Volker Ludwig (Quelle: dpa/Tagesspiegel)
Audio: Radioeins | 06.06.2019 | Interview mit Grips-Gründer Volker Ludwig | Bild: dpa/Tagesspiegel

Interview | Grips-Gründer Volker Ludwig - "Ich wollte gar kein Kindertheater machen"

Volker Ludwig gründete vor 50 Jahren das Grips-Theater für Kinder - allerdings geschah das eher aus der Not. Was Ludwig bewog, dranzubleiben und welche Schwierigkeiten die Macher in den Anfangszeiten hatten, erzählt der Theatermacher im Interview.

rbb: Herr Ludwig, hätten Sie bei der Gründung des Grips vor 50 Jahren geglaubt, dass es das Theater überhaupt so lange geben wird?

Volker Ludwig: Ich hätte das nie geglaubt. Ich wollte auch gar kein Kindertheater machen. Wir kommen ja vom politischen Kabarett, Das "Reichskabarett Berlin" gab es von 1965 bis 1971 und war die satirische Stimme der Studentenbewegung. Daraus entstand aus politischen Gründen dieses Kindertheater. Wir dachten wir machen das zwei oder drei Jahre, dann werden das andere übernehmen und dann können wir wieder zurück zum Kabarett. Das war mir eigentlich lieber war, weil man dort mit Ironie arbeiten konnte. Bei Kindern geht das nicht. Ich war da sehr im Zweifel am Anfang.

Und trotzdem sind Sie beim Kindertheater geblieben. Warum? Was hat Sie da gereizt?

Dieses Kindertheater wurde nach anfänglichen Problemen ein solcher Erfolg, weil es die einzige Alternative zu dem gängigen Weihnachtsmärchen war. Anfang der 70er haben ganz viele Theater in Westdeutschland, ob städtische oder staatliche, auf einmal unsere Stücke nachgespielt. Alle Stücke die wir machten, also die zwei pro Jahr, wurden 30- bis 40-mal von anderen Bühnen nachgespielt. Das bekam eine ganz große Bedeutung. Es gab große Kämpfe an den Hochschulen und an den Schulen. Lehrer wurden entlassen, weil sie unsere Stücke, zum Beispiel in Bayern, nachspielten.

Es gab große Auseinandersetzungen. Und dann zu sagen: Nein, so ernst haben wir es nicht gemeint. Das ging nicht. Wir hätten uns unglaubwürdig gemacht, denn es bekam so eine Bedeutung. Ich musste mir wirklich überlegen, als uns nach fünf Jahren das große Haus am Hansaplatz angeboten wurde, machst du es oder machst du es nicht. Ich habe eher gehofft, es würde schief gehen. Ich habe gesagt, dann muss man es wenigstens ausweiten.

Wir haben auch Jugendtheater gemacht und Theater für Erwachsene. Ich konnte auch wieder mit Ironie arbeiten. Ich dachte, wenn ich alles, was ich gerne schreibe, auch in diesem Theater verwenden kann, kann ich das ein Leben lang aushalten. So habe ich mich nach fünf Jahren entschlossen, dabei zu bleiben.

Wenn Sie zurückblicken, welche Zeiten waren die schwersten für das Grips? Und wie haben Sie sich da wieder rausgekämpft?

Es gab ganz plötzlich eine Anti-Grips-Kampagne der Berliner CDU und Teile der Springer-Presse. 1975 fing diese ganz unvermittelt an. Auf einmal wurden wir als die großen Kinder-Verderber hingestellt und uns wurde vorgeworfen, mit faschistischen Methoden zu arbeiten. Wir durften in CDU-regierten Bezirken nicht mehr auftreten und die CDU-Fraktion hat drei Jahre lang einstimmig im Abgeordnetenhaus gefordert, dass wir kein Geld mehr kriegen und dass keine Schulklassen zu uns dürfen. Das war schon ziemlich hart. Als dann noch behauptet wurde, wir seien Unterstützer der Baader-Meinhof-Bande und ich dagegen klagte und in letzter Instanz verlor, dachten die meisten, dass es nun das Ende vom Grips-Theater war.

Aber es erhob sich eine dermaßen große Protestwelle gegen dieses absurde Urteil - nicht nur von Lehrern und Erziehern, sondern auch von der bürgerlichen Presse und von Prominenten wie Peter Stein – so dass es eine Riesen-PR für uns war. Somit war diese ganz schlimme Geschichte damit beendet.

Was glauben Sie verbinden die Berlinerinnen und Berliner ganz persönlich mit dem Grips-Theater?

Sehr viele haben Theater durch Grips kennengelernt Am Anfang ging man entweder ins Grips oder in Peterchens Mondfahrt. Etwas Drittes gab es nicht. Die, die das Glück hatten zu uns zu kommen, waren viele Jahre, zweimal jährlich bei uns und kannten die Lieder vor allem auswendig. Viele Lieder sind in Liederbüchern und man weiß gar nicht mehr, dass die von uns kamen. Das ist beinahe so richtig Volksliedgut geworden. Das spielt schon eine große Rolle. Und dann eben auch diese ganzen Kinderstück – die auch für Erwachsene zu ertragen sind.

Von "Linie 1" bis "Inside IS"

Heute ist alles Digitale so mächtig und trotzdem zieht das Theater nach wie vor bei Kindern und Jugendlichen. Was glauben Sie, woran liegt das?

Es ist ganz erstaunlich. Das liegt einfach daran, dass es lebendige Menschen auf der Bühne sind. Ich habe schon öfters mal den Ausruf im Publikum gehört: Ey, die sind ja echt. Das heißt gerade Kinder, die besonders im Digitalen bewandert sind, sind besonders fasziniert, weil das etwas völlig anderes ist. Das ist natürlich eine große Freude.

Wie feiern Sie den 50. und vor allem - feiern Sie mit?

Ja, klar. Es gibt am 11. Juni eine große Gala. Außerdem gibt es einige Gastspiele - vor allem, was ich am meisten liebe, ist das Stück "Mormolis" aus Griechenland. Das ist das anarchistischste Stück, was wir je gemacht haben. Es wird an diesem Samstag in der Akademie der Künste aufgeführt. Da kann ich nur sagen, rennt da hin. Es gibt auch aus Korea die "Linie 1", die schon zweimal bei uns war. Außerdem kommen Theater aus Indien – hier werden beispielsweise viel mehr Grips-Stücke gespielt als in Deutschland. Das heißt, wir laden hauptsächlich unsere Freunde aus dem Ausland ein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sophia Wetzke, Radioeins.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version. Das vollständige Gespräch können Sie sich anhören, wenn Sie im oberen Bild auf das Abspielsymbol klicken.

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Nochmals, meine Gratulation zum 50 jährigen Bestehen. Bitte bleiben Sie uns noch lange erhalten. Besonders für unsere Kleinen. Dankeschön.

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