Donnerstag 18 Uhr, Eröffnung der Turmbühne. Das Fusion Festival in Lärz 2016 mit rund 70.000 Besuchern (Quelle: imago/Frank Brexel).
Audio: Inforadio | 26.06.2019 | Heike Becker | Bild: www.imago-images.de

Kultur-Festival "Fusion" startet - Fünf Tage Ferienkommunismus

Musik, Drogen, Gegenkultur: In Lärz, einem kleinen Dorf in der Mecklenburgischen Seenplatte beginnt am Mittwoch das berühmt-berüchtigte Festival "Fusion". Heike Becker berichtet über eine beschauliche Gegend, in der einmal im Jahr eine riesige Party-Stadt entsteht.    

Ein ehemaliger sowjetischer Militärflugplatz. Weite Wiesen, kleine Wäldchen, dazwischen grüne bewachsene Hügel, das sind die Hangars - es ist das Gelände des Vereins Kulturkosmos.  An der Einfahrt ist es eng. Lkw werden gerade abgeladen, Radfahrer, Fußgänger, Radlader, Rasenmäher. Überall wird gearbeitet. Denn es ist kurz vor Beginn des Festivals. Martin Eulenhaupt gehört zu den Gründern des Vereins Kulturkosmos, der 1997 das Festival mitten in der mecklenburgischen Pampa ins Leben gerufen hat. "Wir waren in der Zeit hier als Partypiraten unterwegs und haben Partys gemacht im kleinen Rahmen, Techno-Partys. Wir hatten eigentlich eine Kiesgrube in Kotzow gesehen, die wollten wir uns ansehen. Und da sind wir hier vorbei gekommen und haben gesagt, da fragen wir mal. Das erste Mal, 1997, kamen 2.000 Leute" erzählt Eulenhaupt.

12.05.2019, Mecklenburg-Vorpommern, Lärz: Hartmut Lehmann (l), Bürgermeister der Gemeinde Lärz, und Martin Eulenhaupt vom Verein Kulturkosmos stehen bei einer Kundgebung für den Erhalt des Kultur- und Musikfestivals "Fusion" zusammen. Rund 100 Menschen hatten in Lärz (Mecklenburgische Seenplatte) gegen eine Polizeiwache und gegen Polizeistreifen auf dem alternativen Fusion-Festival protestiert. (Quelle: dpa/Bodo Marks)
Kulturkosmos-Mitgürnder Martin Eulenhaupt im Gespräch mit dem Bürgermeister von Lärz. | Bild: dpa/Bodo Marks

Später waren es dann 20.000 - jetzt kommen bis zu 80.000 Besucher. Für die Tickets kann man sich nur online bewerben - ein halbes Jahr vorher, zu Weihnachten. Das tun Hunderttausende. Der Verein lost dann unter den Teilnehmern aus. Die Karte kostet 145 Euro. Die Fusion ist nicht irgendein Festival - der Anspruch ist hoch. "Wir haben gesagt, hier ist die Möglichkeit die Menschen auch mit anderen Dingen zu konfrontieren. Es gibt einige, die waren vorher nie im Theater und sind jetzt begeisterte Theatergänger", sagt Eulenhaupt.

Werbung, Fleisch und Medien sind tabu

"Fünf Tage Ferienkommunismus", so nennen die Veranstalter das Festival. Etwa ein Dutzend bucklige Hügel stehen auf dem riesigen Gelände. In den grasbewachsenen etwa 30 Meter hohen Hangars standen zu DDR-Zeiten die Kampfflugzeuge der Sowjetarmee, die MIGs geschützt vor amerikanischen Satelliten. Diese Höhlen werden für die Fusion zu mystischen Partyplätzen, in denen hunderte Leute Platz haben, tanzen und feiern. Dazu kommen dann noch 30 Open-Air Bühnen. Über 70.000 Menschen werden in den nächsten Tagen anreisen um zu feiern – rund um die Uhr.

Mehrere Zehntausend Besucher stehen am Sonntag (03.07.2011) vor der Bühne des Fusion-Festivals in Lärz (Kreis Müritz). (Quelle: dpa/Alexander Müller)
Inzwischen kommen zur Fusion bis zu 80.000 Besucher. | Bild: dpa/Alexander Müller

Ganze Familien mit Kindern reisen nach Lärz. Für sie gibt es einen riesigen Familienbereich, etwa einen Kilometer entfernt von den dröhnenden Bässen. Riesige Zirkuszelte sind schon aufgebaut. Es gibt Spielplätze, einen Badeteich, Kindertheater, Platz zum Spielen und gesundes Essen. Werbung sucht man auf dem Festival vergeblich, die gibt es nicht. Medien, Fleisch und Werbung sind tabu. "Wenn die Menschen wenn hierher kommen, können sie ihr Alltagspäckchen ablegen und sich davon befreien, was sie in ihrem Leben belastet. Das macht viel von der Stimmung aus.", erklärt Eulenhaupt.

