Juppy Becher (Quelle: rbb/Gregor Baron)
Video: Abendschau | 09.06.2019 | Ulli Zelle | Bild: Gregor Baron

Interview | 40 Jahre Ufa-Fabrik - "Ich bin mit denen umgegangen wie im Dorf"

Am 9. Juni 1979 besetzten etwa 100 Menschen ein leerstehendes Filmkopierwerk in Tempelhof: die Geburtsstunde der Ufa-Fabrik. Schon damals hatte Juppy den Hut auf - im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Ein Gespräch mit dem legendären Kommunarden.

rbb: Sie nahmen am 9. Juni 1979 mit etwa 100 Mitstreitern das Gelände des ehemaligen Ufa-Kopierwerks "wieder in Betrieb". Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen?

Wir wollten einen Platz haben, wo wir wohnen und arbeiten können, wo wir unsere Kultur und unsere Ökologie machen können. Es sollte alles an einem Ort sein, ohne lange rumzulaufen. In der Zeit, wo der Arbeiter von Kreuzberg nach Siemensstadt zur Arbeit und wieder zurück fährt, haben wir auf der Straße bei uns den Zirkus geprobt. So ist das alles entwickelt worden.

Besetzen kam in West-Berlin durchaus schon öfter vor?

Wir haben immer friedlich in Betrieb genommen. Man konnte mit niemand reden, weil wir nicht ernst genommen wurden. Entweder macht man das, was der Alte sagt, oder es passiert nichts. Darauf haben wir leider keine Rücksicht nehmen können, weil wir etwas Neues machen wollten und worüber die noch niemals nachgedacht haben. Wie man sieht, hat sich das in der Zwischenzeit so entwickelt: Wir haben aus vielen Idioten, nette Kerle gemacht.

40 Jahre Ufa-Fabrik

Ich weiß nicht, ob Sie Dieter Hapel auch in diese Kategorie einreihen würden. Er war damals Vorsitzender der Tempelhofer Jungen Union und offenbar sehr skeptisch gegenüber dieser Besetzung in seinem Bezirk, wo er später auch Bezirksbürgermeister war.

Wir sind Freunde geworden.

Auf solche Leute, die auf der anderen Seite stehen, zuzugehen, scheint eine Stärke von ihnen zu sein.

Ich bin die ersten zwölf Jahre meines Lebens in einem kleinen Dorf groß geworden, in Trittenheim an der Mosel. Und wenn du in Berlin, in dieser Riesenstadt groß wirst, denkt man, da blickt doch keiner durch. Ich bin mit denen umgegangen wie im Dorf, und so ist das auch hier. Berlin ist letzten Endes ein großes Dorf. Und da muss man mit Menschen auch so umgehen, dass die wissen, was man will.

Die ufaFabrik ist ein selbstverwaltetes Kultur- und Lebensprojekt im Berliner Ortsteil Tempelhof, auf dem Gelände des ehemaligen Filmkopierwerks der Aktiengesellschaft für Filmfabrikation (AFIFA), einer UFA-Tochter. Dort lebt heute eine Gemeinschaft von etwa 40 Menschen und betreibt kulturelle und soziale Projekte sowie verschiedene Handwerke und eine Schule. Es gibt rund 200 Arbeitsplätze auf dem 18.566 m² großen Gelände. (Quelle: ufaFabrik)
Der ufaFabrik-Circus Anfang der Achtzigerjahre | Bild: ufaFabrik

Das heißt auch, Ideologien einmal beiseitelassen und einfach auf den anderen Menschen zuzugehen?

Du musst jedem eine neue Chance geben. Als wir angefangen haben, war Willy Blume SPD-Fraktionsvorsitzender in Tempelhof und Klaus Wowereit war sein Vize-Fraktionsvorsitzender. Ich war damals 30 Jahre alt und Wowereit war 25. Ich habe ich immer gesagt, ich hoffe er hat Abitur und kann sich alles merken. Und dann ist er Regierender Bürgermeister geworden. Tolle Entwicklung. Wir sind auch heute noch Freunde.

Was heute alles in der Ufa-Fabrik passiert, da könnte man eine lange Aufzählung machen. Ich mache mal eine kleine Auswahl: Es gibt ein internationales Kulturzentrum, ein Café, ein Gästehaus, Probenstudios, eine Kinderzirkus-Schule, ein Nachbarschaftszentrum, einen Kinderbauernhof oder Bio-Bäckereien. Wie nah ist das eigentlich an der Vision, die Sie damals vor 40 Jahren machen wollten?

