ich kann doch nichts dafür." Er, der zigfache Kindermörder, den die ganze Stadt sucht, die durch die massive Polizeifahndung ihre Geschäfte gefährdet sieht. Alle machen sie Jagd auf die Bestie, den kranken Menschen. Unvergessen sind die psychischen Abgründe, in die der Täter, aber auch die hysterisch nach Lynchjustiz geifernde Menge blicken lassen. Und das Gesicht der Mutter, die auf ihr Kind wartet – voll dunkler Vorahnung.

Der Sound der Stadt

Es ist ein Wagnis, aus dieser beklemmenden Vorlage eine Oper zu machen - zumal der Filmklassiker nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Eggert wagt es und bleibt dabei nah an der Vorlage. Dennoch geht er surreal auf Distanz: Seine Oper ist eine Mischung aus Geräusch, Radio-Show, elektronisch verstärkter und teils verfremdeter Musik. Es gibt Anklänge an Klassik, Jazz, Swing und Filmsoundtracks, es ertönen schwelgende Violinbögen, vorwärtstreibende Bläser und Schlagwerk-Synkopen. Das Libretto von Ulrich Lenz und Regisseur Barrie Kosky basiert auf dem Drehbuch Fritz Langs, auf Gedichten von Walter Mehring und auf Kinderliedern - das ist der Sound der Stadt, die M, den Mörder, sucht.

Das Libretto von Ulrich Lenz und Regisseur Barrie Kosky basiert auf dem Drehbuch Fritz Langs, auf Gedichten von Walter Mehring und auf Kinderliedern - das ist der Sound der Stadt, die M, den Mörder, sucht.

Der Kinderchor treibt M vor sich her

Es ist eine Stadt, in der die Perspektiven surreal verschoben sind. Hier sind alle klein, die Kinder, die Erwachsenen, die Türen, durch die sie gehen, die sich schließen, eine Welt von Kindern, die M, gefangen hält, der aus ihnen herausragt. Sie erheben ihre Stimmen im Chor von unter der Bühne her.

Der Kinderchor der Komischen Oper treibt mit klaren Stimmen M – den Mörder - vor sich her. Scott Hendricks spielt und singt diesen Mörder – als einziger Solist in diesem Stück. In Jeans und Shirt kommt er zunächst etwas zu lässig daher. Sein elektronisch verstärkter Bariton klingt ungewohnt künstlich und dann doch irritierend echt, wie er etwa den Reim vom  Bi Ba Butzemann singt, ja ausstößt. Es klingt erschreckend, erschrocken.

Die Oper bleibt lange unentschieden

Doch es dauert, bis sich das Ganze dermaßen verdichtet. Obwohl er sich einiges traut – bis hin zu Anklängen an die Filmmusik vom Weißen Hai – klingt Eggerts Musik anfangs zu breit, zu stereotyp. Die Texte wirken bisweilen aufgesetzt und aufgesagt.

M - eine Stadt sucht einen Mörder bleibt als Oper lange unentschieden zwischen etwas bemüht wirkender surreal verspielter Verfremdung und musiktheatralisch ernsthafter Adaption.

Aber genau dazwischen entfaltet die Inszenierung fast unmerklich ihre  Wirkung. "Ich kann doch nichts dafür", so hört man ihn M., den Mörder, auch hier am Ende sagen, als die Stadt ihn gefunden hat. Es ist anders als bei Fritz Lang - und doch auch beklemmend.

Sendung: Inforadio, 06.05.2019, 07:55 Uhr

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