Feuerwehr Amtspokal in Seelow. Nour startet mit der Freiwilligen Feuerwehr aus Golzow. © rbb/Michael Lietz
Video: Brandenburg aktuell | 19.06.2019 | Michael Lietz | Bild: rbb/Michael Lietz

Interview | rbb-Doku 2. Teil "Golzows neue Kinder" - "Warum soll Nour anders sein als wir?"

Im Sommer 2015 kam Nour mit ihrer Familie aus Syrien nach Golzow. Mittlerweile hat die 12-Jährige die Grundschule beendet und ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Wie sie sich in dem kleinen Ort integriert hat, erzählt der zweite Teil der rbb-Doku "Golzows neue Kinder".

Golzow im Landkreis Märkisch-Oderland ist weitaus berühmter, als es für einen Ort mit etwa 850 Einwohnern gewöhnlich der Fall ist. Grund dafür ist die Langzeit-Doku "Die Kinder von Golzow",  die 18 Schüler einer Schulklasse in dem brandenburgischen Dorf von 1961 bis 2007 filmisch begleitet hat.

Seit 2015 gibt es eine Neuauflage: Jetzt werden Flüchtlingskinder begleitet, die mit ihren Familien in Golzow leben. Die rbb-Reporter Michael Lietz und Markus Woller zeigen den langen Weg der syrischen Kinder in eine neue Heimat mitten im idyllischen Oderbruch. Am Mittwochabend läuft der zweite Teil von "Golzows neue Kinder".

Im Mittelpunkt steht diesmal die zwölfjährige Nour. Als sie im Sommer 2015 mit ihrer Familie aus Damaskus nach Deutschland flüchtete, war sie verunsichert, heimatlos und sprach kein Wort Deutsch. Nun hat sie erfolgreich die Grundschule gemeistert und wird ab dem kommenden Schuljahr aufs Gymnasium gehen.

Der rbb hat Nour und ihre Familie in den vergangenen vier Jahren eng begleitet. Entstanden ist die Geschichte einer Kindheit auf dem Land unter ganz besonderen Vorzeichen und mit wichtigen Stationen: die Einschulung, die erste Klassenfahrt, die ersten Freunde, der Feuerwehrverein. Ein Gespräch mit Autor Michael Lietz.

rbb: Wie ist es für die Flüchtlingskinder und ihre Familien in Deutschland zu leben?

Michael Lietz: Zwei der drei Protagonisten, die wir seit vier Jahren begleiten, haben jetzt die sechste Klasse beendet und verlassen die Grundschule. Sie sind voll integriert, die Eltern haben mittlerweile Arbeit, beziehungsweise ein Elternteil ist noch in einer Ausbildung. Sie sind angekommen.

Hatten die Familien auch Lust, mit einem Fernsehreporter zu reden? Sie kannten den Vorgänger "Die Kinder von Golzow" sicherlich nicht.

Anfangs haben wir zwei Familien begleitet. Für den zweiten Film dann nur noch eine Familie. Die andere hatte dann nicht mehr so richtig Lust, immer im Mittelpunkt zu stehen. "Die Kinder von Golzow" steht oben drüber - und wenn man damit irgendwo an die Öffentlichkeit geht, stehen da gleich mal zehn oder zwanzig Fernsehteams. Ich habe dort insgesamt fast 40 Fernsehteams in den letzten vier Jahren gezählt. Da hat man natürlich irgendwann keine Lust mehr.

Die Hauptdarstellerin in diesem Film ist die zwölfjährige Nour. Was macht sie so besonders?

Sie ist ein talentiertes Mädchen. Ganz besonders finde ich, dass sie es geschafft hat, aus der ersten Klasse direkt in die vierte Klasse zu wechseln. Sie hat zwei Schuljahre übersprungen und die Grundschulzeit in vier Jahren beendet und nicht in sechs Jahren, wie es normalerweise der Fall ist. Dahinter steckt viel Fleiß und der Wille, etwas zu werden und in ihrem Leben etwas zu erreichen. Sie hat begriffen, dass Bildung eigentlich das einzige ist, was sie weiterbringt.

Das Staatsorchester Frankfurt initiiert in jedem Jahr ein Nachwuchsprojekt. Nour hat einen Soloauftritt. © rbb/Michael LietzJedes Jahr initiiert das Staatsorchester Frankfurt ein Nachwuchsprojekt. Auch Nour hatte bereits einen Soloauftritt.

Wie geht es dem Ort Golzow heute? Es gab ja wohl eine sehr große Abwanderung.

Ja, wie alle Orte im Osten - natürlich auch im Oderbruch. Mittlerweile ist das so ein bisschen gestoppt. Als wir damals nach Golzow gefahren sind, wollten wir eigentlich ein Demografiestück machen. Die erste Klasse war gefährdet, nicht mehr aufgemacht zu werden, weil zu wenige Kinder da waren. Die Probleme gibt es nicht mehr. Die Schule ist gerettet. Es gibt auch wieder Zuzug - wenn auch wenig. Das liegt natürlich daran, dass auch Golzow, wie viele Orte im Osten, mittlerweile von der Berlin-Flucht profitiert. Viele Berlinerinnen und Berliner ziehen raus, weil sie sich die Mieten in der Hauptstadt nicht mehr leisten können.

Ist Nour nun eine ganz normale Schülerin?

Nour ist Klassensprecherin und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Dann ist man wohl Brandenburger, wenn man bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. (lacht) Wir haben bei der Kreismeisterschaft und bei der Nachwuchsfeuerwehr gefilmt. Es sind tolle Bilder geworden. Dass Nour eine ganz normale Schülerin geworden ist, ging auch sehr schnell. Das hat uns wirklich beeindruckt. Irgendwann haben die Kinder selbst erzählt, Mensch ist Mensch, warum soll Nour anders sein als wir.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Michael Lietz führten Tom Böttcher und Marco Seiffert, Radioeins.

Dieser Text ist eine redigierte Version. Das vollständige Gespräch können Sie sich anhören, wenn Sie im oberen Bild auf das Abspielsymbol klicken.

Sendung: rbb Reporter: "Golzows neue Kinder (2)", 19.06.2019, 21:15 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Das Original Kinder aus Golzow kenne ich nicht, dafür jedoch "Berlin - Ecke Bundesplatz". Da reicht es nicht ganz ran, dafür ist diese Doku moderner und frischer gemacht.

  2. 3.

    Eine tolle Reportage! Es hat Spaß gemacht zuzusehen, wie eine geflüchtete Familie jede Chance nutzt, um sich in einem brandenburgischen Dorf zu integrieren. Ich wünschte, wir hätten in unserer Nachbarschaft solche Familien. Wäre mir tausendmal lieber als zu wissen, dass knapp 20% meiner Nachbarn AfD gewählt haben.

  3. 2.

    Hab ich gerade geschaut. Tolle Doku vom rbb. So kann es auch sein: Einfach mal ein Leben leben! Und eigentlich könnte das auch eine Doku über generell neu Zugezogene in ein eingelebtes Dorf in Brandenburg sein. Selbst in Deutschland geborene vor 1990 haben da so mit dem Einleben zwischen Heimat-, Landfrauen-, Sport-, Schützen- und sonst was für Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr so ihre Probleme. Es kommt immer darauf an, wie aufgeschlossen die gesamte ansässige Bevölkerung ist. Und das kam in dieser Doku schon gut rüber.

  4. 1.

    Schön, auch mal was über eine gelungene Integration zu lesen. Ich werde mir die Sendung nicht entgehen lassen.

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