Nadine Sierra (als Gilda) und Christopher Maltman (als Rigoletto) während der Fotoprobe zu Rigoletto in der Staatsoper (Bild: imago)
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Opernkritik | Berliner Staatsoper - "Rigoletto" ohne Idee, warum hier wer überhaupt irgendwas singt

"Rigoletto" ist immer ein Publikumskracher, überall. Das weiß auch die Staatsoper und bringt den Opernhit in einer Kooperation auf die Bühne. Doch ein paar Ideen braucht es schon, um die Oper auch funktionieren zu lassen. Die Staatsoper hatte aber keine. Von Maria Ossowski

Was machen ein Operndirektor oder eine Intendantin, wenn sie ganz dringend und sicher ihr Haus füllen wollen, weil die Politik mal wieder spart? Ein Trick hilft immer: Verdis "Rigoletto". Die Story um den ewiggeilen Herzog, der die jungfräuliche Tochter des Hofnarren verführt, ist eine Hitmaschine, bei der die Zuhörer in der Arena von Verona gern laut mitsingen. Die sicherste Opernbank überhaupt: melodiös, tiefgründig, schaurig, traurig, aber auch sexy.

Alle drei Berliner Häuser haben deshalb "Rigoletto" auf dem Programm. Die Staatsoper kooperiert für ihre Neuproduktion mit der Metropolitan Opera in New York, das heißt, die Inszenierung von Bartlett Sher muss auch laufen an einem Haus mit fast 4.000 Plätzen.

Die Staatsoper ist nicht mal halb so groß. Zudem mögen die Amerikaner es eher klassisch, keine neumodischen Regie-Fisimatenten bitte.

Nicht die klitzekleinste Idee von der Regie

Gern genommen wird ein bisschen europäisches Grusel-Nazi-Flair in Kombination mit entsprechenden Kostümen und einem passenden Bühnenbild. Und das heißt hier: schwarze Uniformen und Stiefel für die fiesen Hofschranzen, ein brav-beige-braunes Schulmädchenoutfit für Töchterchen Gilda, ein schwüles Halbweltsdamenkleid in grün für die Schwester des Mörders, klassizistisch-faschistische Säulenarchitektur und als warnendes Menetekel die Bilder von George Grosz im Hintergrund. Fertig ist die richtige Mixtur für den Dauerbrenner hier und hinterm großen Teich. Wenn das noch schön gesungen wird, sollte nichts mehr schief gehen, oder?

Doch, es kann, denn was hier komplett fehlt, ist auch nur die klitzekleinste Idee darüber, warum hier wer was singt oder tut. Personenregie heißt das, und es ist nicht altmodisch, sondern essentiell - auch und grad bei einem Standardwerk wie "Rigoletto". Da stehen die Höflinge 'rum, als hätte der Regisseur noch nie gehört, dass der Chor bei "Rigoletto" die allseits bekannt-berüchtigte olympische Regiesuperdisziplin ist. Da steht der Herzog von Mantua mit Standbein-Spielbein auf der Treppe und brüllt der zarten Gilda seine Liebe entgegen, dass sie eigentlich davonfliegen oder Ohropax in die Öhrchen stopfen müsste. Sie schlägt aber nur die Hände vors Gesicht. Fazit: die Regie bekommt zero Points - null Punkte.

Auch die Musik reißt die Inszenierung nicht raus

Es geht anders. Iin der Pause zieht Altmeister Hans Neuenfels durch die Gänge der Staatsoper. Sein "Rigoletto" an der Deutschen Oper vor mehr als 30 Jahren war hundert Mal spannender und moderner. Gilda eine Tochter, die ihre Erotik entdecken wollte, um dem Vater zu entkommen. Der Herzog wirklich ein Verführer. Der Chor froschgemäß giftgrün vor der Mauern von Mantua hüpfend, ein hinreißendes Spektakel.

Hat die Musik nun diese Premiere rausgerissen? Die Amerikanerin Nadine Sierra sang die Gilda so schön wie kühl. Michael Fabianos Herzog war zu laut. Allein der Brite Christopher Maltman, ein ehemaliger Biochemiker, hat als Rigoletto das Herz der Opernaficionada gepackt. Im berühmten Quartett, über das Dustin Hoffmann sogar einen Film produziert hat, passten wenigstens einmal alle zu allem. Der Dirigent, ein Neuling an der Staatsoper, Andrés Orozco-Estrada, dirigierte die perfekte Staatskapelle glatt, aber ohne Abgründe.

Also, was ist die Moral von der Geschicht'? - Will man's allen recht machen, gefällt's der Kritikerin nicht.

Sendung: rbb Kultur, 03.06.2019, 9.20 Uhr

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