Portrait-Aufnahme von Ken Follett. (Quelle: dpa/Olivier Corsan)
Audio: Inforadio | 27.06.2019 | Jenny Beyen | Bild: dpa/Olivier Corsan

Interview | Ken Follett - "Berlin stand schon immer im Zentrum des Geschehens"

Ken Follett ist einer der erfolgreichsten Autoren der Welt, unter anderem wegen einer Buchreihe, die in Berlin spielt. Im November kommt er mit einem neuen, diesmal politischen Projekt in die Stadt. Hintergrund ist auch der Brexit, sagt er im Interview.

rbb: Ihr großer Erfolgsroman "Die Säulen der Erde" wurde 1989 veröffentlicht, also in dem Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel. Seitdem haben Sie auf ihren Lesetouren ganz Europa bereist. Was ist der wichtigste Eindruck, den Sie auf diesen Reisen gewonnen haben?

Ken Follett: Wir haben so viel gemeinsam. Dazu gehört, dass all diese Millionen Menschen, egal in welchem Land sie leben, welche Sprache sie sprechen, welchen Hintergrund sie haben – sie alle mögen gute Geschichten. Und das liegt wahrscheinlich im Wesen dieser Geschichten selbst. Die besten Geschichten handeln von fundamentalen Erfahrungen, so dass alle Menschen sie verstehen können.  Die Gefühle der Figuren in den Geschichten, ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Träume sind die, die Menschen überall auf der Welt teilen.

Sie werden im Herbst wieder auf Tournee gehen - mit Kate Mosse, Jojo Moyes, Lee Child. Was ist die Idee von "The Friendship-Tour"?

Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern in Europa ein Zeichen der Freundschaft und der Anerkennung senden. Wollen Ihnen zeigen, wie sehr wir sie schätzen. Und natürlich ist der Hintergrund unsere Sorge über die Botschaften, die seit einiger Zeit von Großbritannien ausgesandt werden. Botschaften, die so missverstanden werden könnten, als dass wir Briten nicht Teil von Europa sein wollen. Dass wir unsere europäischen Nachbarn nicht wertschätzen. Dass wir Briten uns für etwas Besonderes, etwas Besseres halten. Und diese Botschaften machen mich sehr wütend. Deshalb kam ich auf die Idee zu dieser Tour. Und es stellte sich heraus, dass viele Autorinnen und Autoren der gleichen Meinung sind. Wir sind besorgt über die feindseligen Signale unserer Regierung und wir möchten sagen: Wir sind stolz auf unsere Verbindungen mit Europa, wir bringen all den Menschen, die unsere Bücher in den verschiedenen Sprachen lesen, unser Hochachtung entgegen.

An diesem Abend werden Sie vier miteinander sprechen, und – wie es in der Ankündigung heißt –, das Publikum zum Gespräch einladen. Warum ist Ihnen das wichtig?

Wir alle vier haben auf unseren Lesereisen die Erfahrung gemacht, dass das Publikum den Teil des Abends, wo es uns Fragen stellen kann, am meisten mag. Und uns geht es genauso: Das Gespräch mit dem Publikum gefällt uns allen am besten. Weil wir nämlich nicht wissen, was auf uns zukommt. Wir sind es gewohnt, Lesungen zu machen, Reden zu halten. Wenn aber in den Lesungen die Menschen aufstehen, ihre Meinung sagen, ihre Fragen stellen, zeigt das uns, was sie beschäftigt, wie sie unsere Geschichten verstehen. Davon können wir wiederum etwas für unser Schreiben lernen.

Was genau wird denn während der Lesungen passieren?

Das müssen wir noch im Detail entwickeln, da gibt es viele Ideen, zusätzlich zum Gespräch mit dem Publikum. Eine wichtige ist: Wir möchten Autorinnen und Autoren aus den Ländern, in denen wir zu Gast sind, auf die Bühne einladen. Was sonst noch alles passieren wird, werden wir in den nächsten Monaten gemeinsam entwickeln.  Wir haben ja noch fast ein halbes Jahr Zeit.

