Die Baustelle des Humboldt Forums an der Spree in Berlin-Mitte, mit moderner Fassade aus Beton an der Spreeseite. (Quelle: imago/Volker Hohlfeld)
Video: Abendschau | 25.06.2019 | Frank Drescher | Bild: imago/Volker Hohlfeld

Berliner Humboldt-Forum - Warum sich die Terminabsage schon länger abgezeichnet hat

Der Stiftungsrat des Humboldt-Forums will am Mittwoch ein neues Eröffnungsdatum verkünden. Der erste Termin wurde aus technischen Gründen kurzfristig abgesagt. Doch rbb-Recherchen belegen: Das Scheitern war viel früher abzusehen. Von O. Soos und F. Drescher

Am Mittwoch soll bei der Sitzung des Stiftungsrats ein neuer Eröffnungstermin für das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss verkündet werden. In dem Aufsichtsgremium sitzen fünf Bundestagsabgeordnete, vier Vertreter der Bundesregierung, zwei Vertreter des Landes Berlin und vier Vertreter aus Kultur und Wissenschaft. Sie alle haben Unterlagen bekommen, die auch dem rbb vorliegen. Diese Dokumente zeigen, dass es beim Bau des Humboldt Forums schon seit Längerem Aneinanderreihungen von Problemen und Verzögerungen gegeben hat.

"Gepfuscht und gleichzeitig nicht ordentlich hingeguckt"

Im "Tätigkeitsbericht der Stiftung" für den Zeitraum Januar bis März 2019 ist von Konflikten und Störungen die Rede, die maßgeblich den Baufortschritt behindern würden: "Die Schwerpunkte der Störungen liegen weiterhin bei den Gewerken Lüftung und Gebäudeautomation, jedoch auch in den Bereichen der Wasser- und Abwasseranlagen sowie der nutzungsspezifischen Anlagen." Kritisiert werden vor allem die Firma, die die technische Gebäudeausrüstung installiert hat, und der dazugehörige Planer. Von "fehlenden baulichen Vorleistungen" ist die Rede, von "mangelnder Objektüberwachungsintensität" und "inhaltlichen Defiziten bei der Objektüberwachung".

Offenbar wurde an einigen Stellen gepfuscht und gleichzeitig nicht ordentlich hingeschaut. Nichts Ungewöhnliches bei großen Baustellen. Problematisch ist jedoch, wie man mit diesen Informationen umgegangen ist: Der Bericht der Stiftung Humboldt Forum ist datiert auf den 29. April 2019. Schon damals, im April, muss also bekannt gewesen sein, dass der geplante Eröffnungstermin am 30. November auf der Kippe steht.

So ist im Bericht nur noch von einer "Möglichkeit einer ersten Teileröffnung im November 2019" die Rede. Bei den Tests der technischen Anlagen sei man um mindestens sechs Monate in Verzug. Die sogenannte Wirkprinzipprüfung, bei der abschließend das Zusammenspiel aller Anlagen getestet wird, würde sich demnach bis in den November 2019 hineinziehen. Das bedeutete schon im April: Nur wenn bei den Tests alles glattläuft, gibt es eine Chance, dass der geplante Eröffnungstermin eingehalten werden kann.

Bei der Stiftung Humboldt Forum sieht man den Bericht hingegen nicht als Andeutung einer Terminabsage. "Eine Eröffnung, z.B. am 1. Advent 2019, hätte in der Tat noch klappen können", teilte ein Stiftungssprecher auf rbb-Anfrage mit.

Planung nach klaren Vorgaben?

Auch die Bauverantwortlichen erwecken auf rbb-Nachfrage den Eindruck, als ob sie bis zuletzt daran geglaubt hätten. "Wir planen nach klaren Vorgaben, und danach hätten wir das Ziel bis Ende des Jahres auch erreichen können", sagt der Bauvorstand der Stiftung, Hans-Dieter Hegner. Er betont, dass das Thema "Absage der Eröffnung" erst bei der Inbetriebsetzung der technischen Anlagen im Mai aufgeschlagen sei. Petra Wesseler, Präsidentin des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung, das für die baufachliche Betreuung zuständig ist, nennt Probleme bei der zentralen Kälteanlage als entscheidend für die Verschiebung des Eröffnungstermins. 

Dem widerspricht Manfred Rettig, ehemaliger Chef und Bauvorstand der Humboldt-Stiftung. "Dass es bei technischen Prüfungen Mängel gibt, ist auf großen Baustellen völlig normal. Beim Humboldt-Forum hat man die Zeitpuffer für die technischen Überprüfungen komplett aufgebraucht. Die Verantwortlichen haben nach dem Prinzip 'die Hoffnung stirbt zuletzt' gehandelt", sagte Rettig dem rbb.

Grütters brachte "das Faß zum Überlaufen"

Manfred Rettig sitzt mittlerweile nur noch im Kuratorium des Humboldt-Forums. Er hat im März 2016 die Verantwortung für den Bau abgegeben, weil er schon damals große Zweifel daran hatte, dass der Zeitplan eingehalten werden kann. Rettig erzählt, er sei ausgestiegen, nachdem Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den britischen Kunsthistoriker Neil MacGregor zum Leiter der Gründungsintendanz berief.

"Als sie ihm damals sagte, er könne noch mal völlig neu über die Planungen der Ethnologischen Museen für das Humboldt Forum entscheiden, war das für mich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat." Zu diesem Zeitpunkt seien die Bauplanungen schon abgeschlossen gewesen, so Rettig. Man habe sich bereits in der Ausführungsphase befunden, in der man nur noch den Bauunternehmen Anweisungen gibt, was sie zu tun haben.

