Almila Bagriacik spielt im Film "Nur eine Frau" die 23-jährige Hatun Sürücü, welche Opfer eines Ehrenmordes wird (Bild: Abendschau)
Video: Abendschau, bearbeitet von rbb24 | 05.05.2019 | Bild: Abendschau

Interview | Sürücü-Film "Nur eine Frau" - "Dieses Bündel unter diesem Leichentuch, das bin ich"

Der Film "Nur eine Frau", der am Donnerstag ins Kino kommt, basiert auf der Geschichte der Berlinerin Hatun Sürücü. Sie wurde Opfer eines sogenannten "Ehrenmordes". Im Interview sprechen Hauptdarstellerin und Regisseurin über die besondere Perspektive des Films.

Am 7. Februar 2005 wurde in Berlin die 23-jährige Hatun Aynur Sürücü wegen ihres unabhängigen Lebensstils von ihrem Bruder erschossen. Der Mord an der jungen Mutter sorgte bundesweit für Entsetzen. Die junge Frau mit kurdischen Wurzeln stand kurz vor dem Abschluss ihrer Gesellinnenprüfung zur Elektroinstallateurin, als sie getötet wurde. Hatun Sürücüs Bruder wurde wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er wurde im Juli 2014 direkt nach Verbüßung seiner Strafe in die Türkei abgeschoben.

In der Berichterstattung über den Fall Sürücü wurde vor allem der Erstname des Opfers verwendet - Hatun. Die Filmfigur trägt dagegen Sürücüs Zweitnamen Aynur. Hauptdarstellerin ist Almila Bagriacik, Regisseurin des Films Sherry Hormann.

rbb: Almila Bagricik, der Mord auf offener Straße an Aynur Sürücü liegt 14 Jahre zurück. Du bist eine junge Schauspielerin. Hat Dich das beschäftigt, als es geschah?

Almila Bagriacik: Ich habe von dem Fall durch meine Eltern erfahren. Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt, in der Pubertät, und wollte nichts damit zu tun haben. Ich musste dann lernen, dass das kein guter Umgang mit einer solchen Thematik ist. Auch wenn es schrecklich ist: Wir müssen uns damit auseinandersetzen.

Der Film erzählt aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Aynur spricht als Tote direkt zu uns. Warum?

Sherry Hormann: Wir wussten, dass wir einen Film machen werden, der auf Gerichtsakten und Zeugenaussagen basiert. Das kann eine sehr trockene Angelegenheit werden. Ich wollte einen sehr sinnlichen Film machen, und die Sinnlichkeit ist quasi erschossen worden. Also fangen wir damit an, dass Aynur sagt: 'Dieses Bündel unter diesem Leichentuch, das bin ich.'

Was war eigentlich Aynur Sürücüs Vergehen innerhalb ihrer sehr traditionellen Familie inmitten der Weltstadt Berlin?

Bagriacik: Sie wollte ein anderes Leben für sich und ihren Sohn: frei sein und selbst bestimmen, wie sie leben möchte. Jeder Mensch hat das Recht dazu. Dadurch hatte sich ihre Familie natürlich angegriffen gefühlt in ihren eigenen Wahrheiten und Ideologien. Ich glaube, der gesellschaftliche Druck war viel zu groß für diese Familie. Die unterschiedlichen Werte haben nicht miteinander funktioniert.

Der Film zeigt auch die Entwicklung der Geschichte: Zwangsverheiratung, Türkei, Rückkehr nach Berlin, das Kind kommt zur Welt. Es war Euch offenbar sehr wichtig, nachzuvollziehen: Wie hat sie eigentlich gelebt, und wie schwierig, wie ausweglos war ihre Situation?

Hormann: Ich glaube, man kann nur ins Detail gehen, um im Ansatz zu erfassen, was da in den Köpfen vorgegangen ist. Wie ist es, wenn Schwestern und Brüder getrennt leben? Wenn vier Töchter in einem Bett schlafen und die Jungs auf der anderen Seite der Wohnung? Was passiert da in der Dynamik?

Almila, hast du eigene Bilder und Lebenserfahrungen eingebracht?

Bagriacik: Ich habe öfter beobachtet, dass bei Frauen und auch Männern, die durch solche Regeln unterdrückt oder eingekapselt werden, der Ausbruch später etwas stärker ist.

Hormann: Man fragt sich, warum sie immer wieder zurück zur Familie gegangen ist, obgleich sie wusste, dass sie sich dadurch selbst in Gefahr bringt. Das war die Basis um sie zu verstehen.

