Alexander Haus (Bild: Alexander Haus e.V./ André Wagner)
Alexander Haus e.V./ André Wagner
Audio: Inforadio | 16.06.2019 | Lotte Glatt | Bild: Alexander Haus e.V./ André Wagner

Groß Glienicker See - Alexander-Haus eröffnet als Ort für besonderen Dialog

Der Berliner Promi-Arzt Alfred Alexander floh 1936 vor den Nazis nach England. Sein Sommerhaus am Ufer des Groß Glienicker Sees ließ er zurück. Nach der Restaurierung durch Nachfahren öffnet es jetzt als besonderer Erinnerungs- und Lernort. Von Sigrid Hoff

Idylle pur am nordwestlichen Ufer des Groß Glienicker Sees, unweit der Berliner Stadtgrenze: Das kleine Holzhaus wirkt bescheiden im Vergleich zu den neuen Villen, die in den letzten 20 Jahren auf den benachbarten Grundstücken entstanden sind. Noch vor wenigen Jahren herrschte auf dem Grundstück Wildwuchs, war das im Blockhausstil errichtete Gebäude heruntergekommen, dem Abriss preisgegeben. Jetzt leuchten die weiß-blauen Fensterläden und Türen in der dunklen Holzfassade und auch innen ist ein kleines Juwel wiedererstanden.

"Jeder, der das Haus vor einigen Monaten noch gesehen hat, kann bestätigen, welche radikale Veränderung hier passiert ist", sagt Yasmeen Akhter, die seit April Programmdirektorin des Hauses ist. "Das Sommerhaus der Alexanders hat sich von einer Baustelle in ein wirkliches Zuhause verwandelt mit einem Kamin mit schönen Delfter Kacheln, einem Wohnzimmer, Musikzimmer mit Klavier, Stühlen, Dach und Fenstern. Alle Details, die erhalten werden konnten, wurden bewahrt und restauriert."

Akhter begleitet seit zwei Jahren die Arbeit des Alexander-Haus-Vereins, hier eine interreligiöse Bildungsstätte zu errichten. Die Restaurierung des Hauses war ein erster Schritt, bevor die inhaltliche Arbeit beginnt. Ergänzt durch ein Seminargebäude mit Unterkunftsmöglichkeiten, das noch in der Planung ist, soll das Haus künftig als kulturelle Begegnungsstätte dienen, sowohl für die Anwohner vor Ort als auch für Interessierte aus Potsdam und Berlin und auf internationaler Ebene.

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Coloriertes Foto des Alexander-Hauses aus den 1920er Jahren (Bild: rbb/axander family archive) | Bild: rbb Presse & Information

Rahmen für besondere interkulturelle Begegnungen

Ein erstes Seminar wird im August stattfinden. 20 junge Menschen würden dann für ein viertägiges Seminar anreisen, erklärt Yasmeen Akhter. "Es werden zehn junge gebürtige Leipziger sein, die dort aufgewachsen sind und zehn junge Menschen aus aller Welt, die als Flüchtlinge nach Leipzig kamen und sich jetzt in die Gesellschaft integrieren. Wir wollen ihnen einen Raum geben sich kennenzulernen, besondere Fähigkeiten zu entwickeln, wie sie ihre Zukunft in einer multikulturellen Gesellschaft gemeinsam gestalten können."

Fragen von Toleranz und das Einüben respektvollen Verhaltens stehen im Zentrum der Arbeit. Dabei dient das Buch "Haus am See" des Urenkels von Alfred Alexander, Thomas Harding, als Ausgangspunkt. Am Beispiel der unterschiedlichen Schicksale der ehemaligen Bewohner hat er ein Panorama deutscher Geschichte entworfen. 1936 musste seine jüdische Familie, die das Sommerhaus Ende der 1920er Jahre errichtet hatte, nach England fliehen.  2013 entdeckte Harding das Sommeridyll seiner Familie in Groß Glienicke wieder. Er fand Mitstreiter in der Ortsgemeinde und initiierte das Projekt einer interkulturellen Begegnungsstätte.

Alexander-Urenkel Harding: "Eine rasante Entwicklung"

Die Restaurierung des Hauses wurde mit Denkmalmitteln aus Potsdam und dem Land Brandenburg gefördert, auch Bundesmittel konnten eingeworben werden. Zum Start der Maßnahmen vor drei Jahren zeigte sich Thomas Harding überglücklich. "Wir haben einen beachtlichen Weg zurückgelegt. Die Einwohner von Groß Glienicke haben die Geschichte erforscht, wollten erfahren, was mit den jüdischen Familien im Ort passiert war. Dann kam meine Familie dazu, engagierte sich, es setzte ein erstaunlicher Prozess ein, wir erhielten Unterstützung vom Ort, von der Stadt Potsdam, dann Berlin und auch aus Brandenburg und schließlich auch noch Geld vom Bund. Das war eine rasante Entwicklung." Noch ist der Verein dabei, die Finanzierung der inhaltlichen Arbeit auf sichere Beine zu stellen.

Und schließlich wird das Haus ein Ort regelmäßiger Veranstaltungen sein. Im Winterhalbjahr seien intime Salons mit Musik, Künstlern und Schriftstellern zu bestimmten Themen geplant, um den Dialog mit dem Publikum anzuregen, erklärt Yasmeen Akhter. Doch noch mehr soll passieren: Veranstaltungen mit der Gemeinde, Workshops mit Schülern, "wo sie lernen, wie man Empathie entwickelt, kritische Fragen stellt, auch schwierige Fragen und ihnen einen Raum in dieser schönen Umgebung bieten. Die Geschichte des Hauses dient dabei als Motivation, ihre eigenen Visionen zu entwerfen und Verantwortung in einer gemeinsamen Zukunft zu übernehmen."

Vor 90 Jahren war das Sommerhaus am See ein Ort der Erholung für die jüdische Familie, die es errichtete. Für kurze Zeit auch Zufluchtsort vor einer immer feindlicher agierenden Gesellschaft. Jetzt soll es hier ein Ort entstehen, wo das friedliche Miteinander in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft eingeübt werden kann.

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