Claudia aus Lärz "Bin froh, dass es die Fusion gibt"

Knapp zwei Kilometer vom Fusion-Gelände entfernt, ist man mitten in Lärz. Die Straßen sehen aus wie leer gefegt. Kein Mensch weit und breit. Unweit der Kirche ein Schild: Heute Grützwurst mit Sauerkraut. Chris und Claudia haben hier vor ein paar Jahren eine kleine Kneipe aufgemacht, den Lindenkrug. "Die Fusion ist ja fleischlos und deswegen kommen viele Leute hierher essen.", sagt Claudia. "Ich bin froh, dass es die Fusion gibt." Claudia ist gebürtige Lärzerin und 33 Jahre alt. Auch sie ist öfter auf der Fusion. "Was ich richtig toll finde ist, dass so kleine Bands sich einfach auf die Rollbahn stellen und dann rumträllern. Die künstlerischen Kreationen, die zusammen gezimmert werden, sieht man sonst so nicht."

12.05.2019, Mecklenburg-Vorpommern, Lärz: Gastronomin Claudia Steinemann steht in ihrem Lokal in Lärz (Mecklenburgische Seenplatte) hinter dem Tresen. (Quelle: dpa/Bodo Marks)
Claudia zapft im Lindenkrug ein Bier. | Bild: dpa/Bodo Marks

Über 70 Ärzte sind ehrenamtlich im Einsatz

Drogen sind immer wieder ein Thema - die gibt es. Der Standpunkt des Vereins dazu ist klar: Jeder kann sich ausprobieren, wir sorgen dafür, dass keinem etwas passiert, jeder wird aufgefangen. Über 200 Sanitäter und über 70 Ärzte, darunter Urologen, Zahnärzte, Allgemeinmediziner und Psychologen leisten während der Fusion ehrenamtlich Hilfe. Es gibt ein kleines Krankenhaus auf dem Platz. Ernste Zwischenfälle hat es seit über 20 Jahren nicht gegeben. Chris ist jedes Jahr dort als Feuerwehrmann. Von den Fusion-Besuchern ist er begeistert. Das soziale Engagement auf dem Platz sei hoch. "Da ist es wirklich so, da achtet jeder auf jeden. Wenn beispielsweise eine Dixi-Tür länger als 20 Minuten abgesperrt ist, bekommen wir sofort eine Nachricht. Wir rücken dann an, machen die Tür auf. Ja und meistens ist es der Lagerplatz für Toilettenpapier. Wenn einer daliegt, gehen mindestens 20 Leute hin und kümmern sich.", sagt Chris.

"Wo sollen die Leute Party machen, wenn nicht auf einem russischen Flugplatz."

In Rechlin, einem etwa drei bis vier Kilometer vom Fusion-Gelände entfernten Dorf werden tausende Partygäste in der Müritz baden gehen und sich verpflegen. Das war zu Anfang ungewohnt, aber die Menschen haben sich dran gewöhnt. Für Bürgermeister Ringguth ist die Fusion nicht mehr weg zu denken. "Nach den Anfängen, als sich die Rechliner alle beschwert haben über laute Musik, ist jetzt ein Umdenken eingetreten. Die Leute sagen heute, wo sollen denn die jungen Leute Party machen, wenn nicht auf einem russischen Flugplatz."

Petra und Lieschen kommen beide aus Rechlin und arbeiten in einem Hotel. Beide sind jenseits der 50 Jahre alt und auch sie sind Fusion-Fans. "Ist wunderschön, auch die Leute was man so kennenlernt, die reden mit einem. Ich habe sogar schon Leute bei mir auf meinem Hof übernachten lassen. Die hatten keine Unterkunft. Ich habe sie verköstigt und verwöhnt. Also man muss dabei gewesen sein, das kann man so schlecht erklären. Man ist richtig fasziniert." Petra freut sich, dass es wieder losgeht.

Eine typische Fusion-Rakete ist vor dem Eingangsbereich des Geländes des Kultur- und Musikfestivals Fusion auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz zu sehen. (Quelle: dpa/Bernd Wüstneck)
Typische Fusion-Deko, eine Rakete. | Bild: dpa/Bernd Wüstneck

Wenn die Fusion beginnt, rollen täglich Linienbusse, extra eingerichtete Shuttles, vom Festival nach Mirow oder Rechlin - zum Einkaufen, shoppen oder einfach mal die Gegend bestaunen.  Auch das organisiert der Verein. Ebenso wie die Anreise mit Bus und Bahn. 40.000 Euro zahlt der Verein für sieben Sonderzüge von Berlin nach Neustrelitz. Ab dort bringen große Reisebusse die Leute aufs Festivalgelände. Das Festival ist perfekt organisiert.

