"Linie 1" am Grips-Theater in Berlin-Mitte - hier eine Aufführung aus dem Jahr 2001 (Quelle: imago/Günter Schneider)
Bild: imago/Günter Schneider

50 Jahre Grips - "Das war von Anfang an ein Mutmach-Theater"

Berlin ohne das Grips? Kaum vorstellbar. Generationen von Kindern haben am Hansa-Platz ihre ersten Theater-Erfahrungen gemacht - in einem linken Kindertheater, sozialkritisch, emanzipatorisch, unangepasst. Klassiker wie "Linie 1" werden heute noch gespielt.

Links und unangepasst, gesellschaftskritisch und emanzipatorisch - so war der Ansatz der Grips-Macher von Anfang an. Auf der Bühne: keine Märchen, stattdessen Stücke mit aktuellem Zeitbezug - Theater aus dem wirklichen Leben, das die Kinder und Jugendlichen dort abholte, wo sie sich täglich bewegten, zwischen elterlicher Wohnung, Schule und Straße.

Seit 50 Jahren macht das Grips inzwischen Theater für Kinder, Jugendliche und manchmal auch für Erwachsene - und ist dabei bekannter geworden als viele andere Theater in Berlin. Von Donnerstag an wird das Jubiläum mit einer Reihe von Veranstaltungen in Berlin gefeiert.

Gegründet von Volker Ludwig

Gegründet wurde das Grips-Theater von Volker Ludwig, Jahrgang 1937, einem Mitglied des linksgerichteten Berliner "Reichskabaretts", das die Kollegen von den "Insulanern" und den "Wühlmäusen" für unpolitisch hielt.

Bereits 1966 kam Ludwig auf die Idee, ein Kindertheater zu gründen, das eigens für Kinder geschriebene Stücke zeigte. So entstand 1968, noch unter dem Dach des "Reichskabaretts" und auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, "Die Reise nach Pitschepatsch", geschrieben von Ludwig und seinem Bruder Rainer Hachfeld.

"Es ist verboten zu verbieten"

Mit "Stokkerlok und Millipilli" wurde die konkrete Gesellschaftskritik ein Jahr später endgültig zum Programm erhoben. Hauptfiguren sind die kleine Millipilli und der Lokführer Stokkerlok, der nach dem Willen eines Herrn Kratzwurst nicht mehr mit seiner Lokomotive fahren soll. Die Lokomotive ist zerlegt, die Einzelteile sind verschwunden. Doch das will Millipilli nicht akzeptieren - und hilft Stokkerlok dabei, seine Lok wiederzufinden. Auf ein Schild schreibt sie: "Es ist verboten zu verbieten" - eine Art Leitspruch für die kommenden 50 Jahre am Grips-Theater.

Sozialkritik - kindgerecht verpackt

Welche Wirkung das "moderne Kindertheater mit sozialkritischem Hintergrund" für eine Wirkung bei seinen kleineren und größeren Zuschauern entfaltete, weiß Radioeins-Mitarbeiter Philip Meinhold zu berichten, ein Gripskind der ersten Jahre. "Das war von Anfang an ein Mutmach-Theater", sagt Meinhold heute. Schon mit vier Jahren, also 1975, hatte er Ludwigs Kindertheater an der Hand seiner Eltern kennengelernt. Da war die Bühne gerade vom Kurfürstendamm ins Hansaviertel umgezogen, damals schon unter dem Namen Grips-Theater - was sich auf den Spaß am Denken bezog.

Gleich das erste Stück, das Philip sah, hatte es in sich: "Mensch Mädchen!" (Musik: Birger Heymann, Texte: Volker Ludwig) kam zu einer Zeit auf die Bühne, als viele Frauen noch "Hausfrau" als Beruf angaben und "Gender" nur ein Fremdwort war.

Eine kurze Inhaltsangabe lässt erahnen, welchen sozialen Sprengstoff das Stück zu damaliger Zeit bot: Hinter einem Bauzaun gründen drei Mädchen einen geheimen Club der Mond- und Sternfahrerinnen. Selbstverständlich wollen sie auch eine Rakete bauen. Doch die Eltern und der neunmalkluge Bruno sagen: Mädchen haben keine Ahnung vom Raketenbau - und außerdem sollen sie sich nicht schmutzig machen. Doch die Mädchen lassen sich nicht unterkriegen - und ziehen Bruno auf ihre Seite. Als der sich beklagt, dass Mädchen es besser haben, weil sie nicht so oft angemeckert werden, wird Bruno kurzerhand als Mädchen verkleidet, und lernt auf diese Weise, dass es Mädchen durchaus nicht besser haben.

Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters in Berlin (Quelle: dpa/Tagesspiegel/Thilo Rückeis)
Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters in Berlin | Bild: dpa/Tagesspiegel/Thilo Rückeis

Feminismus kindgerecht verpackt

Mit solchen und ähnlichen Stoffen setzte das Grips-Theater um, was die "68er" vorgelebt hatten: den Kampf gegen Patriarchat und Fremdbestimmung, das Eintreten für Aufklärung, Feminismus und Gleichberechtigung - kindgerecht verpackt.

Auf die jungen Besucher blieb das nicht ohne Wirkung: "Ich weiß aus Erzählungen meiner Mutter, dass ich nach dem Stück erstmal gar nichts gesagt habe, und sie hatte schon Bedenken, ob das denn das Richtige war", erinnert sich Philip Meinhold. "Aber nach drei Tagen bin ich zu ihr hin und habe eine Leiter verlangt, um in meinem Kinderzimmer das Bühnenbild nachzubauen. Von daher muss es mich nachhaltig beeindruckt haben." Fortan war Philip ein echter Grips-Theater-Fan und sah in den folgenden Jahren Dutzende von Inszenierungen, teilweise auch mehrfach - "mit den Eltern, der Schule, auf einem Kindergeburtstag".

Dorn im Auge der West-Berliner CDU

So wie Philip ging es vielen Kindern, doch konservativen Politikern, vor allem denen von der CDU, war das Grips-Theater von Anfang an ein Dorn im Auge. Zu Zeiten, in denen die Christdemokraten in Bezirken wie Wilmersdorf und Zehlendorf auf über 50 Prozent der Stimmen kamen, gerieten linksgerichtete Angebote schnell auf den Index.

Als Meinhold viele Jahre später als Journalist über das Grips-Theater berichtete, fand er heraus, dass der zuständige Steglitzer CDU-Stadtrat ein Gastspiel von "Mensch Mädchen!" sogar verboten hatte. Die Mitarbeiter des Grips-Theaters würden sich in der "kommunistischen Szenerie der Stadt" tummeln, hieß es zur Begründung. Schon bald seien Grips-Aufführungen in allen von der CDU regierten Bezirken untersagt gewesen, sagt Meinhold. Auch in Teilen der Medien wurde das aufgegriffen. So hieß es laut "tageszeitung" [taz.de] in einem Springer-Blatt, das Grips züchte mit seinen Stücken "einen Haufen politischer Psychopathen heran, arme Typen, die eines Tages an sich selbst zerbrechen werden".

Ganz offensichtlich hat sich diese Prophezeiung nicht erfüllt. Schon Kindern sei klar gewesen, dass es sich um ein linkes Theater handelte, erinnert sich Grips-Fan Meinhold im Abstand von über 40 Jahren - mit positiven Wirkungen: "Man wurde tatsächlich darin bestärkt, zu seiner Meinung zu  stehen und seine Interessen zu vertreten" sagt der rbb-Kollege. "Das fand ich toll und fühlte mich da eben auch als Kind bestärkt."

Von "Linie 1" bis "Inside IS"

Mit der "Linie 1" rund um die Welt

Dass das Grips-Theater über die Landesgrenzen hinaus schließlich auch internationalen Ruhm erlangen sollte, liegt wohl an "Linie 1". Seit dem 30. April 1986 erzählt das U-Bahn-Musical die Geschichte vom Mädchen aus der Provinz, das nach Berlin kommt und sich so gar nicht zurecht finden will. Unterwegs in der U-Bahn-Linie 1, trifft sie auf die unterschiedlichsten Charaktere - ein Querschnitt der Berliner Bevölkerung zu Mauerzeiten.

Übersetzt in viele Sprachen, wird "Linie 1" zum größten Erfolg des Grips-Theaters. Gastspiele führen das Ensemble bis nach Kalkutta und Seoul. Vielleicht, so Grips-Gründer Volker Ludwig zum 30-jährigen Bühnenjubiläum, sei der große Erfolg damit zu erklären, dass "Linie 1" ein typisches "Großstadt-Panoptikum" biete, "das man in allen Metropolen der Welt wiedererkennt".

Zum Jubiläum eine Neuinszenierung

Bis heute ist das Grips-Theater seinem Leitspruch treu geblieben, der als Motto auch über dem Festprogramm steht: "On the child's side". Jüngestes Beispiel ist "Die Lücke im Bauzaun" von Volker Ludwig und Ben Pavlidis, ein Rückgriff auf "Balle, Malle, Hupe und Artur" aus dem Jahr 1971. In dem Stück von damals werden vier Kinder in einem leerstehenden Haus erwischt. Doch statt Reue zu zeigen, verbünden sie sich gegen die Erwachsenen, die mit Strafe drohen.

Im Abstand von fast 50 Jahren, so die Veranstalter, frage die Neuinszenierung, welches heute die kollektiven Abenteuer sind, "die uns weiter bringen"? Heute seien die Kinder natürlich weltläufiger aufgestellt, heißt es im Programmheft: "Ihre Mitglieder tragen Handys und sind zuweilen etwas frecher als ihre Vorgänger. Ihre Sorgen und Nöte - und auch ihre solidarische Kraft - sind denen aus 'Balle, Malle, Hupe und Artur' aber gar nicht so fremd."

