Franziska Winkler (links) und Katharina Mevissen (rechts) haben 2017 die Literaturinitiative handverlesen gegründet (Quelle: Projekt Handverlesen)
Bild: handverlesen

Interview | Literatur-Initiative "handverlesen" - "Gebärdenpoesie ist bisher eine Leerstelle im Literaturbetrieb"

Es gibt Gedichte, die ganz ohne Worte auskommen: In Gebärdensprache entsteht Lyrik durch  Bewegungen des Körpers. Die Berliner Initiative "handverlesen" bringt gehörlose Poeten auf die Bühne. Ein Gespräch über Texte in Bewegung und Barrieren im Literaturbetrieb.

rbb|24: Frau Mevissen, Frau Winkler, Sie sind die Gründerinnen der Berliner Literatur-Initiative "handverlesen". Sie setzen sich dafür ein, dass Poesie in Gebärdensprache einen Platz bekommt in der hörenden Literaturwelt. Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?

Franziska Winkler: Ich bin mit Gebärdensprache aufgewachsen, weil meine Eltern beide gehörlos sind. In meiner Kindheit und Jugend haben wir gemeinsam viele Theaterstücke in Gebärdensprache besucht, manchmal auch Gebärdenpoesien. Nachdem ich zu Hause ausgezogen bin, hatte ich aber lange keinen Kontakt mehr mit dieser Kunstform.

Katharina Mevissen: Ich kannte Poesie und Gebärdensprache nur getrennt voneinander. Dass es gebärdete Gedichte gibt – das war nichts, was mir je begegnet ist im Literaturbetrieb oder in Büchern. Bis ich einmal in einer Buchhandlung in Frankreich auf eine Gedichtsammlung gestoßen bin, der eine DVD beilag. Da waren Videos mit Performances von Gebärdenpoeten drauf und im Buch die Übersetzungen in Lautsprache.

Die Gebärden-Poeten Julia Hroch, Kassandra Wedel, Rafael-Evitan Grombelka und Dawei Ni bei einem "handverlesen"-Workshop (Quelle: handverlesen)
Die Gebärden-Poeten Julia Hroch, Kassandra Wedel, Rafael-Evitan Grombelka und Dawei Ni bei einem Workshop. Bild: handverlesen

Franziska Winkler: Von dem Buch hat mir Katharina erzählt. Wir kennen uns vom Studium durch ein Kurzfilmprojekt, in dem auch Gebärdensprache eine Rolle spielte. Wir haben uns das französische Buch mit den Gebärdenpoesien zusammen angeschaut und dann recherchiert: Gibt es so etwas auch in Deutschland?

Katharina Mevissen: Wir haben aber rein gar nichts gefunden und festgestellt: Da gibt es eine Leerstelle im deutschen Literaturbetrieb. Mit "handverlesen" wollen wir daran etwas ändern – zum Beispiel indem wir Gebärdenpoesie auf die Bühnen der hörenden Literaturwelt bringen.

Wie erlebt jemand, der Gebärdensprache nicht versteht, so eine Performance?

Franziska Winkler: Mir ist es oft passiert, dass Menschen, die sagen, sie können mit Lyrik nicht so viel anfangen, bei Gebärdenpoesie einen anderen Zugang finden. Ich glaube, das liegt daran, dass Gebärdensprache nie ohne Mimik funktioniert und deshalb gleich ein Gefühl vermittelt wird.

Katharina Mevissen: Eine Rückmeldung, die ich häufig vom hörenden Publikum bekomme, ist: Das sieht alles ganz toll aus – so ein bisschen wie Tanz. Dieser Vergleich hinkt aber. Denn ein Mensch, der Gebärdensprache nicht kann, dem bleiben ganz konkrete Inhalte einer Gebärdenpoesie verschlossen. Das Irreführende ist, dass man Gebärden mit Gesten in Verbindung bringt, die man aus dem Alltag, dem lautsprachlichen Sprachgebrauch kennt und dann meint: Ah, da habe ich was gesehen, das kenne ich. Damit liegt man nicht immer, aber ziemlich oft daneben.