Gravierende Auswirkungen auf den Zeitplan

Auch das Land Berlin entschied sich auf seinen 4.000 Quadratmetern Fläche noch für Veränderungen. Statt der Zentralen Landesbibliothek sollte hier nun das Stadtmuseum Einzug halten und eine Berlin-Ausstellung aufbauen. Diese nachträglichen Umgestaltungen hätten teilweise gravierende Auswirkungen auf den Zeitplan gehabt, sagt Rettig. So seien in den ehemaligen für die Bibliothek vorgesehenen Bürobereichen Wände herausgenommen worden. Zwischen den Räumlichkeiten der Ausstellung "Geschichte des Ortes" und den Wechselausstellungen sei eine neue Brandwand errichtet worden, so Rettig.

"Solche Änderungen betreffen jedes Mal bis zu 20 Ingenieurleistungen, von der Statik, über die Schwachstromelektrik, die Heiz-, Lüftungs- und Entrauchungstechnik, bis hin zur Beleuchtung. Das frisst die Zeitpuffer auf", sagt der ehemalige Bauvorstand. Die Stiftung Humboldt Forum weist diese Darstellung zurück. Die nachträglichen Veränderungen hätten ein geringes Ausmaß und keinerlei Einfluss auf den Eröffnungstermin gehabt, sagte ein Sprecher der Stiftung dem rbb.

Schon Ende 2018 zeichnete sich ein Verzug ab

Für Daniel Wesener stand bereits Ende 2018 fest, dass es mit der Eröffnung im Humboldtjahr nichts werden kann. Der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus hatte sich mit parlamentarischen Anfragen im November 2018 und im Februar 2019 nach dem Zwischenstand der geplanten Berlin Ausstellung erkundigt. "Schon im November hat sich abgezeichnet, dass man mit dem Teil, der im Humboldt-Forum als erstes eröffnet werden soll, um ein halbes Jahr in Verzug ist. Im Februar wurde dann klar, dass die Berlin-Ausstellung erst 2020 an den Start geht. Ich dachte mir schon Ende 2018, dass allenfalls 2019 eine Baustelle eröffnet werden kann", sagt Wesener.

Hat man bewusst die Salamitaktik angewandt?

Die Stiftungsratsvorsitzende, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), stellte zuletzt eine Eröffnung mit einer Sonderschau zum Thema "Elfenbein" in Aussicht. Doch die angefragten Museen wollten ihre Leihgaben nicht zur Verfügung stellen, da noch nicht klar war, ob die Klimaanlage funktionieren würde.

Wesener wirft der Kulturstaatsministerin vor, die Probleme beim Humboldt Forum nicht ehrlich nach außen kommuniziert zu haben. Der politische Ehrgeiz, im Humboldt-Jubiläumsjahr mit der Eröffnung zu beginnen, sei einfach zu groß gewesen. "Frau Grütters hat bis Mitte dieses Jahres gebetsmühlenartig wiederholt, dass das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen sei. Sie hätte es seit November 2018 aber besser wissen müssen als politisch Verantwortliche", sagt Wesener. "Hätte sie der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass es nun mal länger dauert, dann hätten das die allermeisten Leute auch nachvollzogen. Nun sieht es so aus, als ob man bewusst die Salamitaktik angewandt hat: immer nur die Informationen herausgeben, die man herausgeben musste", so Wesener.      

"Ich fühle mich verscheißert"

Auch unter den Mitgliedern des Stiftungsrats gibt es Unmut. "Ich fühle mich verscheißert", sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Hartmut Ebbing. "Wir wussten zwar, dass die Zeit knapp wird und dass sämtliche Puffer aufgebraucht waren. Aber der Bauvorstand hat uns bei der letzten Sitzung, im November 2018, glaubhaft versichert, dass der Eröffnungstermin zu schaffen sei. Nun erfahre ich im Juni aus der Presse, dass der Termin abgesagt wurde. Und bekomme jetzt zur Vorbereitung auf die Stiftungsratssitzung am Mittwoch Unterlagen, die zeigen, dass die Probleme bereits seit einem halben Jahr bekannt sind."

Bei der Stiftungsratssitzung wird voraussichtlich ein Eröffnungstermin im kommenden Jahr genannt werden. Bauvorstand Hans-Dieter Hegner skizierte dem rbb schon mal vorab den groben Zeitplan: "Wir brauchen etwa zwei Monate, um die zentrale Kälteanlage reparieren zu lassen. Die Tests aller Einzelanlagen sollten Anfang 2020 abgeschlossen sein, dann folgen das Zusammenspiel der Anlagen und Notfallsimulationen. Wir gehen von einer Verzögerung aus, die sich in Monaten fassen lässt und nicht in Jahren."

Dies hält auch Ex-Bauvorstand Manfred Rettig für realistisch: Denn die technischen Probleme im Humboldt-Forum seien in keinster Weise vergleichbar mit dem Ausmaß am Flughafen BER.  

Stadtschloss, Palast der Republik, Humboldt-Forum

Sendung: Abendschau, 25.06.2019, 19:30 Uhr

Beitrag von Oliver Soos und Frank Drescher

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ist das wieder diese typische rbb-Sommerloch-Panik, die hier geschoben wird oder warum wird jetzt gerade dieses Thema aus der Schublade geholt?

  2. 3.

    Das hat mit RRG nicht nur erwas zu tun.!
    Sobald Politiker in irgendwelchen Aufsichtsräten sitzen geht alles schief
    Siehe Flughafen und jetzt die Maut

  3. 2.

    Bis der letzte aus Frust extrem wählt...

  4. 1.

    Bekommt berlin unter den RRG Senat überhaupt was auf der Reihe........

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