Vom 6. Juni an werden die 50 Grips-Jahre gefeiert, am Hansaplatz und drumherum - mit einer großen Jubiläumsgala, einer Werkschau, Gastspielen aus Griechenland, Indien und Südkorea, einem international besetzten Symposium zu Kinderrechten - und dem großen Hansaplatzfest am 15. Juni. [Programm im PDF]

Die Geschichte des GRIPS Theaters

  • Vorgeschichte ab 1966

  • Gründung im Jahr 1969

  • Streit um Aufklärungsstück (1971)

  • Umbenennung in Grips-Theater (1972)

  • Umzug an den Hansaplatz (1974)

  • Stücke für Jugendliche (ab 1975)

  • ... und für Erwachsene (ab 1980)

  • Zum ersten Mal unterwegs auf der "Linie 1" (1986)

  • Welttournee mit "Linie 1" (ab 1988)

  • Eröffnung der zweiten Spielstätte (1995)

  • 1.000-ste Aufführung von "Linie 1" (2001)

  • Eröffnung des "Grips Mitte im Podewil" (2009)

  • Volker Ludwig zieht sich zurück (2017)

  • 50-jähriges Jubiläum (2019)

Beitrag von Daniel Marschke

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Das ist mir schon klar. Ich wollte auch garnicht dagegengeredet haben, falls das ggf. so rübergekommen sein mag.
    Ich wollte nur den Unterschied zwischen der Insel West-Berlin mit ihren speziellen Befindlichkeiten und dem heutigen Gesamt-Berlin verdeutlicht haben. Keineswegs im bewertenden Sinne ...

    Vieles ist heute offenbar recht nücherner und soweit seinerzeit noch Offenregung war über heute glatt Selbstverständliches, so wird sie heute eher noch aus Gründen geschürt, weil alles andere als langweilig gilt.

  2. 3.

    Nach der Dreigroschenoper v.Bertolt Brecht das weltweit erfolgreichste deutsche Musical. Alle Achtung. Als ich zum ersten Mal den Film sah und Maria singen hörte: „Du bist schön auch wenn Du weinst“, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Passiert mir sogar heute noch. Ganz,ganz lieben Dank an alle, die es möglich gemacht haben, ein solch wunderbares Zeitdokument aus dem alten Westberlin auf die Bühne gebracht zu haben und bis heute Kinder und Erwachsenen damit begeistern. Handkuss und Toi,toi,toi für viele,viele weitere Jahre.
    An Herrn Krüger: für uns Westberliner war die U-Bahn Linie 1 damals tatsächlich etwas besonderes. Meine Empfehlung an Sie, schauen Sie sich den Film wenigstens noch einmal in aller Ruhe an. Vielleicht kommen Sie dann drauf, was dieses Musical zu recht bedeutet. Vieles läßt sich auch heute noch daran festmachen, fährt man mit der U-Bahn im allgemeinen.

  3. 2.

    Meinen herzlichen Glückwunsch und 1000 Mal Danke für eure tolle Arbeit!!
    Ich selbst war schon als Jugendliche in den 80ern im Grips. Für mich das beeindruckenste Srück war "Ab heute heißt du Sarah! und ich hatte auch das große Glück Inge Deutschkron im Grips Theater zu erleben.
    Aber auch viele andere wichtiige und schöne ERfahrungen dort machen dürfen.
    Toll das es euch gibt und weiter so!!

  4. 1.

    Meinen herzlichen Glückwunsch!

    Das Theater stellt fortlaufend immer in Frage und zum Aufbrechen des riesigen Nichthinterfragten sollte das genügen.

    Bliebe die Frage nach dem Technischen und dem Sinnstiftenden: Die Linie 1 seinerzeit war nicht gewollt sinnstiftend, hier wurden einfach nur aus Trägheit und weil dies eben immer so war, Menschen zusammengewürfelt, die seinerzeit am Liebsten unter sich geblieben wären. Gerade gegenüber den von Lummer so bezeichneten Anti-Berlinern in Kreuzberg. Am Liebsten hätte einige die Linie am Halleschen Tor enden lassen.

    Der Sinngehalt erschließt sich bei Benutzung der heutigen U 1 nicht unbedingt, zumal die Bezeichnung "Linie" dasselbe Achselzucken nach sich ziehen würde wie bei den vielen Kopfbahnhöfen seinerzeit die bloße Nennung von "Bahnhof".

    Die heutige "U 1" gäbe zweifellos weniger her, nicht nur, weil es eine Linie unter 23 ist, anstatt eine von faktischen sieben. Mehr als nur ein Sinnbild unter vielen?




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