Streit um Polizeikonzept

Trotzdem gab es in diesem Jahr ein Problem. Die Polizei wollte erstmalig eine Wache auf dem Gelände einrichten. Zudem wurde ein Konzept bekannt, demnach Wasserwerfer und Räumpanzer in Bereitschaft stehen sollten. Das hat eine Welle der Empörung ausgelöst. 20 Jahre ging es ohne. Der Polizeipräsident Niels Hoffmann-Ritterbusch erklärte, "wir wollen doch nicht in jedes Zelt gucken, wir wollen doch nicht die Taschen kontrollieren, und wir wollen auch nicht mit massiver Polizeipräsenz das Kulturerlebnis stören."

Das sahen die Veranstalter anders. Kulturkosmos ist bislang mit 10.000 Helfern ausgekommen, engagiert jetzt professionelle Security-Firmen. Damit zeigt sich die Polizei einverstanden und richtet neben dem Festival-Gelände eine Wache ein.

Sendung: Inforadio, 26.05.2019, 06:00 Uhr

Beitrag von Heike Becker

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Ist schon etwas über den Toten bekannt?

  2. 8.

    Nun ja, auch eine weltanschauliche Sicht kann Sektencharakter haben ;-) Da braucht es Gott nicht für. Nur einen Veranstalter, der Lebensregeln vorgibt: "Medien, Fleisch und Werbung sind tabu. "Wenn die Menschen wenn hierher kommen, können sie ihr Alltagspäckchen ablegen und sich davon befreien, was sie in ihrem Leben belastet. Das macht viel von der Stimmung aus.", erklärt Eulenhaupt.".

  3. 7.

    Na, Fleisch bekommen Sie direkt im Ort. Da schleichen sich viele hin :-)))) Offenbar lassen sich manche nicht gerne nötigen, auf alles verzichten zu müssen. Handys werden auch benutzt.

  4. 6.

    Ich bin schon verwundert, dass die Polizei eine Wache auf dem Gelände aufbauen und Sicherheitskräfte, sowie Wasserwerfer stationieren wollte.
    Ich war in Wacken, bei Melt, in Roskilde - aber soetwas habe ich dort nicht gesehen.
    Liegt es etwa daran, dass das Publikum eher dem linken Spektrum zuzurechnen ist?

  5. 5.

    Naja zumindest behauptet niemand dort, von Gott auserwählt zu sein! So viel zu Sekten....

  6. 4.

    Hier geht um den Ferienkommunismus. Im Grunde ist damit damit schon eine extreme politische Haltung verbunden, die hart am Rande der FDGO liegt. Insofern war Sekte eher noch verharmlosend bezogen auf die Regeln, die für die Besucher gelten. Was ihr whataboutsimus soll weiß ich nicht, aber mit Nazis habe ich nun wahrlich nichts an der Kippa.

  7. 3.

    Stimmt. Die glauben alle an Demokratie, Vielfalt und auch an dieses ominöse Grundgesetz, manche haben es sogar gelesen. Die sind so merkwürdig anders drauf, dass sie gar keine Polizei oder sonstige Obrigkeit brauchen und selbstbestimmt friedlich feiern oder sich über Politisches informieren und austauschen.

    Im Ernst, jedem Tierchen sein Plaisirchen, man muss gar nicht dahin gehen wollen, aber warum gerade das Fusion-Publikum als dogmatische Sektenanhänger*innen darstellen? Ignoranz oder Ideologie? Ich wäre über Ihre selbige Aufmerksamkeit erfreut, wenn es um tatsächlich illegitime Festivals und Veranstaltungen geht - das Schild-und-Schwert-Festival z.B. als ein einziger Haufen von Nazis, das bis heute vom VfS geschützt und gedeckt wird sowie von örtlichen Politker*innen.

  8. 2.

    Klingt fast wie ein Sektentreffen..... Nur mit Eintritt

  9. 1.

    "berühmt-berüchtigte Festival"? - Das "Fusion" ist ein Festival, wie jedes andere. Nur, weil es im Vorfeld zu Unstimmigkeiten zwischen dem Veranstalter und der "Ordnungsmacht" kam? Ich bin immer überrascht, wie tendenziell über Sachen berichtet werden, die sich andersartig, autonom und unangepasst geben. Natürlich werden da auch Drogen geraucht, natürlich auch Bier und andere Alkoholiker getrunken - wie in Wacken, wie bei Melt, wie in Roskilde. Natürlich war das Bestrebungen der örtlichen Politik das "Fusion" zu unterbinden, zu verbieten. Was aber dann? Krokudilstränen, wenn die Gegend sich weiter entvölkert und sich Andere da breit machen, wie im Rest Ostdeutschlands?
    Nur blaue, statt bunte Fahnen wehen?
    Wäre ich nicht so träge, wäre ich dort auch - obwohl ich gerne Fleisch esse ;-))

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