Sie hofft immer wieder auf Versöhnung, denn es ist ihre Familie - das macht die Tragödie noch schmerzlicher. Ihrem Bruder, der sie umbringt, hat sie die Windeln gewechselt. Sherry, deine Filme beschäftigen sich häufig mit jungen Frauen in Extremsituationen. Warum?

Hormann: Dese Frauen sind mutig und gehen gegen jegliche Form der Regeln, Gesetze. Das fasziniert mich total. Auch Aynur ist kein Opfer, sondern sie geht in die Tat. Sie hat fast etwas von einer Kriegerin. Solche Frauen faszinieren mich kolossal. Sie wollen Dinge verändern und sich nicht vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben.

Almila, du hast die Figur mit einer großen Hoffnung und Liebe gespielt. Aber hatte sie jemals eine Chance?

Bagriacik: Tatsächlich habe ich irgendwann total vergessen, wie die ganze Geschichte endet. In manchen Szenen war ich einfach von ihrer Energie so umklammert, dass ich sehr viel Hoffnung hatte. Ich habe das auch mit sehr viel Lebensenergie gespielt, die sie offenbar hatte. Das hat mich total angesteckt.

Der Film zeigt auch die Solidarität von außen. Ihre Freundin oder eine Unternehmerin - das sind ganz wichtige Gegenbilder muslimischer Frauen.

Hormann: Du musst aufpassen, dass du die Balance hältst. Wir dürfen auch nicht vergessen: Einige Menschen hatten den Mut, in den Zeugenstand zu gehen und die Leute leben heute immer noch in der Anonymität, im Zeugenschutzprogramm.

Bagriacik: Ich finde es wichtig, dass zwischen Tradition und Religion differenziert wird. Es gibt natürlich auch Menschen in der muslimischen Community, die sich allein schon durch den Trailer angegriffen fühlen. Aber da kann ich nur sagen: Mit wem identifiziert Ihr Euch? Mit der Familie Sürücü oder mit Aynur? Denn sie war auch eine von uns.

Wie war die Arbeit mit diesen sehr jungen Schauspielern, die etwa die Brüder von Aynur verkörpern?

Hormann: Alle, die im Film mitmachen – vor oder hinter der Kamera – waren von einer großen Leidenschaft getrieben, diese Geschichte zu erzählen.

Bagriacik: Unter all den Projekten hat mir dieses tatsächlich am meisten Kraft gegeben, mich quasi wachgerüttelt. Ich dachte: Hallo, geh doch mal dein Leben besser an. Du könntest so viel erreichen. Mir fällt auf, dass wir sehr oft auf hohem Niveau meckern. Man könnte noch viel mehr schaffen im Leben.

Hormann: Gerade in dieser populistischen Zeit war es wichtig, diesen Film zu machen.

Das Gespräch führte Knut Elstermann, Radioeins. Das Interview ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das gesamte Gespräch können Sie mit Klick auf den Audiobutton im Titelbild nachhören.

Sendung: Radioeins, 04.05.2019, 12 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Seltsam:
    Begehen Migranten oder deren Nachkommen sog. "Ehrenmorde" (die letztlich nur beweisen, dass Täter und eventuelle Anstifter von Ehre tatsächlich keine Ahnung haben), ist man fassungslos, bestürzt, entsetzt und kann das alles nicht verstehen.
    Begehen Rechte Morde, ist man auf die Täter wütend und fordert harte Strafen.

  2. 1.

    Radioeins weiß scheinbar grundsätzlich nicht, was ein Interview ist. Man emotionalisiert nicht und man wertet auch nicht. Nicht nur bei diesem, sondern auch beim Interview zum Thema Zwangsheirat fällt das doch deutlich auf. Es sind rechtspopulistische Methoden, Themen emotional aufzuladen, um einseitige Vorurteile und Stereotype zu verbreiten. Will man daran anknüpfen?

    Wer sich mit dem Film UND seinem Inhalt beschäftgit, müsste mal früher oder später auf die Frage kommen, wie viele - Millionen - Frauen in ähnlich postmigrantischer Biografie in Deutschland leben und welche Narrativität man mit der ständigen Reduktion auf "Ehrenmorde" erzeugt. Sinngem. Hagen Rether: " 'Ehrenmorde'? Ja sicher, haben wir 'Ehrenmorde', hatten wir schon immer. Heißt nur anders: Familiendrama." Die Reduktion einer vielfältigen Gesellschaft auf solche Verbrechen, von dem jedes einzelne eines zu viel ist, ist kein Ausdruck einer (selbst)reflektierten, distanzierten Arbeit und Haltung.

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