Hotel Strindberg von Simon Stone (Quelle: Sandra Then/Berliner Festspiele)
Sandra Then/Berliner Festspiele
Audio: Inforadio | 04.05.2019 | Ute Büsing | Bild: Sandra Then/Berliner Festspiele

Theaterkritik | "Hotel Strindberg" beim Theatertreffen - Im Grunde nur heiße Luft

Das Berliner Theatertreffen ist am Freitag mit Simon Stones "Hotel Strindberg" eröffnet worden. Die starbesetzte Inszenierung ist technisch makellos, inhaltlich aber eine hohle Laberparade mit vorhersehbaren Gags und lediglich behaupteter Tiefe. Von Fabian Wallmeier

Dieses Mal also Strindberg. Der australische Regisseur Simon Stone hat schon viele Stoffe neu geschrieben: Ibsen vor allem, aber auch griechische Tragödien, wie zuletzt am Berliner Ensemble. Zweimal war er bereits beim Theatertreffen, am Freitag nun durfte er zum dritten Mal das Haus der Berliner Festspiele bespielen. Dieses Mal errichtet er, ursprünglich für das Theater Basel und das Wiener Burgtheater, ein "Hotel Strindberg": drei Stockwerke mit einer Front aus Plexiglas, hinter der die Figuren durch Hotelzimmer und ein Treppenhaus laufen.

Stone nimmt in dem mehr als vier Stunden langen Abend Motive von Strindberg auf, hat daraus aber ein ganz eigenes Stück geschrieben. "Das ist wie Fernsehdialoge", diagnostiziert früh am Abend Alfred (Martin Wuttke), ein Autor, der seine beste Zeit hinter sich hat. Mit dem, was er direkt danach sagt, meint er natürlich etwas ganz anderes, aber es passt perfekt zum Theater des Simon Stone: "Es klingt prägnant, ist aber im Grunde nichtssagend und belanglos, nur heiße Luft."

Beziehungsklamotten stehen im Fokus des dreiteiligen Abends. Alte und aktuelle Liebhaber tauchen auf, Lebenslügen werden enttarnt, Anschuldigungen im Akkord produziert. Das alles läuft parallel, ist aber nur im Wechsel auch zu hören. Alfred putzt am Anfang auf dem Bett seine Schuhe, seine Frau Charlotte (Caroline Peters) macht sich ausgehfertig - und dabei quatschen sie sich in immer derberen Anschuldigungen tiefer in die behauptete Krise. In einem anderen Hotelzimmer trifft sich derweil ein gescheitertes Paar, um seine Scheidung zu besiegeln. Wieder woanders scheitert ein Paar uneingestanden an der selbstverordneten Polygamie.

Keine emotionale Fallhöhe

Die schier endlose Laberparade, die Stones Theater ausmacht und die hier von einer komplett unüberschaubaren Vielzahl an (auf neun Darstellerinnen und Darsteller verteilten) Figuren absolviert wird, funktioniert nach dem immer gleichen Muster: Erst werden vorhersehbare Gags rausgehauen, dabei wird mit ständigen Schlagworten wie "Netflix" und "angewhatsappt" die Gegenwärtigkeit des Gequatsches markiert. Dann kippt die Stimmung, das Geschrei wird immer lauter. Auf einmal kommen düsterste Themen aufs Tablett, oft stehen dabei vernachlässigte oder tote Kinder im Mittelpunkt. Dazu noch ein bisschen Tränen und körperliche Gewalt - und schwups, schon soll die Klamotte auf einmal theatrale Schwere haben. Doch das funktioniert auch dieses Mal nicht. Stone erreicht statt emotionaler Fallhöhe nur hohle Behauptung.

Technisch läuft die Inszenierung dagegen wie am Schnürchen. Die Lichtregie, dank der die einzelnen Hotelzimmer mal Hauptattraktion, mal Nebenschauplatz sind, ist stimmig und schnell. Die Microports, durch die alle Darstellerinnen und Darsteller sprechen, sind genau austariert, die akustischen Blenden leiten präzise von einer Szene in die nächste über. Geschickt ist auch, wie die drei Stockwerke in den beide Pausen jeweils umgebaut werden, sodass nun ein anderer Ausschnitt des Hotels zu sehen ist.

Hotel Strindberg von Simon Stone (Quelle: Sandra Then/Berliner Festspiele)
| Bild: Sandra Then/Berliner Festspiele

Lange Zeit kaum Neues, nichts Bemerkenswertes

Auch die Darstellerinnen und Darsteller sind von allererster Güte. Bestünde das Stück nur aus dem krachledernen Stadl-Spaß, den Wuttke und Peters als sich betrunken bis aufs Mark streitendes Paar am Ende des zweiten Teils auf die Bretter legen, wäre der Abend ein großer Spaß - und mit gut zehn Minuten auch angenehm kurz.

Die Microports hinter Plexiglas, den Slapstick, die mit Schlagwörtern der modernen Mediengesellschaft überfrachtete Sprache, die plötzlich unmotiviert ausbrechenden Großgefühlslagen: Man kennt das alles von Simon Stone. Kaum etwas daran ist neu - und nichts so bemerkenswert, dass es sich für eine abermalige Einladung zum Theatertreffen aufdrängt.

"Das sind alles meine Geschichten!"

Erst im dritten Teil versucht Stone etwas Neues: Er wagt sich an die ganz große Überhöhung. Die Figuren überlagern sich, surreale Dialoge ersetzen die Juxerei, existenzielle Sinnkrisen werden heraufbeschworen und zwei Männer (Wuttke und Michael Wächter) fallen dem Wahnsinn anheim. Beide Figuren sind Schriftsteller. "Das sind alles meine Geschichten", rufen sie - und ob das nun auf Strindberg anspielen soll, auf Stone selbst oder auf gar nichts: Der Versuch der Überhöhung geht daneben, auch er bleibt Behauptung, die durch nichts eingelöst wird, auch nicht durch das Geschrei, das nun wieder losbricht.

Die unteren beiden Stockwerke, dieses Mal Empfang und Frühstücksraum, werden derweil ausgeräumt. Nun ist die Bühne wie der Kern dieses Abends: öde und leer. Wuttke presst sich am Ende gegen das Plexiglas dem Publikum entgegen. "Fickt euch alle", grient er. "Ein Mann hat doch seine Würde verdient - oder?" Hat er? Ja, klar, aber war das je die Frage dieses langen, aufgeblasenen Abends? Ach, egal - denn: "Es klingt prägnant, ist aber im Grunde nichtssagend und belanglos, nur heiße Luft."

Sendung: Inforadio, 03.05.2019, 20.20 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die amerikanische Band Algiers auf ihrem Konzert in Kopenhagen (Quelle: dpa/Malthe Ivarsson)
dpa/Malthe Ivarsson

Konzertkritik | Algiers im Lido - Kein Platz für Schubladendenken

Die amerikanische Band Algiers hat in Europa noch eine eher kleine Fangemeinde. Dabei ist ihr vielschichtiger Sound aus Soul, Gospel und Postpunk eine echte Entdeckung. Und sie haben etwas zu sagen - gegen Polizeigewalt und Alltagsrassismus. Von Magdalena Bienert