Ihre Tour führt Sie nach Madrid, Paris, Rom. Und eben nach Berlin, ein Schauplatz ihrer sogenannte Jahrhundert Trilogie. Was verbinden Sie noch mit der Stadt, von der ja zweimal ein Krieg gegen Großbritannien ausgegangen ist?

Heute ist es nahezu unvorstellbar, dass es wieder einen europäischen Krieg geben würde. Ist es nicht äußerst vielsagend? Die Gründe sind unvorstellbar, der Verlauf ist unvorstellbar. Natürlich ist nichts unmöglich – aber ein Krieg in Europa wie damals, ist nahe dran an der Unmöglichkeit. Und das nach Jahrhunderten, in denen die europäischen Mächte quasi permanent miteinander im Krieg waren. Das hat natürlich mit der EU zu tun. Dadurch, dass wir so eng miteinander verbunden sind, durch den Handel, aber auch durch die Freizügigkeit. Ich lebe in London, wo es viele Franzosen, Deutsche, Polen gibt. Sie und all die anderen Menschen aus den anderen Ländern machen es so beglückend, in dieser Stadt zu leben. Und im heutigen Berlin ist es nicht anders. Ich habe auch deshalb so viel über Berlin geschrieben, weil die Stadt immer im Zentrum des Geschehens stand. Besonders während des Kalten Kriegs. Aber diese Zeiten des europäischen Dramas sind vorbei.

Ein Gedankenspiel: Wie würde wohl ein zukünftiger Ken Follett, sagen wir in 800 Jahren, einen Roman über die Ereignisse in Großbritannien unserer Gegenwart schreiben? Und welche Rolle würde Boris Johnson in diesem Roman spielen?

Dieser zukünftige Autor würde ein Buch über den Abstieg einer Nation schreiben. So etwas passiert eben. Nationen steigen auf und verlieren auch an Bedeutung. England und später das Vereinigte Königreich waren über Jahrhunderte eine starke und reiche Großmacht. Doch es hat seinen Zenit überschritten. Wir sind nicht mehr so reich und mächtig wie zuvor. Das Problem ist nur: Wenn eine Nation einmal so bedeutend war, ist es für die Menschen, die dort leben, sehr schwer einzusehen, dass diese Zeiten vorbei sind. Ich habe den Eindruck, dass viele Briten blind sind dafür, wie die Zeiten sich geändert haben. Sie sprechen immer noch von Great Britain.

Sie haben aber Boris Johnson noch keine Rolle in dem Roman eingeräumt. Ist er nicht bedeutend genug, um vorzukommen?

(lacht) Ich denke, er wird unser neuer Premierminister werden, was bedeutet, dass wir einen Clown als Premierminister haben. Das passt ja irgendwie zu einer Nation, die leichtfertig so vieles wegwirft, was sie über Jahrzehnte gewonnen hat. Jahrzehnte von cleverem Handel, den großen Erfindungen. All die wunderbaren Dinge, die England zur Entwicklung der Menschheit beigetragen hat. Und eben auch die wichtigen Kriege, die wir gefochten haben. All das, um jetzt zu sagen: "Wir ziehen uns jetzt von der Welt zurück. Und das wird uns gut tun."

In der Presseerklärung zu Ihrer Tour kommt das Wort Brexit nicht vor. Warum? Haben Sie noch Hoffnung, dass es womöglich doch keinen Brexit geben wird?

Die Hoffnung habe ich zwar, aber die Chancen sind sehr gering. Das Wort "Brexit" kommt nicht vor, weil wir nicht wollen, dass es bei unserer Tournee nur darum geht. Auch wenn das der Auslöser war. Selbst, wenn der Brexit nicht stattfände – unserer Meinung nach wurde die falsche Nachricht ausgesendet. Wir hätten immer noch unser Anliegen, dem falschen Eindruck auf Europa, den die Ereignisse in unserem Land gemacht haben, etwas entgegenzusetzen: unsere Freundschaft.

"Die Friendship Tour" macht Station in Berlin am 23. November um 20 Uhr im rbb-Sendesaal, präsentiert von Radioeins. Der Vorverkauf beginnt am 11. Juli.

Das Interview führte Thomas Böhm für Radioeins.

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