Szene aus "Ist die Welt auch noch so schön" (Quelle: Neuköllner Oper/Benjamin Stein)
Audio: Inforadio | 10.05.2019 | Theodora Mavropoulos | Bild: Neuköllner Oper/Benjamin Stein

Theaterkritik | "Ist die Welt auch noch so schön" - Der Schreck der Anonymität in der Großstadt

Eine Einsamkeitsstudie nennen Regisseurin Ulrike Schwab und Texterin Juliane Stadelmann ihr Stück "Ist die Welt auch noch so schön", das jetzt in der Neuköllner Oper Premiere feierte. Das Thema ist ernst, die Darstellung amüsant. Ein Spagat, der gelingt. Von Theodora Mavropoulos

Fünf hohe, beklemmend schmale Boxen stehen Wand and Wand auf der kleinen Bühne der Neuköllner Oper. Darin bewegen sich die fünf Protagonisten, eingeengt in ihre begrenzten Lebensräume. Ihre Kleidung besteht aus demselben braunen Stoff. Der Einheitslook der Anonymität.

Keiner im Haus hat etwas vom Tod des alten Mannes mitbekommen. Herr K. hat immer laut Paul Linckes Operettenmusik "Frau Luna" gehört. Drei Monate lang bemerkte niemand die plötzliche Stille.

Weder die alleinerziehende Mutter, die ständig Wäsche wäscht, noch der Musiker am Klavier oder der junge Mann in seinem Bett. Auch die Kioskverkäuferin und die DJane  an ihrem Mischpult haben nichts mitbekommen. Ihnen allen scheint jetzt der Schreck der Anonymität in den Gliedern zu sitzen. Jeder könnte vergessen werden.

Von schnoddriger Sprache zu glasklarem Sopran

Die Musik aus Paul Linckes "Frau Luna" als Grundlage für die Aufführung ist gut gewählt. Die kecke Berliner Operettenmusik steht im harten Kontrast zur leblosen Einsamkeit der Protagonisten.

Diese wird teilweise wunderbar ins Groteske gezogen, wenn Sopranistin Angela Braun in der Rolle der alleinerziehenden Mutter den Klassiker "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe" anstimmt und dabei männchenmachend auf der Waschmaschine kniet. Der Absolventin der Musikhochschule Hans Eisler gelingen die plötzlichen Wechsel von schnoddriger Sprache zu glasklarem Sopran bemerkenswert gut.

Die 70 Minuten vergehen wie im Flug

Die Erwartungen an ein Stück, das sich um die Einsamkeit in der Großstadt dreht, sind klar: Neurotische Menschen, Anonymität der Gesellschaft und der Tod. Das alles wird in diesem Stück geboten. Die Charaktere sind recht vorhersehbar, was sie aber gleichzeitig nahbar macht. So möchte man fast "ja" sagen, wenn der sympathisch unprätentiös schauspielende Pianist Jörg Daniel Heinzmann einem imaginären Gegenüber einen Kaffee anbietet.

Fast scheint das Publikum mitschunkeln zu wollen, als das namensgebende Stück der Aufführung "Ist die Welt auch noch so schön" überschwänglich angestimmt wird. Doch dafür sieht es zu kalt aus, wie die Protagonisten einzeln in ihren Boxen sitzen. Der Spagat zwischen amüsanter Darstellung und ernster Thematik ist hier gut geglückt Die 70 Minuten Spieldauer vergehen wie im Flug. Am Ende des Abends gibt es verdient donnernden Applaus.

Sendung: Inforadio, 10.05.2019, 09.50 Uhr

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