Die B-52s auf ihrer Abschiedstournee, Sängerin Cindy Wilson
Audio: Inforadio | 28.06.2019 | Jakob Bauer | Bild: newscom/dpa/IAN HALPERIN

Konzertkritik | B-52s auf Abschiedstournee - Noch reicht die Kraft

Funk, Punk, Rock - und eine Prise Wahnsinn: Diese Mischung machte The B-52s zu einer der spannendsten Bands der 1970er und 80er Jahre. Nun sind die Amerikaner auf Abschiedstournee. Ihr letztes Berlin-Konzert war ziemlich ambivalent. Von Jakob Bauer

Eine Abschiedstournee für die B-52s: Am Donnerstagabend wird in der Zitadelle Spandau klar, dass es die richtige Entscheidung ist. Und das ist nicht unbedingt negativ gemeint. Es ist schön, diese blitzgescheite Party-Band von damals heute nochmal auf der Bühne zu sehen und zu hören. Diesen schnittigen Funk, diese quirligen Gesänge, diesen glücklich machenden Sound. Die unsterblichen Club-Hymnen: "Rock Lobster", "Love Shack", "Planet Claire".

Aber es ist auch gut, dass die B-52s danach Schluss machen - oder es, Stand jetzt, zumindest wollen. Denn es lässt sich nicht wegdiskutieren: Der vorwärtsgaloppierende Wahnsinn dieser Truppe strebt gen Rente. Die Spannung lässt sich nicht mehr dauerhaft halten. Und wenn man auf die 70 zugeht, kann der Gesang schon mal etwas aus der Spur geraten. Was er an diesem Abend auch unüberhörbar immer mal wieder tut.

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Denn die drei verbliebenen Gründungsmitglieder der B-52s sind allesamt zwischen 60 und 70 Jahren alt. Cindy Wilson, Fred Schneider und Kate Pierson werden von vier Musikern im Hintergrund begleitet, spielen selber nur selten Instrumente. Stattdessen singen, kreischen, johlen und sprechgesangen sie sich durch die Hits der letzten 40 Jahre. Und die sind immer noch gut, man wünscht sich auch heutzutage wieder mehr von diesen abgedrehten, tanzbaren, aber gleichzeitig auch sehr melodiebewussten Songs. Wenn sich die drei ihre Lines in den schnellen, chaotischen Stücken wie Tischtennisbälle hin- und herschmettern, zuckt man freudig mit.

Was mach ich hier eigentlich?

Wenn es jedoch ruhiger wird und der Gesang im Fokus steht, wird allerdings alles etwas unscharf und behäbig. Der Abend ist eine höchst ambivalente Angelegenheit. Kate Pierson, das bombenfeste Fundament dieses Konzerts, schaut in ihrem rosa Flusen-Flatter-Rüschen-Overall aus wie 45 und singt schrill und einnehmend quäkig sicher wie immer. Sie hüpft wie eine Garde-Prinzessin über die Bühne und wirkt dabei gar nicht angestrengt. Durchaus beeindruckend.

Cindy Wilson hingegen scheint trotz ihres ebenfalls sehr extravaganten Kleidungs- und Frisurenstils immer ein wenig weggetreten und streichelt ihre Bongos eher wie junge Häschen, statt drauf herumzutrommeln. Fred Schneider, der dritte im Bunde, ist mitunter voll drin in seiner Musik. Wenn er aber gerade nichts zu tun hat, bewegt auch er sich immer mal wieder so, als wüsste er selbst nicht so genau, was er hier eigentlich macht.

"Ick kann mir noch erinnern, damals als ..."

Und so wird auch das Publikum manchmal unaufmerksam, unterhält sich, erzählt sich Geschichten. "Ick kann mir noch erinnern, damals als ..." Trotzdem sind die Zuschauer immer wieder voll dabei. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Gänsehaut, schreien die gespeicherten Erinnerungen an wilde Partynächte von damals hinaus, grinsen und knutschen und tanzen wie vielleicht die letzten 30 Jahre nicht mehr. Das Durchschnittsalter ist ungefähr 52.

Und es ist ja auch einfach super Musik, auf der Bühne stehen super Leute. Die allerdings auch nur 60 Minuten spielen, plus Zugaben. Das ist schon etwas kurz für das allerletzte Berlin-Konzert.

Stand jetzt, zumindest.

Sendung: Inforadio, 28.06.2019, 9.00 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Vielen Dank Herr Bauer. Ich zucke und wippe schon beim lesen mit. Und diese Bilder im Kopf... Danke.

  2. 2.

    Meine Musiksammlung ist groß und vielfältig. Hauptsächlich gepägt von Männerstimmen. Die Simmen von zum Beispiel Lemmy Kilmister und James Osterberg sind für meine Ohren Entspannung pur. Christian Brückner singt ja leider nicht ;) Eine von ungefähr drei Bands mit Frauenstimmen hat es aber geschafft sich über die Ohren direkt in mein Gehirn und Herz zu singen. Das sind "The B-52s". Der Sound ein wahres Geschenk an die Welt. Iggy Pop und Kate Pierson mit "Candy" ein Meisterwerk.

  3. 1.

    Toll geschrieben! Danke! Als wär' man dabei gewesen...

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