„Girl From The Fog Machine Factory“ Gessnerallee Zürich Regie, Bühne und Lichtdesign: Thom Luz (Quelle: Theatertreffen 2019/Sandra Then)
Sebastian Hoppe
Audio: Inforadio | 07.05.2019 | Nadine Kreuzahler | Bild: Sebastian Hoppe

Theaterkritik | "Girl From The Fog Machine Factory" beim Theatertreffen - Ein roter Teppich für Nebelschwaden

Der Nebel ist sein Hauptdarsteller: Bei der Produktion "Girl From The Fog Machine Factory" frönt Thom Luz beim Theatertreffen seiner Leidenschaft für Nebelmaschinen aller Art - und liefert einen Abend voll flüchtiger Poesie ab. Von Nadine Kreuzahler

Es ist schummrig auf der Hinterbühnentribüne im Haus der Berliner Festspiele, einem funktionalen, loftartigen Raum, der an eine Probenbühne erinnert. Ein Chor singt zu Beginn minutenlang im Off von einer längst vergangenen Zeit, während vorne Zeugen dieser Zeit wie in einem Technikmuseum aufgereiht sind: ein Funkgerät, ein Weltempfänger, Festnetztelefone, Tonbandgeräte und ein ganzer Fuhrpark aus Nebelmaschinen: von der Hosentaschen-Variante bis zur Nebelorgel, vom Trockeneis-Dampfer bis zum Hightech-Schwenker made in China ist alles dabei. Aus ihnen wabert es von Anfang an weiß und dicht übers Parkett bis in die Zuschauertribüne.

Einem Mann wird es schon nach fünf Minuten zu viel und er verlässt, sich seinen Schal vors Gesicht pressend, vom Gelächter der anderen Zuschauer begleitet, das Schauspiel noch bevor es angefangen hat. Dabei ist der Dunst gar nicht so belastend wie er aussieht. "Das Einatmen des Nebels ist übrigens ungefährlich", sagt Schauspieler Samuel Streiff an einer Stelle. "Das Ausatmen hingegen kann tödlich enden". Er spielt den Chef einer Nebelmaschinenfabrik. Immer wieder wendet er sich direkt ans Publikum und kommentiert das Geschehen. Der Großteil der Aufführung funktioniert aber ohne Worte, dafür mit viel Klang unter der musikalischen Leitung von Mathias Weibel. Die Schauspieler singen immer wieder im Chor, spielen Celesta, Cello und Geige.

Aus der Zeit gefallen

Nachdem Thom Luz auch schon in fast all seinen früheren Produktionen Kunstnebel einsetzte, macht er jetzt eine ganze Nebelmaschinenfabrik zum Schauplatz. Sie scheint nicht nur aus der Zeit gefallen zu sein, sondern steht auch kurz vor der Schließung. Immer wieder rufen Gläubiger auf dem altmodischen Telefon im Büro an, das mit Funkgerät, Weltempfänger und einem Bücherregal ausgestattet ist (darin so schöne Titel wie "Die Geschichte der Unschärfe" von Wolfgang Ullrich oder "Fluoreszierende Nebelmeere" von Andreas Züst) und verlangen ihr Geld. Als eine Besucherin in der Fabrik auftaucht, keimt kurz Hoffnung bei den drei Arbeitern und der Arbeiterin im Blaumann auf. Voller Euphorie führen ihr die vier die verschiedenen Dunstmacher vor. Bald entspinnt sich eine Liebesgeschichte am Rande und die Besucherin schlüpft selbst in einen Blaumann, um Teil der Nebelmaschinen-Gemeinschaft zu werden.

Geschichte hinter den Nebelschwaden?

Neue Ideen müssen her, um die Fabrik zu retten. Sie blasen dicke, weiße Kringel in die Luft, die sich fast küssen und nur knapp aneinander vorbei tanzend ins Publikum schweben, das ganz verzaubert applaudiert. Sie rollen einen roten Teppich aus und lassen die Schwaden elegant darüber entlanggleiten. Sie füllen Plastiksäcke mit weißem Dunst, lenken ihn mit Ventilatoren, verschwinden in weißen Wolken und Gebirgen aus flüchtigem, flauschig wirkendem Nebel. "Jede Nebelschwade ist nur so gut die Geschichte, die sich dahinter verbirgt", sagt Schauspieler Samuel Streiff an einer Stelle. Und das "Mädchen aus der Nebelmaschinenfabrik" – das "Girl from the fog machine factory", gespielt vo Fhunyue Gao, meint: "Ich verstehe nicht alles, aber ich mag die Atmosphäre hier". Was ist die Geschichte hinter den Nebelschwaden? Oder ist am Ende doch alles nur Atmosphäre?

Poetisch nebulös, flüchtig schön

Thom Luz erzählt von Vergänglichkeit, vom Erinnern und Vergessen, vom Verschwinden der Arbeitswelt, wie wir sie kennen und vom Versuch, die Flüchtigkeit festzuhalten. Seine Inszenierung huldigt der Langsamkeit und spielt dabei auch mit den Erwartungen des Publikums. Viel mehr kommentiert sie diese Erwartungen. Wenn der Fabrikchef seine Mitarbeiter mit den Worten aufscheucht: "Nicht spektakulär genug. Wir müssen höher, schneller, weiter!", dann ist das nicht nur ein Statement zur Arbeits- und Marktmoral, sondern auch zu unseren Sehgewohnheiten und zu unserem Konsumverhalten. Das alles kann hineinlesen, wer möchte.

Wer aber einfach nur im Nebel versinken will, kann auch das. Thom Luz bewegt sich mit seiner Inszenierung zwischen Theater, Varieté, Zirkus und Performance und macht den Nebel diesmal zu seinem Hauptdarsteller. Es ist ein Abend voller Nostalgie, der nicht immer voll und ganz trägt, der Längen hat, aber in seinen besten Momenten auf nebulöse Art poetisch und flüchtig schön ist.

Sendung: Inforadio, 07.05.2019, 7.40 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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