Es sind Träume Wirklichkeit geworden, die ich nie gewagt hatte, zu träumen. Denn das Leben entwickelt sich. Wenn mich einer gefragt hat: Wie ist eure Perspektive für die nächsten fünf Jahre? Da hab ich gesagt, so eine Perspektive geht mindestens über 300 Jahre. Das kann man ja nicht von heute auf morgen machen. Wenn man etwas Anständiges macht, dann bleibt es ewig am Leben. Wenn ein Traum Wirklichkeit wird, ist der Ärger nicht weit. (lacht)

Es gab politische Widerstände. Finanziell war es wahrscheinlich auch nicht einfach. Gab es mal einen Punkt, wo Sie gedacht, es geht nicht mehr weiter?

Wir haben nichts mit Tesafilm angeklebt, sondern gleich mit einer anständigen Schraube festgemacht. Wir haben das so angefangen und das wollten wir auch so weitermachen. Und uns gibt es vielleicht auch noch in 100 Jahren. Wir sind auch mit der Stadt eins, und wir wollten nicht irgendwas gegen die Stadt machen, und wir haben keinen in die Fresse gehauen. Wir haben gesagt: Okay du machst das, wie du machst, und du kannst mal gucken, wie wir das machen. Da kann man heute sehen, was besser ist und was schlechter ist. Ich bin echt stolz darauf.

Die ufaFabrik ist ein selbstverwaltetes Kultur- und Lebensprojekt im Berliner Ortsteil Tempelhof, auf dem Gelände des ehemaligen Filmkopierwerks der Aktiengesellschaft für Filmfabrikation (AFIFA), einer UFA-Tochter. Dort lebt heute eine Gemeinschaft von etwa 40 Menschen und betreibt kulturelle und soziale Projekte sowie verschiedene Handwerke und eine Schule. Es gibt rund 200 Arbeitsplätze auf dem 18.566 m² großen Gelände. (Quelle: ufaFabrik)
| Bild: ufaFabrik

Jetzt ist die Generation der Gründerinnen und Gründer 40 Jahre älter. Sie selbst sind Anfang 70. Wie sieht es eigentlich mit dem Nachwuchs aus für das Projekt?

Ich habe einen Sohn, der ist inzwischen 35 Jahre alt. Aber da sind auch andere Leute von uns, die natürlich auch ihren Freundeskreis haben. So sieht die Zukunft gut aus. 

Es bleibt also weitestgehend in der Familie?

Nicht nur in der Familie. Wir sind ja auch eine große Familie, es ist nicht nur eine Blutsverwandtschaft, sondern auch eine geistige Verwandtschaft. So ist es auch mit allen Freunden von denen. So wachsen wir. Und wir müssen bald neu bauen, sonst passen die Leute nicht mehr aufs Gelände.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie so eine Art Verkörperung der Ufa-Fabrik geworden sind?

Ich verstehe das auch nicht. Was wäre ich ohne die Anderen. Das wäre gar nichts geworden. Ich habe mit dem Zirkus angefangen. Manche von uns dachten, so ein Scheiß. Aber dann wurde es immer mehr Spaß. Und dann hat man gesehen, wie wichtig das ist. Wir hatten ja noch nicht so viel drauf. Zwei Stunden Programm hätten wir nicht machen können. Aber jeder von uns zehn Minuten - das hat wunderbar geklappt. Und heute noch. Wir haben inzwischen das 33. Berliner Kinderzirkus Festival. Wenn man sich mal überlegt, wie man früher mit Kindern umgegangen ist, batsch, bumm, so wird das gemacht. Wir fragen ein Kind: Was willst du machen? Und dann machen wir das so!

Ist die Ufa-Fabrik für Sie so eine Art Lebenswerk?

Ja klar, ich habe ja nichts anderes gemacht. Da steckt alles drin, was das Leben so ausmacht.

Aber so einen richtigen Ruhestand haben Sie jetzt noch nicht erreicht. Jetzt sitzen sie hier und sprechen für die Ufa-Fabrik.

Ich bin kein Geschäftsführer mehr. Aber ich bin im Vorstand. Und mich interessiert manches gar nicht. Wenn ich gebraucht werde, bin ich da. Das ist meine Arbeit.

Wie ist eigentlich der Hut auf ihren Kopf gekommen, ohne den Sie keiner mehr kennt.

Wir haben mal im Tiergarten im Zirkus gespielt. Danach bin ich zu Fuß über den Bahnhof Zoo nach Hause gegangen. Dort bin ich an zwei Frauen auf einer Bank vorbei gegangen. Da sagte die eine, der Typ sieht aus wie in den 20er-Jahren. Da habe ich gemerkt, wie wichtig auch so ein Hut ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

"Die Geschichte der Ufa-Fabrik" (rbb Kultur vom 25.05.2019)

Ein historisches Foto der ufaFabrik (Bild: rbb)
rbb

Das Interview führte Frank Meyer, rbb Kultur.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version. Das vollständige Gespräch können Sie sich anhören, wenn Sie im oberen Bild auf das Abspielsymbol klicken.

Sendung: rbb Kultur, 04.06.2019, 16:10 Uhr

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