Franziska Winkler: Genau deshalb sind Übersetzungen in unserer Arbeit so wichtig. In Workshops haben wir hörende Lyrikerinnen und Lyriker mit Gebärdenpoetinnen und -Poeten zusammengebracht. Mithilfe von Gebärdensprach-Dolmetschern haben sie sich gegenseitig ihre Gedichte erklärt, was sie darin zum Ausdruck bringen wollen. So sind Übersetzungen aus der deutschen Lautsprache in Gebärden-Poesien entstanden und umgekehrt: Aus Performances wurden Texte.

Warum braucht es dafür Übersetzungsarbeit? Notieren sich die Gebärden-Poeten ihre Gedichte nicht erst einmal in Schriftform?

Franziska Winkler: Nein, sie entwickeln das von Anfang an als Gebärdensprache und lernen die Bewegungsabfolgen dann auswendig. Sie machen sich aber manchmal Notizen. Katharina und ich haben uns beim letzten Workshop diese Notizzettel angeguckt: Oft sind das eher Linien und Zeichen. Gebärdensprache lässt sich nicht eins zu eins verschriftlichen.

Katharina Mevissen: Das stellt die hörenden Lyrikerinnen und Lyriker natürlich vor eine große Herausforderung beim Übersetzen in Texte. Welche Worte wählt man? Gibt es eine Möglichkeit, die räumliche Dimension der Gebärdensprache in Schrift zu übertragen? In unseren Workshops sind zum Teil auch sehr visuelle Übersetzungen entstanden, in denen die Textzeilen auf dem Blatt Papier mal senkrecht, mal waagerecht, mal schräg angeordnet sind – um die Dynamik der Gebärden nachzuempfinden.

Die Ergebnisse dieser Übersetzungsarbeit bringt "handverlesen" am Samstagabend auf die Bühne der Lettrétage in Berlin-Kreuzberg. Was erwartet das Publikum da?

Franziska Winkler: Es werden drei Lyrikerinnen auf der Bühne stehen: die hörende Berlinerin Anna Hetzer und die Gebärden-Poetinnen Julia Hroch und Laura-Levita Valyte. Wir beginnen immer zuerst mit dem Original-Gedicht – je nachdem als Performance in Gebärdensprache oder vorgelesen in Lautsprache. Dann folgt die Übersetzung. Die Texte projizieren wir über einen Beamer, damit das gehörlose Publikum während der Lesungen einen visuellen Anknüpfungspunkt hat. Zum Schluss wollen wir gemeinsam mit den Zuschauern diskutieren.

Solche Veranstaltungen mit Gebärdenpoeten an Orten der hörenden Literaturszene sind eins der erklärten Ziele von "handverlesen". Welche Hürden mussten Sie dafür überwinden?

Katharina Mevissen: Es ist gar nicht zu unterschätzen, wie sehr allein schon der Vorschlag stört, man möge doch Gebärdensprache bitte als Literatur- und Poesie-produzierende Sprache anerkennen und mit hineinnehmen in den Literaturbetrieb und in Bücher! Es mag manche Leute persönlich stören, aber es stört vor allem das Denken über Literatur. Weil wir schon in der Schule von klein auf Lesen und Schreiben lernen – und Literatur und Text können eben in dieser konventionellen Vorstellung dann nur in dieser Form stattfinden. Es ist schon ein kleiner mentaler Kraftakt für viele in der Literaturszene, sich vom übermächtigen Buch, von der Vorstellung von Literatur als schriftlicher Text zu lösen.

Franziska Winkler: Auch Institutionen und Fördermittel-Gebern fällt es schwer, sich in die Bedürfnisse von Gebärden-Poeten hineinzuversetzen. Man geht immer von der Sichtweise des hörenden Literaturbetriebs aus. Da sind Veröffentlichungen in Buchform entscheidend. Die gebärdensprachliche Community hat aber einen ganz anderen Zugang zu Literatur, für den Veranstaltungen und Videos eine größere Rolle spielen. Um beide Kulturen zusammenzubringen, arbeiten wir deshalb an einem Buch- und Filmprojekt über Gegenwartslyrik – in Gebärden und Schrift.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Anne Kohlick.

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